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Neue Studie
Warum die Arbeit immer mehr zum Familienleben passt

Der Kita-Ausbau trägt entscheidend dazu bei, dass Eltern in Deutschland heute deutlich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben.
Der Kita-Ausbau trägt entscheidend dazu bei, dass Eltern in Deutschland heute deutlich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. FOTO: dpa / Monika Skolimowska
Berlin. Eine neue Studie zeigt: In Deutschland gibt es große Fortschritte bei der Vereinbarkeit von Kindern und Beruf. Aber es gibt noch viel zu tun. Von Stefan Vetter

Unternehmen in Deutschland werden zunehmend familienfreundlicher. Der Anteil der Betriebe mit entsprechenden Maßnahmen hat sich seit dem Jahr 2002 von sechs auf 16 Prozent erhöht. Das geht aus einer aktuellen Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und der Goethe-Universität Frankfurt hervor. Aus Sicht der Gewerkschaften gibt es hier allerdings noch viel Luft nach oben.

Die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein Dauerbrenner. Politisch hat sich einiges getan. Angefangen vom Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz über den Kinderzuschlag bis hin zum Elterngeld. Doch was tun Betriebe, um für jüngere Mitarbeiter attraktiv zu sein? Das der Bundesagentur für Arbeit angegliederte IAB hat dazu die betrieblichen Kinderbetreuungsangebote, Weiterbildungsmöglichkeiten während der Elternzeit sowie Langzeitkonten zur Freistellung für Familienzeiten und spezielle Maßnahmen zur Frauenförderung in den Unternehmen unter die Lupe genommen. Ergebnis: Im Zeitraum zwischen 2002 und 2016 hat sich der Anteil der Firmen, die mindestens eine dieser familienfreundlichen Maßnahmen praktizieren, fast verdreifacht. War es anfangs nur etwa jeder 17. Betrieb, so ist es inzwischen jeder Sechste. Mit einem Zuwachs von zwei auf acht Prozent verzeichnen betriebsinterne Betreuungslösungen den größten Zuwachs. Auch Weiterbildungsangebote während der Elternzeit sind mittlerweile ähnlich stark verbreitet. Andere Maßnahmen spielen dagegen kaum eine Rolle.

Vor allem größere Betriebe setzen auf Familienfreundlichkeit. Aber auch kleinere Unternehmen, die es organisatorisch damit zweifellos schwerer haben, holen auf. So kümmern sich mittlerweile rund 13 Prozent der Firmen mit einer Belegschaft zwischen zehn und 49 Mitarbeitern um eine Kinderbetreuung. Im Jahr 2002 waren es nur 3,1 Prozent. Und nach Einschätzung der zuständigen IAB-Expertin Corinna Frodermann könnte es in der Praxis noch etwas besser aussehen. „Gerade in kleineren Betrieben gibt es vermutlich auch informelle Absprachen, die wir mit unseren Daten nicht erfassen können.“ Tendenziell könne der Anteil familienfreundlicher Betriebe also höher sein als in der Untersuchung berücksichtigt, so die Arbeitsmarktforscherin.



Für die Unternehmen jedenfalls zahlen sich die Anstrengungen aus. Auch das hat die Studie ergeben. So kehren Mütter nach der Geburt ihres Kindes schneller an ihren Arbeitsplatz zurück als Mütter, in deren Betrieb man nichts mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf am Hut hat. „Hier zählt nicht nur der angebotene Kitaplatz, um schneller wieder im Beruf Fuß zu fassen. Es geht auch um die gesamte Betriebskultur“, erläuterte Frodermann. Wenn der Arbeitgeber für ein familienfreundliches Klima sorge, dann sei es zum Beispiel auch einfacher, vorübergehend in Teilzeit zu arbeiten.

Dem Deutschen Gewerkschaftsbund geht diese Entwicklung allerdings viel zu langsam. „Wer über Fachkräftemangel klagt, kann mit familienfreundlichen Maßnahmen dagegen halten“, sagte die DGB-Gleichstellungsexpertin Anja Weusthoff unserer Redaktion. Aber der Fortschritt erweise sich als Schnecke. „Damit wir hier vorankommen, brauchen wir gesetzliche Maßnahmen wie das geplante Rückkehrrecht aus Teilzeit, um Beschäftigten mehr Arbeitszeitsouveränität und damit auch Männern bessere Möglichkeit zur Vereinbarkeit von Beruf und Familien zu verschaffen.“