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Organspende-Krise: Interview mit Chefarzt für Anästhesie und Intensivmedizin
Zur Organspende nicht überreden

Für Organ-Transplantationen fehlen in Deutschland zunehmend Spender. Der „Tag der Organspende“ will dafür sensibilisieren, morgen in Saarbrücken.
Für Organ-Transplantationen fehlen in Deutschland zunehmend Spender. Der „Tag der Organspende“ will dafür sensibilisieren, morgen in Saarbrücken. FOTO: dpa / Jan-Peter Kasper
Über die Krise der Organspende und Auswege sprach unsere Zeitung mit dem Chefarzt der Anästhesie und Intensivmedizin am Saarbrücker Winterberg-Klinikum. Anlass ist der morgige „Tag der Organspende“. Von Cathrin Elss-Seringhaus

Herr Schwarzkopf, ist Organspende ein zentrales Thema im Klinikalltag?

SCHWARZKOPF Wir haben zwischen zwei und zwölf Entnahmen pro Jahr, auch bei uns mit fallender Tendenz, wobei wir 2017 erstmals gegen den Bundestrend eine Trendumkehr feststellen konnten. Aber auf der Intensivstation beschäftigt uns das Thema jeden Tag, bei jeder Visite, weil wir bei jedem Patienten nachschauen, ob er als Organspender in Frage kommen könnte. Die Hauptaufgabe meiner Abteilung ist nicht die Entnahme selbst, dafür reisen meist Spezialteams an, sondern die Identifikation des Spenders, die Hirntod-Feststellung und die Klärung, ob eine Spendenbereitschaft existiert. Meist geschieht das in einem Angehörigengespräch, weil kein Ausweis vorliegt. Das ist bei weit über 90 Prozent der Fall.

Womöglich existiert aber eine Patientenverfügung. Sie gelten in Bezug auf die Organspende als problematisch, weil da oft steht: „Ich möchte keine lebenserhaltenden Maßnahmen“. Die braucht es aber, um das Organ lebenstüchtig zu halten.



SCHWARZKOPF Patientenverfügungen sind in der Tat nicht nur bei Organspenden schwierig, es sei denn, man hat ein neueres Formular, in dem die Organspende explizit erwähnt ist. Patientenverfügungen können nicht jede Situation abbilden, deshalb ist die beste Form der Vorsorge, eine Vertrauensperson zu beauftragen, die für mich entscheidet. Eigentlich gehörte die Information, ob jemand ein Organspender sein will, auf das Krankenkassenkärtchen. Dann müsste die Klinik nicht nach dem Spenderausweis suchen. Denn der klassische Organspender ist eben nicht der 20-jährige Motorradfahrer, der einen Unfall hat und den Ausweis bei sich trägt. Es sind Menschen, die zu Hause beispielsweise eine Hirnblutung haben. Deren Ausweis sehen wir in der Klinik nicht, wenn die Familie das nicht will.

Wie erleben Sie die Begegnungen mit den Angehörigen?

SCHWARZKOPF Es sind extrem belastende Gespräche für Ärzte wie Betroffene. Wir müssen zusammen herausfinden, wie der mutmaßliche Wille des Patienten ist. In der Schocksituation neigen die Leute eher dazu, nein zu sagen. Was verständlich ist. Man befindet sich ja gerade in der Lage, dass einem mitgeteilt wurde, dass der Angehörige tot ist. Der Patient ist dann von uns schon für hirntot erklärt. Wir reden nicht mehr darüber, ob die Maschinen ausgeschaltet werden, sondern nur wann, und ob jemand anders dadurch gerettet werden kann, wenn wir es etwas später tun. Die Alternative Leben oder Tod existiert nicht mehr. Als Betroffener kann man da nicht wirklich rational reden, man will sich mit keinem anderen Thema auseinandersetzen und blockt erst mal mit nein ab. Wir teilen dann mit, wir reden noch einmal über das Thema, wenn sie darüber geschlafen haben.

Welchen Argumenten begegnen Sie in solchen Gesprächen?

SCHWARZKOPF Man merkt manchmal, dass es nicht darum geht, den mutmaßlichen Willen des Verstorbenen herauszufinden, und das ist unsere Aufgabe. Man debattiert dann über die Haltung der Familie zur Organspende, und hört dann oft, uns ginge es nur ums Geld. Auch gibt es häufig Familien, in denen interne Streitigkeiten hochkommen. Wenn drei Kinder gemeinsam entscheiden, doch sie giften sich nur an, dann führt das meist zu einer Ablehnung. Das müssen wir akzeptieren, ich bin hier kein Überredungsverein. Andererseits erlebt man auch immer wieder Überraschungen im positiven Sinn. Zum Beispiel hatte ich vor Monaten eine nordafrikanische Familie aus Forbach mit muslimischem Hintergrund. Die Verständigung war schwierig, man denkt, man muss das Thema gar nicht erst ansprechen. Aber es kam dann zur Spende. Oder man trifft Menschen aus einem Alkoholiker-Milieu, wo man meint, denen sei alles egal. Dann kommt plötzlich der Mann der Verstorbenen am nächsten Tag einen langen Weg zu Fuß zur Klinik hoch und willigt ein. Man muss eben mit jedem reden, es lohnt sich.

Welche Gründe sehen Sie für den Organspende-Rückgang?

SCHWARZKOPF Die Transplantations-Skandale sind ein entscheidender Punkt. Das demotiviert Patienten, aber auch Pflegepersonal und Ärzte. Mich ärgert, dass noch nie jemand verurteilt wurde. Alle Skandale verlaufen im Nichts. Es wird so dargestellt, dass es reine Dokumentationsfehler sind. Die Ärztekammern sind standesrechtlich nicht in der Lage, diese Leute abzusägen. Das zweite Thema ist, dass die Bereitschaft, sich mit dem eigenen Tod auseinanderzusetzen, immer mehr abnimmt. Ich beobachte zudem, dass der Irrationalismus zunimmt, man spürt ein Misstrauen in die Technik. Es scheint schwieriger, naturwissenschaftliche Realitäten zu akzeptieren. Außerdem glaube ich nicht an die angeblich fast 80 Prozent der Deutschen, die für eine Organspende sind. Was bei den Umfragen heraus kommt, ist eine allgemeine Zustimmung, man gibt die sozial erwartete Antwort, doch selbst Organspender sein, das will man dann doch nicht.

Eine der Ängste ist, dass die Hirntoten, anders als behauptet, womöglich doch nicht tot sind.

SCHWARZKOPF Bei den Hirntoten sind Großhirn, Kleinhirn und Stammhirn komplett funktionsuntüchtig. Aber das Rückenmark existiert noch, und bestimmte Reflexe finden auf der Rückenmarksebene statt. Die Frage, ob der Mensch tot ist, ist ein philosophisches Problem. Interessant ist, wie sich diese Debatte über die Zeit entwickelt hat. Vor 300 Jahren ging es um den letzten Atemzug, der den Todeszeitpunkt markierte. Dann hat man das Stethoskop entwickelt, dann war der Mensch tot, wenn der letzte Herzschlag getan war. Man ändert den Fokus, wenn man bessere Messinstrumente hat. Und es ist richtig, dass der Begriff Hirntod erstmals in den 60er Jahren benutzt wurde, als es um die Entwicklung der modernen Gerätemedizin ging. Damals wurde direkt mit thematisiert, ein Kriterium zu definieren, wann eine Organentnahme möglich ist.

Ist eine Organentnahme eine klassische OP?

SCHWARZKOPF Grundsätzlich schon, aber es gibt auch Faktoren, die besonders sind. Es ist keine häufige Operation, und für die Anästhesie ist es was Besonderes, weil man keine Vollnarkose macht, man unterdrückt nur einige Reflexe. Auch sind die Operateure beispielsweise Explantationsexperten, die wir oft nicht kennen, oft auch aus dem Ausland. Sie entnehmen gezielt für ihren Patienten ein Organ.

Sie werden eingeflogen? Mit Privatjets, es muss ja extrem schnell gehen?

SCHWARZKOPF Manchmal läuft es auch mit einem Linienflug. Das Organ verliert zwar über die Zeit an Qualität, aber das geht nicht im Sekundentakt, sondern bemisst sich nach Stunden.

Gehen wir zum Kernproblem, den rückläufigen Zahlen. Bekommen die deutschen Kliniken im europäischen Vergleich zu wenig Geld für eine Organentnahme?

SCHWARZKOPF Es ist tatsächlich ein massives Draufzahlgeschäft für die Kliniken. Jede Organspende kostet das Winterberg-Klinikum rund 10 000 bis 20 000 Euro, wir bekommen dafür aber nur etwa 5000 Euro, das inkludiert die OP-Saal-Belegung mit Personal, plus die intensivmedizinische Versorgung bis zu drei Tagen vor der OP, und alle Untersuchungen. Ich weiß also, dass ich im Jahr bis zu 150 000 Euro Miese mache, die nicht refinanziert sind. Doch gemessen an den Riesensummen, die im System bewegt werden, ist das nicht das Thema. Das Absurde allerdings ist: Die Kliniken, die die Organe einbauen, für die sind sie eine halbe Million wert. Das ist die Bezahlung für die gesamte Transplantation. Auf unserer Seite wird auf Humanismus und soziale Haltung gesetzt, auf der anderen Seite werden ehrliche Preise für den Aufwand bezahlt.

Müssten die Transplantationsbeauftragten, die jede Entnahme-Klinik beschäftigen muss, zeitlich vielleicht besser gestellt werden?

SCHWARZKOPF In diesem Punkt bin ich ganz anderer Meinung als die Deutsche Stiftung Organspende. Die Transplantationsbeauftragten sind ein Konstrukt, weil man meint, die eigentlich zuständigen Ärzte nicht mehr für Organspenden gewinnen zu können. Man schafft eine Kontrollinstanz, die die Regeln und den Prozess überprüft. Das halte ich auch für wichtig, aber es ist nichts, womit ein Arzt ganztägig beschäftigt wäre. Bei uns müssten wir nach den Vorgaben der DSO pro Intensivbett eine Halbtagsstelle schaffen. Das wäre völlig ineffizient, es ist irreal.

Was halten Sie vom Vorschlag des Ärztetages, die Widerrufslösung einzuführen?

SCHWARZKOPF Es ist die bessere Lösung als die, die wir jetzt haben, aber das Problem ist damit nicht aus der Welt geschafft. Gut ist, dass jeder aktiv sagen muss: Nein, ich will kein Organspender sein. Es wird aber an den Ergebnissen weniger ändern als erwartet. Denn als Arzt wird man nicht gegen das soziale Umfeld handeln. In dem Stil: Ihre Tochter hat, weil sie nicht widerrufen hat, zugestimmt, also entnehmen wir ihr jetzt das Herz, und Sie haben dazu nichts zu sagen. Ich möchte mit der Familie ein vertrauensvolles Verhältnis haben.

Aber rechtlich wären die Ärzte abgesichert?

SCHWARZKOPF Ja, es geht juristisch in die richtige Richtung, aber ein Allheilmittel ist es nicht.

Was schlagen Sie dann vor, um die Spende-Bereitschaft zu steigern?

SCHWARZKOPF Man müsste in die Schulen gehen, mit 14-, 15-Jährigen darüber reden und sie motivieren: Füllt den Ausweis aus, entscheidet euch dafür oder dagegen. Diese grundsätzliche Entscheidung gehört raus aus dem Krankenhaus. Als Arzt finde ich es gut, wenn ich die Entscheidung eines mündigen Bürgers, wie immer sie ausfällt, umsetzen kann. Nicht gut finde ich, Menschen am Totenbett mit diesem Thema konfrontieren zu müssen und sie oft zu überfordern.

Das Gespräch führte
Cathrin Elss-Seringhaus

Dr. Konrad Schwarzkopf, Chefarzt Anästhesie und Intensivmedizin am Winterberg-Klinikum.
Dr. Konrad Schwarzkopf, Chefarzt Anästhesie und Intensivmedizin am Winterberg-Klinikum. FOTO: Winterberg Klinikum Saarbrücken / IRIS_MARIA_MAURER