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Ein Hauch von Mittelmeer an der Mosel

Touristin Caroline Schneider aus den Niederlanden klettert an den Felsen des Erdener „Treppchens“. Die steilen Felsen sind Lebensraum für seltene Tiere und Pflanzen. Foto: Harald Tittel/dpa
Touristin Caroline Schneider aus den Niederlanden klettert an den Felsen des Erdener „Treppchens“. Die steilen Felsen sind Lebensraum für seltene Tiere und Pflanzen. Foto: Harald Tittel/dpa FOTO: Harald Tittel/dpa
Erden. In den Weinbergen an der Mosel gedeihen nicht nur Trauben. Die steilen Felshänge sind auch Lebensraum für seltene Tiere und Pflanzen. Für ein Projekt zur biologischen Vielfalt um die Reben wird die Mosel jetzt von den Vereinten Nationen ausgezeichnet. dpa-Mitarbeiterin Birgit Reichert

In den Weinbergen an der Mosel summt und brummt es. Rund um die langen Rebzeilen an den steilen Hängen sind zahlreiche Bienen, Insekten und Vögel unterwegs - darunter etliche ganz Besondere, wie die Zippammer, die eigentlich im Mittelmeerraum zu Hause ist. Auch andere Lebewesen fühlen sich in den warmen Schiefer-Weinbergen wohl - etwa die Mauereidechse oder die Schlingnatter. "Die Mosel ist eines der nördlichsten Gebiete mit mediterranen Flora- und Fauna-Elementen", sagt Landespfleger Klaus Reitz vom Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR ) Mosel in Bernkastel-Kues.

Auch viele Pflanzen lieben die "heißen Berge" im bundesweit fünftgrößten Weinanbaugebiet, die sich wegen der dunklen Schieferplatten rasch erwärmen. Zum Beispiel der Mauerpfeffer, eine buschige Pflanze, die mitten auf dem Felsen wächst und Trockenheit aushalten kann. Oder der Goldlack und der Aufrechte Ziest. "Für viele Arten ist die Mosel ein einzigartiger Lebensraum", sagt Martina Engelmann-Hermen, Leiterin des Projektes "Lebendige Moselweinberge", die das DLR mit Winzern und anderen Partnern gestartet hat.

Fachleute haben schon immer gewusst, was im größten zusammenhängenden Steillagengebiet der Welt alles so lebt und gedeiht. Nun soll dieses Wissen auch an Winzer, Einwohner und Touristen weitergegeben werden: Insgesamt 65 "Natur-Erlebnisbegleiter" seien bereits ausgebildet worden, so Engelmann-Hermen. Sie machen Führungen und geben Tipps, wie Winzer ihren Weinberg noch lebendiger machen können: Durch Begrünungen, Insektenhotels, gebaute Steinriegel - in denen sich Blindschleichen wohl fühlen - oder "Lebenstürme" für Bienen.



Heute wird die Initiative "Lebendige Moselweinberge" als Projekt der UN-Dekade Biologische Vielfalt ausgezeichnet. Das Projekt trage "in beispielhafter Weise zum Erhalt der biologischen Vielfalt in der Weinkulturlandschaft Mosel bei", sagt der Projektleiter der Geschäftsstelle der UN-Dekade, Arno Todt. Sowohl die Reben selbst als auch das ganze Ökosystem Weinberg würden in den Fokus gerückt.

Die Vereinten Nationen haben die UN-Dekade Biologische Vielfalt von 2011 bis 2020 ausgerufen, um den weltweiten Rückgang an Arten aufzuhalten. Bundesweit würden im Jahr 60 bis 70 Projekte geehrt, sagt Todt. Landesweit waren es von Juni 2015 bis Juni 2016 sieben. Die Moselweinberge dürfen den Titel nun für zwei Jahre tragen. "Das ist für uns ein Quantensprung", sagt Engelmann-Hermen.

Begeistert von der Natur im Erdener Steilhang ist Caroline Schneider. Die Urlauberin aus den Niederlanden ersteigt den Kletterweg und sagt: "Das ist so schön wie Südfrankreich." Ziel sei es, diese Landschaft in "ihrer Natürlichkeit zu erhalten und weiterzuentwickeln", sagt Reitz. Er weist auf weitere Besonderheiten hin: Die Felsen seien beliebte Brutstätten für Uhu und Wanderfalke, an der Untermosel lebe der seltene Apollofalter und bei Nittel gebe es Orchideen. Um die lebendigen "Schätze" auch zu sehen, sollen an Stellen, an denen es viel zu entdecken gibt, von 2017 an Schilder aufgestellt werden.

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Hintergrund Schon die Römer bauten an der Mosel Wein an: Deshalb gilt die Region bundesweit als älteste Weinbauregion. Heute bauen rund 3600 Winzer auf etwa 8800 Hektar Rebflächen im Tal der Mosel und ihrer Nebenflüsse Saar und Ruwer Wein an. Das Anbaugebiet reicht von Koblenz am Deutschen Eck bis nach Perl. Mehr als 40 Prozent der Weinberge im bundesweit fünftgrößten Anbaugebiet liegen in sogenannten Steillagen, mit mehr als 30 Prozent Steigung. 2015 wurden 795 000 Hektoliter Wein an der Mosel erzeugt. dpa