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Debatte um FAZ-Gastbeitrag
Wie viel Hitler steckt in Gaulands Text?

Berlin. Um einen „FAZ“-Gastbeitrag des AfD-Chefs zum Thema Rechtspopulismus tobt eine heftige Debatte. Der Vorwurf: Gauland hat sich für den Artikel von einer Rede des Nazi-Diktators inspirieren lassen. Von Werner Kolhoff und Anne-Béatrice Clasmann

(PM/dpa/epd) Die Parallelen sind frappierend. Aber hat Alexander Gauland wirklich bei Adolf Hitler abgeschrieben, als er am Wochenende in der „FAZ“ einen Gastbeitrag zum Populismus veröffentlichte? Oder ist es nur ein ähnlicher Gedanke, der, wie alle Gedanken, nicht patentgeschützt ist? Wieder gibt es heftige Debatten um den Fraktions- und Parteichef der AfD.

Der hatte in der Vergangenheit schon mehrfach Kritik auf sich gezogen. So hatte sein Satz, man solle SPD-Politikerin Aydan Özoguz in Anatolien „entsorgen“, einen ähnlichen Aufschrei ausgelöst. Ebenso die Bezeichnung der Nazi-Zeit als „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte. Alles ganz anders gemeint, hatte der 77-jährige AfD-Politiker stets erklärt. Weil der Mann aber ein ehemaliger Zeitungsherausgeber und politisch erfahren ist, nahm man ihm das nicht recht ab.

Diesmal wirkt eine Rede Adolf Hitlers vom 10. November 1933 vor Siemensarbeitern in Berlin wie eine Blaupause für den FAZ-Text. Gauland habe Hitler zwar nicht direkt plagiiert, sagte der Berliner Historiker Wolfgang Benz gegenüber dem „Tagesspiegel“, aber sich an das historische Vorbild „angeschmiegt“. Benz nach ausführlicher Textanalyse: „Es wird offenbar, dass der eine so denkt, wie der andere.“



Der Historiker Michael Wolffsohn sagte dem Blatt: „Es ist schlimm, dass Gauland seinen gebildeten Anhängern signalisiert, dass er Rede und Duktus Hitlers kennt und dass er die gegen die Juden gerichteten Vorwürfe Hitlers nun auf die Gegner der AfD von heute überträgt.“ Wer die Hitler-Rede dagegen nicht kenne, dem jubele Gauland „Adolf Hitler light“ unter.

Der NS-Diktator hatte im Jahre 1933 im Kern gesagt, dass eine „kleine wurzellose Clique“ von Leuten, „die heute in Berlin leben, morgen genauso in Brüssel sein können, übermorgen in Paris und dann wieder in Prag oder Wien…“ (Zwischenruf: „Juden“) den Kontakt zum normalen Volk verloren habe. Das sei „an seine Heimat gekettet“ und „gebunden an die Lebensmöglichkeiten seines Staates, der Nation“.

Gauland schrieb ganz ähnlich von einer „globalisierten Klasse“, die „zum Jobwechsel von Berlin nach London oder Singapur“ ziehe und sozial unter sich bleibe. Ihr gegenüber stünden die Mittelschicht und Menschen mit niedrigen Löhnen, „die als Erste ihre Heimat verlieren, weil es ihr Milieu ist, in das die Einwanderer strömen“. Dieser Riss erkläre die wachsende Fundamentalopposition von links und rechts gegen die politischen Eliten. Gauland lobte ausdrücklich Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht mit ihrer Sammlungsbewegung „Aufstehen“: „Frau Wagenknecht hat das begriffen.“

Bewusste Anleihen beim Nazi-Diktator stritt der AfD-Chef strikt ab. „Ich kenne keine entsprechende Passage von Hitler“, sagte er. Der frühere SPD-Chef Sigmar Gabriel griff den AfD-Politiker gleichwohl scharf an. Gauland sei gebildet genug, um die Folgen seiner Argumentation für die Demokratie zu kennen, „aber offenbar gewissenlos genug, um dieses Wissen zu ignorieren“.

Möglicherweise aber ist es doch nur ein ähnliches Gedankengebäude. Der Autor Michael Seemann wies gestern darauf hin, dass er vor zwei Jahren in einem Zeitungsbeitrag ausgerechnet für den „Tagesspiegel“ die Gedankenwelt der AfD analysiert und dabei sehr ähnlich formuliert habe, wie jetzt Gauland. „Oha, es sieht so aus als hätte Alexander Gauland fast wörtlich bei mir abgeschrieben“, twitterte Seemann. Auch der offenbar etwas vergessliche Gabriel hat schon mal massive Elitenkritik geübt. Ende letzten Jahres warf er in einem Gastbeitrag im „Spiegel“ sogar der eigenen Partei vor, sich zu sehr in der „postmodernen Globalisierung“ wohl zu fühlen.

Scharfe inhaltliche Kritik am Gauland-Beitrag in der „FAZ“ übte gestern das Internationale Auschwitz Komitee. Christoph Heubner, der Vizepräsident der von Überlebenden des Holocaust gegründeten Organisation, sagte: „Auschwitz-Überlebende kennen die Gaulandsche Strategie aus der eigenen Lebenserfahrung während der Nazi-Jahre: Menschen zu stigmatisieren und sie als Artfremde und Wurzellose innerhalb der heimischen Gesellschaft zu charakterisieren und dann das ‚gesunde Volksempfinden’ gegen sie zu mobilisieren.“