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Worte der Trauer und viele Tränen im Stadion Über Medien geteilte Trauer als VentilMedial geteiltes Leid als Ventil

Zehntausende Fußballfans und viele Prominente nahmen gestern in der ADW-Arena in Hannover Abschied von Robert Enke. Fotos: dpa
Zehntausende Fußballfans und viele Prominente nahmen gestern in der ADW-Arena in Hannover Abschied von Robert Enke. Fotos: dpa
Hannover. Weiße Rosen, bewegende Worte und viele Tränen: Bei einer emotionalen Zeremonie haben etwa 40 000 Menschen gestern Abschied von Robert Enke genommen. Im Stadion in Hannover wurde des Nationaltorwarts gedacht, der sich am Dienstagabend im Alter von 32 Jahren das Leben genommen hatte. Der Sarg Enkes war im Mittelkreis des Stadions aufgebahrt Von Sandra Degenhardt und Arne Richter (dpa)

Hannover. Weiße Rosen, bewegende Worte und viele Tränen: Bei einer emotionalen Zeremonie haben etwa 40 000 Menschen gestern Abschied von Robert Enke genommen. Im Stadion in Hannover wurde des Nationaltorwarts gedacht, der sich am Dienstagabend im Alter von 32 Jahren das Leben genommen hatte. Der Sarg Enkes war im Mittelkreis des Stadions aufgebahrt. Seine Witwe Teresa saß mit Angehörigen und Freunden auf einem Podest am Spielfeldrand. DFB-Kapitän Michael Ballack und Nationalmannschaftskollege Per Mertesacker legten einen Kranz nieder. Alle Nationalspieler verneigten sich an dem schlichten hellen Holzsarg, der von Blumengebinden und einem Herz aus weißen Rosen umgeben war. Fünf Fernsehstationen übertrugen live, die Trauerfeier für den Schlussmann hatte Dimensionen eines Staatsbegräbnisses. DFB-Präsident Theo Zwanziger appellierte in seiner Rede an die Menschlichkeit und forderte einen Blick über den Sport hinaus. "Denkt nicht nur an den Schein. Denkt auch an das, was in den Menschen ist, an Zweifel und Schwäche", sagte Zwanziger. Alle seien aufgerufen, nach der Trauer das Leben in Maß und Balance mit Fairplay und Respekt zu gestalten. Das Kartell "der Tabuisierer und Verschweiger" müsse durchbrochen werden, dazu beitragen müssten auch die Fans. Die erst 17 Jahre alte Schülerin Alina Schmidt sang das Vereinslied von Hannover 96 "Alte Liebe". Den gleichen Song hatte sie auch zum Saisonauftakt gesungen, als Robert Enke noch im 96-Tor stand. Bundestrainer Joachim Löw und die Führungsspitze des Deutschen Fußball-Bundes, Ligapräsident Reinhard Rauball, Franz Beckenbauer, Jürgen Klinsmann, Rudi Völler und frühere Nationalspieler wie Jens Lehmann gehörten zu den Gästen. Alle Bundesliga-Clubs waren mit einer Delegation anwesend. Aus dem Ausland kamen Vertreter von Enkes früheren Clubs Benfica Lissabon und FC Barcelona. Auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière und Ex-Kanzler Gerhard Schröder erwiesen Enke die letzte Ehre. Martin Kind, Vereinspräsident von Hannover 96, pries Enkes sportliche Leistungen und hob zudem die menschlichen Qualitäten des Torhüters hervor, der seit 2003 an Depressionen gelitten, seine Erkrankung aber vor der Öffentlichkeit geheim gehalten hatte. "Es war ein Geschenk, dass Robert einer von uns war, leider viel zu kurz", sagte Kind. Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) hoffte in seiner Ansprache auf eine Veränderung in der Gesellschaft und würdigte besonders Teresa Enke. "Was Sie durchlitten haben, können wir nur erahnen", sagte Wulff. Für die offenen Worte einen Tag nach dem Tod ihres Ehemannes bei einer im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz, drückte er seine Hochachtung aus. Die Trauergäste erhoben sich von ihren Sitzen und spendeten langanhaltenden Applaus. Auch Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil wünschte Teresa Enke die Kraft, gemeinsam mit der erst wenige Monate alten Adoptivtochter Leila neuen Lebensmut zu finden. Nach der Andacht von Pfarrer Heinrich Plochg wurde der Sarg Enkes zum Song "The Rose" und dem erneut von Alina Schmidt vorgetragenen Fußball-Kultlied "You'll never walk alone" von Vereinskollegen des Torwarts aus dem Stadion getragen. Dazu wurden auf der Video-Leinwand Bilder und Glanzparaden Enkes eingespielt. Im Anschluss an die Trauerfeier sollte die Beerdigung auf Wunsch von Teresa Enke im engsten Familienkreis auf dem Friedhof in Neustadt am Rübenberge stattfinden. Enke sollte neben seiner 2006 im Alter von zwei Jahren gestorbenen Tochter Lara beigesetzt werden.Dresden. Der Sarg im Stadion und Millionen Menschen vor den Fernsehgeräten: Große öffentliche Trauerfeiern wie die für Robert Enke haben nach Ansicht der Medienpsychologin Katrin Döveling eine Art Ventil-Funktion. "Unsere individualisierte Gesellschaft schafft sich mediatisierte Räume für Gemeinschaft und kollektive Gefühle", sagte gestern die Berliner Wissenschaftlerin, die Expertin für das Phänomen der Massentrauer ist. Profi-Sportler wie Robert Enke gehören zu den wenigen Menschen, die bereits zu Lebzeiten, aber auch nach ihrem Tod, breiten Massen als "Symbolfiguren" und "Projektionsfläche" dienten, sagt Döveling. Da Medien es schafften, auch zu Prominenten, die man gar nicht kenne, eine Vertrautheit aufzubauen, sei es auch möglich, das Gefühl der Trauer für eine öffentliche Person zu empfinden. Wer die Trauerfeier für Enke im Fernsehen angesehen habe, habe das Gefühl, mit anderen Menschen verbunden gewesen zu sein. "Medien haben heute oft die Funktion des so genannten Emotionsmanagements übernommen. Sie können Gefühle hypen, aber auch in Bahnen lenken." dpaMeinung

Anteilnahme ist nicht genug



Von Merkur-MitarbeiterinMonika Kühborth Es war manches so ganz anders bei diesem Abschied. Der Sarg im Mittelkreis eines Fußballstadions, Millionen Zuschauer vor den Fernsehgeräten - der traurige Tod des Fußballprofis Robert Enke hat in Deutschland eine kollektive Ergriffenheit ausgelöst. Verwunderlich ist das nicht, blickt man auf die persönliche Tragödie dieses Spitzensportlers, der vom Klischee des verwöhnten, gedankenlosen Jungmillionärs denkbar weit entfernt war. Mit der Anteilnahme am Tod des jungen Mannes allein ist es aber nicht getan. Und genau darin liegt das Positive der nationalen Trauer: Enke habe uns eine Aufgabe gestellt, sagte der Manager seines Vereins Hannover 96. Ein Teil davon lag in den millionenfachen Gesprächen über Enkes Schicksal unter Freunden, Kollegen, in Familien. Ob wir auch den zweiten Teil der Aufgabe annehmen und unser Handeln verändern, das liegt bei jedem Einzelnen.