| 00:12 Uhr

Hochschul-Skandal
Wie die Flut unseriöser Zeitschriften der Wissenschaft schadet

Berlin/Saarbrücken. Tausende deutsche Forscher haben in fragwürdigen Verlagen publiziert. Der Skandal trifft die Wissenschaft an ihrer empfindlichsten Stelle: der Glaubwürdigkeit.

Tausende deutsche Forscher – und Hunderttausende weltweit – sollen Studien in unseriösen Fachzeitschriften veröffentlicht haben. Doch was bedeutet das in der Praxis?

Worum geht es?



Das Recherchenetzwerk von NDR, WDR und „Süddeutsche Zeitung“ berichtet, dass mehr als 5000 deutsche Forscher in den vergangenen Jahren ihre Studienresultate in unwissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht haben. Weltweit sind es demnach etwa 400 000 Forscher.

Wann ist eine Zeitschrift unseriös?

Bevor eine Fachzeitschrift eine Studie publiziert, lässt sie sie von unabhängigen Experten begutachten. Die Gutachter können Nachbesserungen fordern oder die Arbeit sogar ablehnen. Bei unseriösen Verlagen entfällt diese Begutachtung.

Was ist das Geschäftsmodell?

Die Verlage veröffentlichen „Predatory Journals“ – Raubzeitschriften. Sie schreiben Mitarbeiter von Forschungseinrichtungen gezielt an, um ihnen gegen Geld eine Publikationsmöglichkeit anzubieten. Sie sind mitunter selbst für Experten schwer als unseriös zu erkennen. Je mehr die Verlage veröffentlichen, desto mehr verdienen sie.

Warum publizieren Forscher dort?

Oft aus Unwissenheit – aber vermutlich nicht immer. Forscher stehen unter starkem Publikationsdruck. Wer viele Artikel in Fachzeitschriften vorweisen kann, steigert sein Prestige – und damit auch die Chance auf Forschungsgelder, eine Anstellung oder die Einladung zu einem Vortrag auf einer Fachkonferenz. Hinter Veröffentlichungen in solchen Journalen können auch finanzielle Interessen stehen – etwa wenn eine Studie die Heilkraft eines Präparats gegen eine Krankheit belegen soll. Dann können Unternehmen das Produkt unter Verweis auf wissenschaftliche Erkenntnisse bewerben.

Wie verbreitet sind solche unseriösen Veröffentlichungen?

Den Berichten zufolge haben in Deutschland über 5000 Forscher mindestens einmal in einer solchen Zeitschrift publiziert. Das beträfe laut Science Media Center 1,3 Prozent des wissenschaftlichen Personals an deutschen Hochschulen. Die Max-Planck-Gesellschaft wertet die Praxis als „Randerscheinung“. 

Wie sieht es im Saarland aus?

In Zeitschriften von scheinwissenschaftlichen Verlagen tauchen nach Recherchen des SR auch Namen von 80 Wissenschaftlern aus dem Saarland auf. Die meisten von ihnen arbeiten demnach am Uni-Klinikum. Die Wissenschaftler hätten zum Teil eingeräumt, nicht genug überprüft zu haben, wo sie ihre Texte veröffentlichten. Für die Publikationen seien bis zu 2500 Euro an die Verleger bezahlt worden. Saar-Uni-Präsident Manfred Schmitt sagte gestern unserer Zeitung, in der Regel seien die Wissenschaftler darüber informiert, welche Publikationen auf ihrem Fachgebiet führend und seriös seien. Doch beobachte die Universität auch mit Sorge, „dass immer mehr Pseudoverlage mit aller Macht auf den Markt drängen und die Forscher mit Angeboten überhäufen“. Der Publikationsmarkt werde dadurch unübersichtlicher, so Schmitt. Die Saarländische Universitäts- und Landesbibliothek (SULB) habe daher seit längerem eine Webseite eingerichtet, mit der sie Wissenschaftlern Beratung und Hilfe zum Erkennen betrügerischer Journale anbiete.

Wem schadet diese Praxis?

Zunächst der Wissenschaft selbst. Schlagwörter wie „fake science“ verringern die Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse generell. Zudem schadet sie jenen Arbeitgebern, die Bewerber auf Basis von Veröffentlichungen in solchen Journalen einstellen. Schlimmstenfalls können solche Praktiken auch Verbraucher schädigen. Etwa wenn sie im Internet nach Therapien gegen eine Erkrankung suchen und auf Berichte solcher unseriöser Journale stoßen.