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„Anfang vom Ende der Opec“

Ein Arbeiter prüft eine Ölpipeline im Irak. Vorerst wird die weltweite Förderung wohl nicht sinken. Foto: dpa
Ein Arbeiter prüft eine Ölpipeline im Irak. Vorerst wird die weltweite Förderung wohl nicht sinken. Foto: dpa FOTO: dpa
Das Förderkartell Opec hat sich in Doha nicht zu einer gemeinsamen Strategie gegen den Ölpreisverfall durchringen können. Welche Folgen das hat, erläutern dpa-Mitarbeiter Jürgen Sabel und Jan-Henrik Petermann in Frage-Antwort-Form.

Warum konnten sich die Ölmächte nicht untereinander verständigen?

"Eine Einigung auf Produktionsobergrenzen ist an Saudi-Arabien gescheitert", sagt Experte Eugen Weinberg von der Commerzbank . Seiner Einschätzung nach endete das Treffen der Opec-Staaten und Russlands in Doha (Katar) als "Fiasko". Die Saudis hatten offenbar darauf bestanden, eine Lösung müsse von allen Staaten der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) mitgetragen werden - also auch vom Iran. Saudi-Arabiens Rivale Iran saß aber nicht mit am Verhandlungstisch. Nach der Aufhebung des Embargos will Teheran seine Förderung auf vier Millionen Barrel (je 159 Liter) am Tag hochfahren und verweigert sich einer Begrenzung, auf die sich im Februar Saudi-Arabien, Russland, Katar und Venezuela verständigt hatten. "Da wir einen Plan fürs Einfrieren nicht unterzeichnen wollen, gibt es keine Notwendigkeit, jemanden vor Ort in Doha zu haben", sagte Ölminister Bidschan Namdar Sanganeh. Durch eine Deckelung der Fördermenge sollte ein Anstieg der Preise ausgelöst werden - so der Plan. Gestern nun fielen die Ölpreise deutlich.

Wie haben sich Rohölpreise zuletzt entwickelt?

Von Mitte 2014 bis Ende 2015 fiel der Rohölpreis um bis zu 70 Prozent. Im Januar war er auf weniger als 30 Dollar pro Barrel gesunken. Seit Ende Februar stieg er wieder über die 40-Dollar-Marke. Benzin, Diesel und Heizöl hatten sich infolge des Preisverfalls bei Rohöl stark verbilligt. Im Euro-Raum war der Rückgang an den Tankstellen nicht ganz so stark spürbar, weil der Euro gegenüber dem Dollar gefallen war. Zeitweise kostete aber Diesel weniger als einen Euro pro Liter. Inzwischen sind die Preise wieder leicht gestiegen.

Was spricht jetzt für einen neuerlichen Rückgang der Ölpreise?

Das Opec-Kartell gibt nach außen ein tief zerstrittenes Bild ab. Die Interessen von Großförderern wie Saudi-Arabien stehen denjenigen kleinerer Mitglieder gegenüber. "Es ist der Anfang vom Ende der Opec", sagte die Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Claudia Kemfert, im Nachrichtensender n-tv . Derzeit übersteige das weltweite Angebot den Bedarf um 1,5 Millionen Barrel pro Tag, sagte Öl-Experte Frank Schallenberger von der Landesbank Baden-Württemberg . Das Rohöl-Überangebot könnte laut Schätzung der Investmentbank Morgan Stanley weiter steigen. Die Verbraucher können daher voraussichtlich weiterhin von niedrigen Rohölpreisen profitieren.

Welche Rolle werden einzelne Förderländer künftig spielen?

Der mächtigste Opec-Staat Saudi-Arabien will mit niedrigen Preisen andere Förderländer, vor allem die USA, aus dem Markt drängen. Mit einigem Erfolg: Die USA sind dank der umstrittenen Fördertechnik Fracking zu einem wichtigen Ölexporteur aufgestiegen. Allerdings ist die Technologie vergleichsweise teuer. Unter dem Druck des Billigöls geraten daher immer mehr US-Förderer ins Schlingern. Inzwischen ist die Zahl der aktiven US-Bohrlöcher auf den tiefsten Stand seit 2009 gesunken. Aber auch Saudi-Arabien zahlt für die Verdrängungsstrategie einen hohen Preis. Der Staatshaushalt finanziert sich zu fast 90 Prozent aus Öleinnahmen. 2015 drohte dem Land dem Internationalen Währungsfonds zufolge ein Defizit von 21 Prozent. Auch andere Förderstaaten wie etwa Russland und Venezuela sind auf viel höhere Preise angewiesen.

Welche Gefahren birgt der Ölpreisverfall?

Förderländer und -industrie sind am stärksten betroffen. Indirekt und mittelfristig könnten aber Exporte aller Branchen in Ölländer leiden. Experten der Deutschen Bank sagen schon jetzt: "Das Ende der goldenen Ära der Ölstaaten wird das Wachstum deutscher Exporte 2016 dämpfen."

Meinung:

Schwaches Kartell

Von Merkur-MitarbeiterVolker Meyer zu Tittingdorf

Ein Kartell ist nur so stark, wie sich seine Mitglieder einig sind. Das Scheitern der jüngsten Konferenz offenbart die Schwäche der Opec. Hauptgrund dafür ist die Rivalität Saudi-Arabiens mit dem Iran. Die Saudis hatten in ihrem Macht-Spiel erst den Preisverfall mit provoziert, um US-Förderer vom Markt zu drängen. Jetzt wollen die Scheichs eine Deckelung, weil ihnen der Verfall zu weit geht - und um den Iran klein zu halten. Teheran will dagegen zu alter Stärke zurückfinden und mehr Öl fördern. Die Opec hat wegen dieses Streits vorerst ihre Preismacht und damit ihre Rolle als Autofahrer-Schreck verloren.