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Der Arm des Königshauses
Die Saudis haben die Medien im Griff – und die Meinungen

Nah am Königshaus, das viele Medien kontrolliert: Ein saudischer Kameramann beim Treffen des Kronprinzen bin Salman mit US-Außenminister Pompeo.
Nah am Königshaus, das viele Medien kontrolliert: Ein saudischer Kameramann beim Treffen des Kronprinzen bin Salman mit US-Außenminister Pompeo. FOTO: AP / Leah Mills
Kairo. Mit Geld hat sich Riad großen Einfluss über Zeitungen und Fernsehsender in der arabischen Welt gesichert. Im Fall Khashoggi hat sich gezeigt, wie groß. Von Hamza Hendawi, AP

Der finanzielle Einfluss Saudi-Arabiens auf die arabische Medienlandschaft erweist sich für das Königreich gerade als mächtiges Werkzeug. Denn in der gesamten Region hatten sich Zeitungen und Fernsehsender zunächst hinter die Darstellung Riads gestellt, nichts zu wissen über das Schicksal des am 2. Oktober im saudischen Konsulat in Istanbul verschwundenen saudischen Autors und Dissidenten Jamal Khashoggi. Weltweit dagegen hatte der Fall zu diesem Zeitpunkt längst einen Aufschrei der Empörung ausgelöst.

Nach mehr als zwei Wochen internationalen Drucks räumte das Königreich am vergangenen Wochenende ein, dass Khashoggi im Konsulat zu Tode kam. Die Regierung erklärte, der Journalist sei bei einem schief gelaufenen Verhör versehentlich getötet worden, und versprach, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Die loyalen Medien schwenkten sofort um. Sie lobten fortan den Gerechtigkeitssinn Saudi-Arabiens, die Entschlossenheit von König Salman und sogar die Transparenz im Königreich.

„Vereinfacht gesagt werden unsere (arabischen) Medien von Regimes finanziert, die jeden Tag ein Verbrechen begehen, das nicht weniger grausam ist als das an Jamal Khashoggi“, schrieb die unabhängige Online-Nachrichtenseite „Daradsch“ dieser Tage in einem Leitartikel. „Was geschehen ist, sollte uns Gelegenheit geben, darüber nachzudenken, wie dringend wir unabhängige Medien brauchen.“



Der Umgang der Medien mit der Affäre spiegelt eine jahrzehntelange Scheckbuchdiplomatie der ölreichen Saudis wider, um sich Verbündete zu sichern und Kritik an ihrer Politik zu unterdrücken. Das Königreich gab im Laufe der Jahre Millionen Dollar für die Beeinflussung von Zeitungen und TV-Sendern von Marokko bis in den Irak aus. Manchmal geschah das in Form von Investitionen in Medienunternehmen, häufiger aber durch Finanzhilfen, die das Überleben der Redaktionen sicherten. Zudem erhielten einzelne Autoren und Fernsehleute direkt Vergünstigungen und Geld. Die Mechanismen und das Ausmaß wurden 2015 enthüllt, als die Plattform WikiLeaks Tausende Dokumente über Absprachen zwischen diplomatischen Vertretungen Saudi-Arabiens und dem Außenministerium in Riad veröffentlichte.

Zudem verfügt das Königreich über sein eigenes mächtiges Sprachrohr. Die Tageszeitung „Aschark al Ausat“ und der 24-Stunden-Nachrichtensender Al Arabija haben eine große Reichweite in der arabischen Welt. Beiden gehören saudischen Eigentümern, die der Königsfamilie nahestehen. Abdul-Rahmen al Rashed, ehemaliger Herausgeber von „Aschark al Ausat“ und Leiter von Al Arabija, äußerte sich dazu in dieser Woche in einem Gastkommentar ungewöhnlich offen. Geld sei einer der effektivsten außenpolitischen Trümpfe Riads in der arabischen Welt, räumte er ein. Kritik am Königreich wegen der Khashoggi-Affäre bezeichnete al Rashed als „Aggression der Medien“ und wies darauf hin, dass Saudi-Arabien viele „Staaten und Institutionen“ in der Region finanziere.

Die Übernahme der saudischen Agenda findet sich wieder in jordanischen Staatsmedien, libanesischen Fernsehsendern und kleineren Zeitungen sowie fast durch die Bank bei den engen Verbündeten Riads unter den arabischen Golfstaaten. Das deutlichste Beispiel für den Einfluss des saudischen Geldes sind vermutlich die Medien in Ägypten, einem der engsten Partner des Königreichs.

Unter der Herrschaft von Präsident Abdel Fattah al-Sisi haben die ägyptische Regierung und Behörden die lokalen Medien fast vollständig unter ihre Kontrolle gebracht; einstige Foren für Meinungsaustausch sind heute loyale Staatsorgane. Zugleich erhielt al-Sisis Regierung seit 2013 zur Stützung der angeschlagenen ägyptischen Wirtschaft Milliarden Dollar von den Saudis. Entsprechend sprangen die ägyptischen Medien zu Beginn des Khashoggi-Skandals dem Königreich bei. Ausnahmen gab es nur wenige. Ein Karikaturist der Zeitung „Al Masri Al Jum“ zeichnete einen Kunstlehrer, der einer Mutter zu den Fähigkeiten ihres Sohnes gratuliert. „Respekt, Ihr Sohn scheint das aktuelle Zeitgeschehen zu verfolgen“, sagt der Lehrer. „Als ich ihn aufgefordert habe, ein Konsulat zu zeichnen, hat er eine Metzgerei gezeichnet.“