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Gesundheit
„So etwas erleben wir auch nicht jeden Tag“

Trier. Unterwegs mit Gutachtern des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung. Sie entscheiden, ob jemand eine Prothese oder einen Rollstuhl bekommt. Den Vorwurf, dass es dabei nur darum geht, Geld zu sparen und Hilfen zu verweigern, weisen sie von sich.

Schnellen Schrittes kommt der Junge gemeinsam mit seinen Eltern die Treppe hoch. In einem Untersuchungszimmer warten Wolfgang Eymann und Eckhard Duckgeischel auf den 17-Jährigen. Er soll heute „begutachtet“ werden. Eymann ist Mediziner, Duckgeischel ist Orthopädietechniker. Sie arbeiten für den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) Rheinland-Pfalz. Den Jungen aus einem kleinen Ort in der Eifel sehen sie heute zum ersten Mal. Er braucht eine Prothese. Eine neue Prothese.

Seine Krankengeschichte kennen die beiden nur aus den Akten, die sie vor sich haben. Auf den ersten Blick ist nicht zu erkennen, warum der Junge hier im Beratungszentrum des MDK in Trier ist. Erst als er seine Hose auszieht, wird es sichtbar: Am linken Bein trägt er eine Prothese, eine sogenannte Übergangsprothese. Unterhalb des Knies ist nur noch ein Stummel des Schienbeins vorhanden.

Vor einem Jahr hatte er einen Unfall mit dem Moped. Ein Auto hatte ihn überholt und geschnitten. Er stürzte. Die Verletzungen des Beines waren so schwer, dass es noch in der Nacht teilweise amputiert werden musste. Sonst hätte der Junge vermutlich nicht überlebt. Ein paar Wochen später bekommt er seine erste Prothese. Er habe sich schnell daran gewöhnt, sagt er, und seine Eltern nicken zustimmend. Schon einige Monate nach dem Horror-Unfall geht der damals 16-Jährige wieder arbeiten, macht seine Ausbildung als Landschaftsgärtner weiter. Auch ansonsten lebt der Teenager ein Leben wie viele seiner Altersgenossen, trifft sich mit Freunden, geht weg. Er lasse sich durch seine Behinderung kaum einschränken, sagt er, als Eymann den Stumpf untersucht. Ein paar Mal zuckt der 17-Jährige zusammen, als der Arzt auf die Stelle drückt, an der der Unterschenkel amputiert worden ist. Der Beinstumpf ist schmerzempfindlich.



Orthopädietechniker Duckgeischel misst das verbliebene Bein aus. Eymann schreibt die Daten auf, um sie später in seinem Gutachten an die Krankenversicherung des 17-Jährigen zu schicken. „Der Junge braucht eine dauerhafte Prothese, und die bekommt er auch“, sagt der Arzt. Bei der Begutachtung geht es nicht darum, das notwendige Hilfsmittel zu verweigern. Die Krankenkasse will nur sichergehen, dass die für ihn richtige Prothese verordnet wird, dass er damit zurechtkommt, arbeiten kann und, was dem Jungen wichtig ist, schwimmen. Er wolle mit Kumpels ans Meer, erzählt seine Mutter. Dafür sei dann eine spezielle Prothese notwendig, sagt Eymann. „Auch dagegen spricht absolut nichts.“

Im vergangenen Jahr hat der MDK Rheinland-Pfalz 17 677 Begutachtungen von Hilfsmitteln im Auftrag der Krankenkassen bearbeitet. Die allermeisten davon konnten allein aufgrund der Aktenlage geklärt werden. Bei rund 4000 Fällen wurde ein ausführliches Gutachten erstellt, bei einigen Versicherten war dazu eine Untersuchung wie im Fall des 17-Jährigen notwendig. Oder aber ein Hausbesuch.

Zu einem solchen machen sich Eymann und Duckgeischel an diesem Mittag in einen Trierer Stadtteil auf den Weg. Auch dort wissen sie nicht, was sie erwartet. Aus den Akten wissen sie nur, dass es sich um einen Mann, Mitte 30, handelt, der an einer schweren Skoliose leidet. Dabei handelt es sich um eine Verbiegung oder Verkrümmung der Wirbelsäule. Noch ahnen sie nicht, wie schlimm diese bei dem Mann ist. Der schmächtige, bleiche 35-Jährige sitzt auf der Couch der kleinen Dachgeschosswohnung, die rechte Hand verbunden, in T-Shirt und Jogginghose. Er könne sich kaum noch bewegen, bekomme nur schwer Luft, weil die Wirbelsäule auf die Lunge drückt, erzählt er. Trotzdem verlange das Jobcenter, dass er arbeiten gehen soll. „Das ist eine Frechheit, ich kann nicht mehr arbeiten“, sagt er. Das könnten und dürften die Mitarbeiter des MDK auch gar nicht beurteilen, sagt Eymann. Heute gehe es darum, was ihm am ehesten gegen seine Erkrankung helfe.

Der Mann schiebt eine CD in das Laufwerk des vor ihm stehenden PC ein. Auf dem Fernseher erscheinen Röntgenbilder. Eymann und Duckgeischel schauen sie kopfschüttelnd an. „So etwas habe ich noch nicht gesehen“, sagt der Arzt. „Das ist ein Extremverlauf“, meint der Orthopädietechniker. Auf dem Bildschirm ist zu sehen, wie verformt die Wirbelsäule ist, sie bildet fast ein U. Eymann bittet den Mann,  sein T-Shirt auszuziehen. Dabei wird die deutliche Biegung des Rückens erkennbar. Seit er 13 ist, leide er daran, sagt er. „Und es wurde nichts dagegen gemacht?“, fragt der Mediziner sichtlich fassungslos. Jetzt helfe nur noch eine Operation, macht er dem Mann klar. Eine sehr aufwendige, Stunden dauernde OP, bei der quasi jeder Wirbel einzeln wieder gerade gerückt werden muss. Ein riskanter Eingriff, bei dem am Ende auch eine teilweise oder komplette Lähmung stehen kann.

Der Mann weiß das. Deshalb will er sich nicht operieren lassen. Er will es mit einem Korsett versuchen, das seinen Rücken stützen soll. „Wir können es damit versuchen“, meint Eymann. „Sie werden aber wohl nicht um eine OP herumkommen.“

Die beiden MDK-Mitarbeiter verlassen schockiert die Wohnung. „So etwas erleben wir auch nicht jeden Tag“, sagt Duckgeischel. Sie wissen, dass sie dem Mann so nicht wirklich helfen können.

Bei den Gutachten, die sie erstellen, müssen sie sich an die Vorgaben der Sozialgesetzbücher halten. Und an die Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses, in dem Kassen, Ärzte und Kliniken bestimmen, welche Leistungen bezahlt werden. Mitleid oder Sympathie für die Versicherten kann daher bei der Begutachtung keine Rolle spielen. Viele Menschen sind auf Hilfsmittel, wie etwa Rollstühle, angewiesen. Ohne sie können sie nicht arbeiten gehen oder selbstbestimmt leben. Welche Hilfsmittel im Einzelfall am besten geeignet sind, entscheidet die Begutachtung durch den MDK. Dabei gehe es nicht darum, den Versicherten etwas zu verweigern, sagt die stellvertretende MDK-Geschäftsführerin Ursula Weibler-Villalobos. „Auch wenn uns sicher einige eher damit in Zusammenhang bringen. Wir entscheiden auf Grundlage des aktuellen Standes der medizinischen Wissenschaft, unserer fachlichen Kompetenz und dem, was dem Versicherten wirklich hilft, was er braucht, um möglichst ohne fremde Hilfe leben zu können.“ Der MDK sei unabhängig, betont sie, auch wenn die Krankenkassen die Auftraggeber des Dienstes seien. Wenn das erforderliche und am besten geeignetste Hilfsmittel teuer sei, wie etwa ein Rollstuhl, der schon mal mehrere Tausend Euro kosten könne, dann werde das trotzdem empfohlen, sagt die MDK-Chefin. Eine Armprothese zum Beispiel kann bis zu 90 000 Euro kosten. Vergleichsweise billig erscheint dagegen die Prothese, die der 17-jährige Eifeler für sein linkes Bein bekommen soll. Rund 5000 Euro. „Gut angelegtes Geld“, meint Eymann. Was er denn am liebsten in seiner Freizeit mache, fragt er den Jungen.

„Mopedfahren“, sagt er ein Jahr nach seinem schlimmen Unfall.