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Die katholische Kirche in Amazonien
Wo Laien das Wort Gottes sprechen

 Kirche in Amazonien: Manche Gemeinden, etwa die von Goldgräbern, bekamen nur einmal im Jahr Besuch von einem Priester.
Kirche in Amazonien: Manche Gemeinden, etwa die von Goldgräbern, bekamen nur einmal im Jahr Besuch von einem Priester. FOTO: Martina Farmbauer
Rio de Janeiro. Wie sich die katholische Kirche verändert, zeigt ein Blick nach Amazonien: Hier werden etwa Gemeinden von verheirateten Männern geleitet. Von Martina Farmbauer

Als Padre Candido Cocaveli an diesem Donnerstagabend die Eingangshalle des „Instituto de Teologia, Pastoral e Ensino Superior da Amazônia” (Itepes) in Manaus im brasilianischen Bundesstaat Amazonas betritt, kommt auch eine Gruppe von Teilnehmern herein, deren Kurs gleich beginnen wird. Unter ihnen sind viele Paare wie Tania und Agamemnon, die zum Theologiestudium hierherkommen. Pastoraltheologie, Bibelstudien, Lithurgie. Die Männer lassen sich am Institut für Theologie, Pastoral und Höhere Bildung Amazoniens zu Dekanen ausbilden, die Frauen sind zur Ausbildung zusammen mit ihnen eingeladen.

Tania und Agamemnon sind seit 37 Jahren verheiratet, „dieses Studium hat uns noch mehr zusammengebracht“, sagt Agamemnon, Tania stimmt zu. Das Zweite Vatikanische Konzil führte in den 1960er Jahren den Ständigen Diakon als selbständiges geistliches, karitatives sowie seelsorgliches Amt wieder ein und entfachte auch eine Debatte über ein Diakonat der Frau. „Es mag universal sein, aber in Manaus ist das ständige Diakonat sehr präsent und stark“, sagt Padre Candido im Gespräch in Manaus. „Das besondere Kennzeichen der Kirche in Amazonien ist, dass sie eine ministeriale Kirche ist, eine Kirche mit laizistischem Antlitz.“ Mit Ministros da palavra, Ministros da eucaristia – Laien, die das Wort Gottes sprechen, die Kommunion verteilen – und Ministros leigos, verheirateten Gemeindeleitern, wie Oseas Araújo einer ist. Araújo stammt wie Candido Cocaveli aus São Paulo, ist aber anders als dieser kein Padre, sondern eben ein Ministro leigo. Er lebt mit Frau und Tochter bereits seit dem Jahr 2000 in Amazonien. Oseas Araújo bezieht sich damit auf die „Amazônia Legal“ – ein Gebiet, das neun brasilianische Bundesstaaten im Amazonas-Becken und in der Umgebung umfasst. In den Amazonas-Nachbarstaat Pará kam er 2011, um den Bau eines Teiles der Fernstraße BR-163 zu überwachen. Sie ist die sogenannte Soja-Straße, auf der Lastwagen die Bohne aus dem Anbaugebiet im Mato Grosso zum Hafen nach Santarém bringen, von wo der Transport unter anderem nach Europa weitergeht.

Araújo wohnt, nachdem er einen Teil des Baus der „Soja-Straße“ BR-163 überwacht hat, nun in Moraes Almeida an einer anderen Straße, der „Transgarimpeira“. Sie heißt so, weil sie 200 Kilometer – ungeteert – durch ein Gebiet im Westen des Pará führt, in dem sich der „Garimpo“, die (illegale) Goldsuche, in Amazonien konzentriert. Aber der Pará hat durch den Kontakt der Indigenen mit den Immigranten aus anderen Bundesstaaten und Ländern der Welt auch eine eigene, reiche Kultur entwickelt, die sich etwa durch die Küche, Musik und Tanz ausdrückt.



Oseas Araújo war vom Pará begeistert und nahm das Angebot von Dom Wilmar Santin an, katholische Gemeinden zu leiten und Laien zu Führungskräfte auszubilden. Der Bischof von Itaituba ist ein Befürworter der Öffnung der Kirche. Engagierte Amazonas-Bischöfe wie Dom Wilmar und der Austro-Brasilianer „Dom Erwin“ Kräutler in Altamira haben es geschafft, dass in dem Argentinier Franziskus ein südamerikanischer Papst große Aufmerksamkeit auf Amazonien richtet. Bei der gerade zu Ende gegangenen Amazonas-Synode in Rom ist es darum gegangen, neue Wege der Evangelisierung mit integrierter Ökologie zu finden. Aber auch darum, das Überleben der katholischen Kirche in Amazonien zu sichern, wo manche Gemeinden aus strukturellen Gründen nur wenige Male im Jahr die Heilige Messe feiern können, während die Evangelikalen ganz offensiv vor Ort sind. Und sich die Fragen nach anderen Zugängen zum Priestertum – Stichwort Zölibat – stellt. „Das ist eine Anforderung, die Auswirkungen auf die Weltkirche haben kann“, sagt Padre Candido. „Wir brauchen regionale Lösungen, aber die ganze Kirche ist dazu aufgerufen zu reflektieren.“ Bei Oseas Araújo ging es zunächst darum, näher an „Garimpo“-Gemeinden zu sein, Gemeinden von Goldgräbern, die zuvor einmal im Jahr Besuch eines Priesters bekommen hatten. „Die Prälatur ist ein riesiges Gebiet“, sagt Araújo.

Die Prälatur Itaituba ist mit mehr als 150 000 Quadratkilometern halb so groß wie Deutschland und doppelt oder mehrfach so groß wie Österreich oder die Schweiz, hat aber nur mehrere Dutzend Priester. Das Bistum Manaus ist 90 000 Quadratkilometer groß. Padre Candido Cocaveli sagt: „Die Geografie ist die erste Herausforderung.“ Der Zugang zum Inneren des Bundesstaates erfolgt fast immer über den Fluss, per Boot. Das ist sowohl finanziell als auch zeitlich aufwendig, viele Gemeinden sind isoliert. Und es hängt ab vom Wasserstand, der sich nach Regen- und Trockenzeit unterscheidet.

Oseas Araújo ist durch Schlamm gefahren, per Anhalter, zu Fuß gegangen; hat entlang der – ungeteerten – „Transgarimpeira“ zwölf Kirchengemeinden aufgebaut, monatliche Treffen organisiert. Und er hat Ehefrau und Tochter mitgenommen. Gemeindeleiter feiern Gottesdienste mit Kommunionverteilung und predigen, taufen Kinder und segnen Paare. Die Gemeindemitglieder reagierten auf die Konstellation zunächst irritiert, entweder verblüfft oder verhalten, danach fragten sie hinter vorgehaltener Hand, was das denn für ein Priester sei. Araújo erinnerte sie daran, dass es einen Gott gibt, der auf sie aufpasst; gewann das Vertrauen, indem er zu den Garimpeiros in den Schlamm stieg; er ging in die „Cabarets“, die Bordelle, um Treffen abzuhalten. Schließlich nannten sie ihn „Padre“, Priester. Auch wenn er ihnen sagte, dass er kein „Padre“ sei.

Die praktizierenden Katholiken gewöhnten sich daran, Gottesdienst mit einem Laienpriester zu feiern. Vielleicht haben sie ja einen „Padre“ gebraucht, vielleicht sogar einen Vater. Oseas Araújo fragt im Gespräch: „Wer ist denn der Garimpeiro heute?“ Garimpeiros sind meist junge Männer, die mit dem Gold das große Glück – oder einfach nur ein Einkommen – suchen. Sie stehen dazu in einer Grube im Schlamm, arbeiten in tropischer Hitze zwölf Stunden am Tag, bekommen vier Prozent des Gewinns. Einige stammen von hier, viele kommen aus anderen Bundesstaaten in den Pará, und sie kommen alleine. „Die Garimpeiros verlieren die Bande zu Familie und Freunden, finden in der Kirche eine neue Familie“, sagt Araújo. Er behauptet sogar: „Wenn Jesus zurückkehren würde, würde er die Garimpeiros wählen so wie er die Fischer gewählt hat.“

 Oseas Araújo aus São Paulo, hier mit Frau und Tochter, lebt seit dem Jahr 2000 in Amazonien und ist dort Gemeindeleiter.
Oseas Araújo aus São Paulo, hier mit Frau und Tochter, lebt seit dem Jahr 2000 in Amazonien und ist dort Gemeindeleiter. FOTO: Martina Farmbauer