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Zum Sprachgebrauch
Wenn Wörter einfach aus der Mode kommen

Beim Scrabble-Spiel geben sie mächtig Punkte, die alten Wörter wie Kokolores oder Schlingel. Ansonsten sind sie aber nur noch selten in Gebrauch.
Beim Scrabble-Spiel geben sie mächtig Punkte, die alten Wörter wie Kokolores oder Schlingel. Ansonsten sind sie aber nur noch selten in Gebrauch. FOTO: dpa / Oliver Berg
Bonn. Schabernack stammt aus Großmutters Zeiten, der Videorekorder hat sich einfach überlebt. Viele Wörter, die mal normal waren, sind inzwischen fast vergessen. Ein neues Buch erinnert an sie.

Sapperlot! Was ist das für ein hanebüchener Kokolores, treibt da ein Schlingel etwa Schabernack? So redet heutzutage wohl niemand mehr. Manch einer mag über die alten Wörter aus Großmutters Zeiten abfällig den Kopf schütteln, bei anderen wecken sie wiederum nostalgische Gefühle. Und nicht wenige junge Menschen haben die Ausdrücke gar noch nie gehört.

Im Laufe der Jahre verschwinden immer wieder Wörter aus dem aktiven Sprachgebrauch. „Der Grund dafür ist eigentlich ganz einfach“, sagt Claudia Wich-Reif, Professorin für Geschichte der Deutschen Sprache an der Uni Bonn: „Wir brauchen diese Wörter nicht mehr.“ Die Ursachen dafür sind unterschiedlich.

Häufig werden Begriffe durch modernere – oft aus dem Englischen stammende – Bezeichnungen ersetzt, zum Beispiel High Heels statt Stöckelschuhe. Andere Wörter sind nicht mehr politisch korrekt und werden abgelöst, weil sie etwa als diskriminierend gelten. Manchmal verschwinden Wörter, weil es die Sache, die sie bezeichnen, kaum noch gibt – etwa Schwindsucht, aber auch Walkman oder Videorekorder.



Die letzten beiden Begriffe aus der Technik zeigen, dass keineswegs nur sehr alte Wörter vom Aussterben bedroht sind, sondern durchaus auch relativ junge Begriffe, die schlichtweg vom Fortschritt überholt würden, sagt Wich-Reif. „Durch das Wegfallen von Wörtern verarmt die Sprache aber nicht“, betont die Sprachwissenschaftlerin. „Wir bekommen ja auch ständig neue Wörter dazu.“ Viele davon kämen aus der Jugendsprache.

Katharina Mahrenholtz hat 100 „vergessene Wörter“ in einem kürzlich im Duden-Verlag erschienenen Buch zusammengestellt und ihre Herkunft beleuchtet. „Kaum jemand kennt zum Beispiel die ursprüngliche Bedeutung von ‚hanebüchen’ oder benutzt den Ausdruck aufgrund dessen“, sagt die Journalistin. Denn seinen Ursprung hat „hanebüchen“ im Namen der Hainbuche, einem Baum mit sehr knorrigem Holz. Daraus bildete sich das Adjektiv hainbüchen, was zunächst für knorrig oder steif stand, im 18. Jahrhundert zu hanebüchen wurde und dann absurd oder unerhört meinte.

Kokolores entstand laut Mahrenholtz wahrscheinlich im 16. Jahrhundert als Nachahmung eines Hahnenschreis, so wie Kikeriki. Kokolores ist als Synonym für Unsinn oder Quatsch inzwischen eher ungebräuchlich, ähnlich wie Firlefanz, Mumpitz oder auch Schabernack – letzteres stammt aus der Zeit des 14. Jahrhunderts, als Till Eulenspiegel seine Streiche spielte.

„Ich mag diese ‚Unsinn’-Wörter, sie implizieren schon vom Klang her eine gewisse Lustigkeit“, meint Autorin Mahrenholtz. Deshalb verwende sie sie auch manchmal noch – genauso wie einige andere, die für sie mit persönlichen Erinnerungen verbunden seien, sagt die Autorin: „Schlingel zum Beispiel hat meine Oma immer gesagt.“

Kindheitserinnerungen und Nostalgie seien häufig Gründe, warum jemand ein inzwischen ungebräuchliches Wort weiterbenutzt – oder weil er bedauert, dass es kaum noch zu hören ist, sagt auch Wich-Reif. Beim Ausruf Sapperlot! denkt so mancher vielleicht an den „Räuber Hotzenplotz“, beim heute höchstens noch in der Gastronomie zu hörenden Fräulein fällt Erich-Kästner-Fans vielleicht das Kindermädchen Fräulein Andacht aus „Pünktchen und Anton“ ein. Allerdings: „Die Wörter sind ja nicht wirklich weg, sondern existieren in alten Texten durchaus weiter“, betont Wich-Reif. „Sprache unterliegt dem Wandel und ist immer auch ein Kennzeichen für eine bestimmte Zeit.“

Übrigens: Nicht nur einzelne Wörter verschwinden aus dem Sprachgebrauch, sondern auch in der Grammatik gehen Dinge verloren – etwa das Dativ-E wie bei „dem Manne“ oder „dem Buche“. „Dem trauert wohl niemand nach“, meint die Wissenschaftlerin. Ihr Fazit: „Wenn wir alles behalten hätten, was irgendwann mal da war, dann würden wir heute wahrscheinlich noch Althochdeutsch sprechen.“