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Zerrissenes Großbritannien
Mit Schirm, Charme, aber ohne Brexit-Plan

 Closed umbrella on white with copy space
Closed umbrella on white with copy space FOTO: Kevin Brine - stock.adobe.com / The Kevster
London/Brighton. Das Image der hippen Kulturnation Großbritannien überdeckte lange Zeit die innere Spaltung des Landes. Im Chaos um den EU-Austritt werden die Probleme nun offengelegt. Wie es weitergeht, weiß keiner. Von Katrin Pribyl

Es war unausweichlich. Theresa May konnte nicht länger nur als bösartiger Clown gezeichnet werden, der sie so lange war mit dem weiß geschminkten Gesicht, der spitzen Hakennase, den tiefen Augenringen und den Schuhen im Leoparden-Look. Zu sehr starb die britische Premierministerin politisch in der Downing Street dahin, als dass Steve Bell sie nicht zum Zombie weiterentwickeln musste.

Nur, das war vor fast zwei Jahren. Die Regierungschefin ist bis heute im Amt, auch wenn sie am Mittwoch ihren Rücktritt angeboten hat, sollte das Parlament den mit Brüssel ausgehandelten Austrittsdeal billigen. Für wann? Bell hätte auch bei dieser Frage einige Flüche parat. Und das liegt nicht nur daran, dass er weiterhin täglich vor der Herausforderung steht, die Regierungschefin zu karikieren. „Es gibt eine Grenze, inwiefern man ausdrücken kann, wie stupide, wie borniert, wie kleingeistig, wie langweilig, wie lächerlich Theresa May ist“, sagt er. Zurückhaltung ist seine Sache nicht, ebenso wenig wie der objektive Blick. Der 68-Jährige ist vielmehr ein Mann, der die Konfrontation liebt und die Tories hasst. Seit fast 40 Jahren arbeitet er als Karikaturist für den „Guardian“ und wenn er auf das Chaos in Westminster blickt, sprudeln die Schimpfwörter nur so aus ihm heraus. Der Brexit hat das Land übernommen, ist in jeden Lebensbereich geschlichen. Im Fernsehen und in den Zeitungen. Am Frühstückstisch und im Pub. Hier die Brexit-Gegner. Dort die EU-Freunde. Ohne Aussicht auf Versöhnung. „Man spürt eine Verbitterung im Land und ein Gefühl von allgemeiner Unzufriedenheit“, sagt Bell.

Tatsächlich herrscht im Königreich knapp drei Jahre nach dem EU-Referendum und exakt zwei Jahre nach dem Beginn des Austrittsprozesses das blanke Chaos. Am heutigen Freitag, dem 29. März, wollten die Brexit-Anhänger eigentlich ihren sogenannten „Unabhängigkeitstag“ feiern, endlich befreit von den Fesseln der Europäischen Union, auf in eine glorreiche Zukunft. Doch die Union-Jack-Flaggen sind wieder eingepackt, der B-Day ist verschoben. Die Insel wird vielmehr beherrscht von Ungewissheit, internen Machtkämpfen, einem beispiellosen Durcheinander. Das Parlament präsentiert sich über der Europafrage genauso zerstritten wie das Volk und niemand weiß, wie es weitergehen soll. Wie der Brexit umgesetzt werden kann. Ob es überhaupt zur Scheidung kommt. Selbst wenn Mays Deal schlussendlich doch noch vom Parlament abgesegnet wird, stehen dem Land mühsame Jahre voller Verhandlungen mit der EU und dem Rest der Welt bevor. Der Brexit, er hat die britische Politik auf Jahre hin vergiftet.



Bronwen Maddox, Direktorin der Londoner Denkfabrik „Institute for Government“, tippt auf Neuwahlen als Weg aus der Sackgasse. „Ich denke nicht, dass wir eine konstitutionelle Krise haben, das System, die Strukturen funktionieren.“ Vielmehr lägen die Parteien – die Konservativen als auch Labour – am Boden und hätten ihrer Meinung nach keinen „guten Job erledigt“, die Menschen zu repräsentieren, die sich für den Brexit ausgesprochen haben. Ohnehin habe das Votum nur jene Spaltungen an die Oberfläche gespült, die es seit langem in diesem Land gab. London und das restliche Land. Ältere Generationen im Gegensatz zu den Jungen. Unterschiedliche Interessen in England, Schottland, Wales und Nordirland. „Es ist Großbritannien nicht geholfen, wenn es von außen immer als das konservative Land mit den langen Traditionen und all seiner Geschichte wahrgenommen wird“, sagt Maddox. In der Realität handele es sich um ein Land, das sich unglaublich schnell verändere und in den letzten Jahrzehnten einen großen Wandel erlebt habe. Immerhin, die Auseinandersetzung mit dem Brexit habe das Königreich sehr viel politischer werden lassen.

Sechs Millionen Menschen unterzeichneten bis gestern eine Petition, die den Rückzug von Artikel 50 und den Verbleib in der Staatengemeinschaft fordert. Jene 48 Prozent, die beim Referendum den Europaskeptikern unterlagen und sich vergessen fühlen von May & Co., lehnen sich zunehmend auf. Erst am vergangenen Samstag gingen rund eine Million Demonstranten für eine zweite Volksabstimmung auf Londons Straßen. Es war bunt. Und friedlich. Ein Festival für Europa mit flatternden EU-Fahnen und Plakaten, auf die Protestler „Fromage not Farage“ geschrieben hatten. Käse statt Farage – eine Anspielung auf den Rechtspopulisten Nigel Farage, der als ehemaliger Chef der europahassenden Partei Ukip nicht müde wird, das Land gegen Brüssel aufzuhetzen. Auch Farage wollte kürzlich marschieren, vom nordenglischen Sunderland aus sollte es bis in die Hauptstadt gehen. Doch zum Auftakt des Pro-Brexit-Marsches erschienen lediglich 70, 80 Leute. Ein Rohrkrepierer, nichts weniger, wie sie da im englischen Regen durch den Matsch stiefelten und sehr schnell im Pub landeten.

Es sind Politiker wie Farage, die Maike Bohn so verachtet. Vor 27 Jahren zog die Deutsche als Geschichtsstudentin auf die Insel, voller Liebe für das Land, den Humor, das manchmal Skurrile. Seit dem Referendum aber ist das Leben für sie ein anderes. „Ich habe erlebt, wie Patriotismus in billigen Nationalismus umgeschlagen hat“, sagt Bohn, die nur eine Woche nach der Volksabstimmung in einer Kneipe in Bristol mit einem ebenso besorgten Franzosen die Organisation „the3million“ gegründet hat. Verloren und traurig. Wütend und frustriert. So fasst die 51-Jährige ihre Emotionen zusammen, wenn sie auf die vergangenen zwei Jahre blickt, auf den noch immer unsicheren Status der auf der Insel lebenden Bürger der übrigen Mitgliedstaaten, auf die angestiegene Zahl von Hassverbrechen gegen Einwanderer. „Es gab immer schon Rassismus, doch das Schlimme ist, dass er von oberster Stelle gefüttert wurde“, kritisiert Bohn.

Hat der Brexit dem Land nachhaltigen Schaden zugefügt? Oder sind jetzt nur viele Probleme offengelegt worden? Vor gut 20 Jahren mag Tony Blair als Premier Großbritanniens neuen Optimismus verkörpert haben – jenes „Cool Britannia“, auf das die Briten stolz waren und das Ausland bewundernd blickte. Der geflügelte Begriff strahlte in alle möglichen Ecken dieser Welt aus. Britpop-Bands wie Oasis führten die Hitlisten an, im Radio liefen Lieder von den Spice Girls oder Take That in Dauerschleife. Schon Jahre zuvor wurden der smarte Agent James Bond oder die Kult-Serie „Mit Schirm, Charme und Melone“ zu Exportschlagern.

Das Image eines hippen Englands, das Mode, Kultur und Design dominiert, zieht auch heute noch Touristen an, die zur Abbey Road pilgern. Doch es war stets nur ein Teil der Wahrheit, so Bohn. „Es ging nicht allen gut.“ Und die Dinge verschlechterten sich über die Jahre. Insbesondere die Sparpolitik der Konservativen in den letzten zwei Jahrzehnten, die wachsende Ungleichheit, die ungerechte Ressourcen-Verteilung im Land – „auf einmal ist das alles aufgebrochen und nun gibt es kein Zurück.“ Der Brexit könnte deshalb etwas Reinigendes haben. „Es ist, als wasche man nun die schmutzige Wäsche vor der Weltgemeinschaft, doch sie muss jetzt gewaschen werden“, sagt Bohn. Für sie stellt sich nur die Frage, wie schnell sich Großbritannien aus dieser Starre lösen kann und etwas Produktives daraus schafft.

FOTO: pixelrobot -/ Fotolia / Michael Burrell
  Schirm und Melone stehen nicht erst seit der Agentenserie aus den 60er Jahren sinnbildlich für die britische Kultur.
Schirm und Melone stehen nicht erst seit der Agentenserie aus den 60er Jahren sinnbildlich für die britische Kultur. FOTO: Kevin Brine - stock.adobe.com / The Kevster