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Überlebenskampf der früheren Halberg Guss
Letzte Frist für die Gusswerke Saarbrücken

 Die Stimmung ist ernst und angespannt. Die Mitarbeiter der Gusswerke Saarbrücken bekamen am Freitag wieder eine Hiobsbotschaft.
Die Stimmung ist ernst und angespannt. Die Mitarbeiter der Gusswerke Saarbrücken bekamen am Freitag wieder eine Hiobsbotschaft. FOTO: BeckerBredel
Saarbrücken. Alle Mitarbeiter der früheren Halberg Guss bekommen Kündigungen. Doch die Verhandlungen zur Rettung der Gießerei laufen weiter. Von Volker Meyer zu Tittingdorf

Mit ernsten Gesichtern und schnellen Schrittes verlassen sie das Werksgelände. Schweigsam, bedrückt. Gerade haben die noch verbliebenen Mitarbeiter der Gusswerke Saarbrücken die nächste schlechte Nachricht zu hören bekommen. Noch vor Ende des Jahres sollen alle ihre Kündigung erhalten, und bis spätestens Ende März droht die Schließung der traditionsreichen Gießerei. Darüber informierte sie am Freitag Insolvenzverwalter Franz Abel.

So kurz vor Weihnachten solch eine Nachricht – „das ist schon schlimm“, sagt einer der Betroffenen. Christian heißt er, seinen vollen Namen mag er nicht nennen. Seit 31 Jahren arbeitet er in der Brebacher Motorblockgießerei. Und jetzt soll alles vorbei sein? „Aus heutiger Sicht muss ich von einer Betriebsschließung ausgehen“, teilt Abel mit. Vor einigen Wochen hatte er noch gesagt, dass er nicht die Absicht habe, „die Gusswerke abzuschließen“. Vielleicht kann er diesen traurigen Schritt aber doch noch vermeiden. Auf der Betriebsversammlung hat er offenbar auch darüber gesprochen, dass die Verhandlungen über eine Fortführung nicht abgebrochen sind. Im Gegenteil. Sie „laufen auf allen Ebenen rund um die Uhr auf Hochtouren“, so Abel. „Hoffnung soll man immer noch haben“, sagt  Mitarbeiter Christian – klingt aber gar nicht hoffnungsvoll.

Wirtschaftsstaatssekretär Jürgen Barke (SPD) macht Mut. „Ich bin nicht bereit, die Hoffnung aufzugeben“, sagt er. „Es besteht eine realistische Chance“ zur Rettung der Gießerei. Ähnlich äußert sich Patrick Selzer, der erste Bevollmächtigte der Gewerkschaft IG Metall Saarbrücken: „Wenn wir innerhalb der nächsten drei Monate ein Fortführungskonzept hinbekommen, werden die Kündigungen zurückgezogen.“



Im Grunde ist die Lage ähnlich wie vor gut zwei Wochen. Ende November hatte Insolvenzverwalter Abel einen Job-Kahlschlag verkündet. 600 Beschäftigte wurden freigestellt. Ihr Arbeitsplatz war erst einmal weg. Unmittelbarer Auslöser für den Stellenabbau war der Ausstieg des größten Kunden General Motors (GM). Kurz zuvor hatte es noch besser ausgesehen. Alle wichtigen Kunden schienen gewonnen. Mit der Ferraro Group aus Neunkirchen war auch ein Investor gefunden. Die Gießerei wäre in der Lage gewesen, schwarze Zahlen zu schreiben, sagte Abel. Dann wäre nach seiner Einschätzung nur der Abbau von etwa 100 Arbeitsplätzen nötig gewesen. Doch dann kam eben der Rückzug von GM dazwischen. Das war aber nicht das Ende. „Wir sind wir weiterhin im Boot“, hatte Giuseppe Ferraro von der Geschäftsführung des möglichen Investors gesagt. „Für uns ist es wichtig, dass Arbeitsplätze im Saarland erhalten werden.“

Offenbar steht die Ferraro Group zu dieser Zusage. „Die Verhandlungen laufen auf Hochtouren“, heißt es auch dort. Über den Stand der Gespräche sei aber Stillschweigen vereinbart, sagt ein Firmensprecher. Die Idee ist, den Betrieb mit einer Rumpfmannschaft von rund 400 Mitarbeitern weiterzuführen. Damit der Kaufvertrag zustande kommt, brauchen die Gusswerke verlässliche Zusagen der verbliebenen Kunden über langfristige Aufträge. Genau darum drehen sich alle Verhandlungen. Nur gilt jetzt eine Frist. Noch bis Ende März bleibt Zeit. So lange können der Insolvenzverwalter, der bereitstehende Investor und der Wirtschaftsstaatssekretär um die Kunden werben. Abel sieht sich auf „Bittsteller-Tour“ bei den Kunden. So formulierte er es vor zwei Wochen. Es liefen auch Anfragen bei den früheren Großauftraggebern VW und Daimler, und auch bei GM wird angeblich angeklopft, noch einmal zurückzukommen. „Wir brauchen jede Tonne“, sagt der IG-Metall-Bevollmächtigte Selzer. Aufträge für mehr als 30 000 Tonnen Gussteile im Jahr sollten es schon sein, hieß es Ende November.

Die 400 Mitarbeiter, die noch zur Schicht kommen, aber ihre Kündigungen in Kürze erhalten sollen, können gute Nachrichten gebrauchen. Seit langem kämpft das Unternehmen ums Überleben. Vor zehn Jahren war die Gießerei schon einmal in der Insolvenz. Dann schien es dauerhaft aufwärts zu gehen. Kurz nach dem Einstieg der Prevent-Gruppe Anfang 2018 begann die große Krise und eine immer weiter eskalierende Auseinandersetzung zwischen Belegschaft und Geschäftsführung. Die Arbeitnehmer warfen Prevent vor, mit überzogenen Preisen Kunden zu vergraulen. Ende 2018 keimte große Hoffnung auf, als One Square Advisors die Geschäfte übernahmen. Sie wollten die Großkunden VW, GM und Deutz für ein gemeinsam finanziertes Sanierungskonzept gewinnen. Das Vorhaben scheiterte. Im September meldete die Geschäftsführung Insolvenz an. Zwei Monate zuvor hatte sie 200 Mitarbeiter dazu gedrängt, das Unternehmen zu verlassen. Die versprochenen Abfindungen wurden nie gezahlt. Der Einstieg der saarländischen Ferraro Group ist offenbar die letzte Chance für die Gusswerke. Bleiben die Zusagen der Kunden aus, wird spätestens Ende März die Geschichte der Brebacher Gießerei enden – nach mehr als 260 Jahren.