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Schulstreit
Kein Deutsch – keine Einschulung?

Saarbrücken/Berlin. Ist es falsch verstandene Toleranz, wenn man Kinder ohne Deutschkenntnisse einschult? Die Frage hat eine breite bundespolitische Debatte ausgelöst. Von Cathrin Elss-Seringhaus

Grundschulverbot für ausländische Kinder! Wahrlich, das war gestern eine Nachricht mit Donnerhall, gefolgt von unzähligen grellen Meinungs-Blitzen. Ein bundesweiter bildungspolitischer Tsunami vernichtete den Vorstoß des Unions-Fraktionsvize, bevor klar wurde, dass Carsten Linnemann davon gar nicht gesprochen hatte. Sondern im Kern von einer Vorschul-Pflicht, um Kinder, die nicht über genügend Deutschkenntnisse verfügen, fit zu machen, bevor sie am  Unterricht in der ersten Klasse teilnehmen. Klingt schon ganz anders und, wie eine SZ-Blitzumfrage unter saarländischen  Bildungspolitikern ergab, zumindest insofern diskussionswürdig, dass über Optimierungen bei der Sprachförderung nachgedacht werden darf. Ideologiefrei? Kaum. Noch am Nachmittag ließ sich das AfD-Bundesvorstandsmitglied Andreas Kalbitz genüsslich über die vermeintliche „Multi-Kulti-Romantik“ einer durch Angela Merkel immer noch fehl gesteuerten CDU aus, nur weil Linnemann auch in eigenen Reihen auf Widerstand gestoßen war.

Losgetreten wurde das Ganze  durch eine Meldung der Nachrichtenagentur dpa, die Interview-Äußerungen Linnemanns gegenüber der „Rheinischen Post“ (über)interpretiert hatte.  Wörtlich hieß es von dem Berliner Politiker dort:  „Um es auf den Punkt zu bringen: Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen.“

Die Aufregung hätte man sich sparen können, mit Blick auf  Grundgesetz und Landesverfassungen. Denn es herrscht Schulpflicht in Deutschland, es drohen Bußgelder und im Saarland sogar bis zu sechs Monate Haft bei Zuwiderhandlung durch die Erziehungsberechtigten. Und nun sollte laut Linnemann der Staat das Recht auf Beschulung versagen? Das alles fiel den wutschnaubenden Kombattanten gar nicht auf. Politische Gegner wie Linkenchefin Katja Kipping unterstellten dem CDU-Mann  „Stimmenfang im rechten Sumpf“, Twitter-Kommentatoren mit Migrationshintergrund schüttelten den Kopf über Realitätsferne. Stellvertretend hieß es bei der Rapperin Lady Bitch Ray: „Bei meiner Einschulung konnte ich besser Türkisch als Deutsch, Deutsch lernte ich so richtig erst in der 1. Klasse. Später Gymnasium, Abitur, Studium der Germanistik & Linguistik – heute bin ich Doktorin der Linguistik. Kinder müssen gefördert werden, nicht am Lernen gehindert!“ Selbst Unions-Kollegen wiesen Linnemanns Ideen vehement zurück: Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU) ereiferte sich über „populistischen Unfug“. Derart harsch äußerte sich der bildungspolitische Sprecher der saarländischen CDU-Landtagsfraktion  Frank Wagner auf SZ-Nachfrage zwar nicht. Aber auch er spricht von einer „nicht mehr zeitgemäßen“ Idee,  Kinder „zurückstellen“ zu wollen. Doch ähnlich wie Linnemann oder der diesem gestern zur Hilfe geeilte Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, dringt Wagner darauf, dass die Hauptförderung am besten vor dem Grundschul-Eintritt erfolgt. Sprachstandsfeststellungen sollten für Drei- oder Vierjährige verpflichtend werden, so Wagner. Prinzipiell jedoch hält der ehemalige Schulleiter das saarländische Fördersystem für gut organisiert, wenn auch für personell un­terbesetzt. Bekanntlich werden Kinder mit starken Deutsch-Defiziten bereits ein halbes Jahr vor der Einschulung im Kindergarten als förderungsbedürftig erkannt, und dann auch noch in der Schule ein halbes Jahr intensiv-betreut. „Die Erstklässer sind nicht die Hauptproblemfälle“, so Wagner. Ältere Kinder, die mitten im Schuljahr hinzukämen, hätten es weit schwerer, weil sie am Programm „Früh Deutsch lernen“ nicht mehr teilnehmen könnten. Das müsse sich ändern. Einen anderen Weg möchte die bildungspolitische Sprecherin der Linken im Saar-Landtag, Barbara Spaniol, einschlagen. Es gelte, den Fokus auf die Zeit vor der Einschulung zu richten, man müsse weit mehr Geld in Ganztags-Kitas investieren. Dadurch  erledigten sich dann „unmoralische“ Maßnahmen in der Grundschule, so Spaniol: „Ausgrenzung ist der total falsche Weg.“



Aus der Praxis eines ehemaligen Schulleiters heraus argumentiert der AfD-Fraktionschef Josef Dörr. Er habe erlebt, dass innerhalb nur weniger Wochen sowohl italienische wie auch türkische Gastarbeiter-Kinder, die kein einziges Wort Deutsch sprachen, ohne Schwierigkeiten  am Unterricht hätten teilnehmen  können: „Kinder lernen am besten von Kindern“, sagt er. „Alle anderen Wege sind Irrwege.“ Ähnliche Erfahrungen schildert die Vorsitzende des Saarländischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes Lisa Brausch. Es sei „eine sehr schöne Erfahrung“, wie schnell die ausländischen Kinder aufholten und auch, wie fürsorglich die deutschen Kinder mit ihnen umgingen. Extra-Vorschul-Gruppen ausschließlich für ausländische Kinder, wie Linnemann sie vorschlägt, hält Brausch für falsch, weil die Kinder sich oft gegenseitig schlechtes Deutsch beibrächten. Weit effektiver sei es, nach der Einschulung mehr Sprachförderung als bisher zu ermöglichen. Dafür sollte das hiesige Programm „Früh Deutsch lernen“ ausgeweitet werden, zudem gehört das Fach „Deutsch als Fremdsprache“ laut Brausch als Basis-Modul in die Ausbildung jedes einzelnen Grundschullehrers. Brausch: „Wir haben bereits tolles Material, um mit den Kindern zu arbeiten, wir brauchen schlicht mehr Zeit.“ Was konkret heißt: Das Saarland muss mehr Grundschullehrer finanzieren.

Derweil verweist der SPD-Bildungsexperte im Saar-Landtag, Jürgen Renner, auf zwölf Millionen Euro, die das Saarland 2019/2020 in Sprachfördermaßnahmen investiere. Die Botschaft: Wir sind gut aufgestellt. Auch das Saar-Bildungsministerium verweist auf 300 Sprachförderlehrer und ein engmaschiges System von Sprachförder-Hilfen. Wie viel Geld das den saarländischen Steuerzahlen kostet, war  gestern nicht mehr zu erfahren.