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Vor 400 Jahren starb Shakespeare – oder nicht?

Oberlippenbärtchen und Halbglatze: Das Konterfei des berühmten Schriftstellers William Shakespeare ist dieser Tage in England wieder besonders oft zu sehen. Foto: Fotolia
Oberlippenbärtchen und Halbglatze: Das Konterfei des berühmten Schriftstellers William Shakespeare ist dieser Tage in England wieder besonders oft zu sehen. Foto: Fotolia FOTO: Fotolia
Stratford. Über keinen Schriftsteller wurde mehr geschrieben und doch wissen wir kaum etwas von seinem Leben: Am Samstag begeht England – und besonders Stratford-upon-Avon – den 400. Todestag von William Shakespeare. Katrin Pribyl

Die Geschichte beginnt im Herzen Englands. Schwäne schwimmen auf dem Fluss, der wegen des anhaltenden Regens übergelaufen ist. In der pittoresken Innenstadt von Stratford-upon-Avon legen Touristen eine Pause ein ob ihres langen Sehenswürdigkeiten-Programms. "Gibt es hier einen Platz, der nichts mit diesem Mann zu tun hat?", fragt eine amerikanische Schülerin.

Die Geschichte ist jene von William Shakespeare . Und sie nahm nur ein vorläufiges Ende, als der berühmte Schriftsteller am 23. April 1616 verstarb. Oder um dieses Datum herum, sicher ist sich keiner. Selbst um die Frage, ob er mit Kopf oder kopflos unter dem Grab in der Dreifaltigkeitskirche liegt, kreisen die Legenden. Der Leichnam des Dichters und Dramatikers befindet sich im Chorraum, direkt vor dem Altar. "Es ist einfach und bescheiden, einfach wundervoll", sagt Lindy Draper, die als Ehrenamtliche in der Kirche arbeitet. Aber wurde der Schädel tatsächlich im 18. Jahrhundert geraubt, wie jetzt wieder Archäologen behaupten? Draper findet, man solle die Inschrift beherzigen, die so viel fordert wie: Lasst meine Gebeine in Ruhe.

Zu seinem 400. Todestag hat sich sein Heimatstädtchen herausgeputzt. Der ganze Ort ein einziges Museum. Wahlweise ein einziges Souvenir-Kaufhaus. Postkarten, Becher, Anhänger, Tee und Keksdosen - das Konterfei von Shakespeare verfolgt einen bis auf die Toilette. Der Mann mit dem Lippenbärtchen und der Halbglatze ist ein Dauerbrenner der Geschichte. Hamlet. Othello. Romeo und Julia. Shylock. Richard III. Heinrich IV. König Lear. Falstaff. Macbeth - die Figuren des Engländers werden bis heute auf den Bühnen dieser Welt gefeiert. Eine Million Wörter an dramatischem und lyrischem Text sind von Shakespeare überliefert. Je nach Zählweise werden ihm 37 oder 38 Stücke, 154 Sonette und fünf Gedichte zugeschrieben, auch wenn die Diskussion um seine Urheberschaft nie komplett verstummt ist. Denn: Lediglich 14 mutmaßlich in seiner Handschrift geschriebene Wörter wurden je gefunden. Erst sieben Jahre nach seinem Tod erschien die erste Gesamtausgabe, das First Folio. Eines dieser wertvollen Bücher ist auch in Stratford ausgestellt.



Am Erbe des berühmten Sohnes verdient der Ort vorzüglich, doch wer will es Stratford verübeln? Spötter frotzeln, der Dramatiker werde bis zur letzten Eventualität gemolken. Denn auch wenn über keinen anderen Schriftsteller mehr geschrieben wurde, bleibt sein Leben ein großes Rätsel. Die belegten Fakten sind schnell auserzählt, die Anekdoten strotzen vor wahrscheinlich, vielleicht, vermutlich, möglicherweise.

Da ist das Haus in der Henley Street, in dem William Shakespeare wohl am 23. April 1564 das Licht der Welt erblickt hat und das für seine Anhänger der allerheiligste Pilgerort ist. Die Touristen staunen sich durch die verwinkelten Ecken des Geburtshauses, in dem alles so eingerichtet ist, wie es Mitte der 1570er Jahre ausgesehen haben könnte. Der Großteil der Möbel in dem Fachwerkbau mit den tiefhängenden Decken stammt aus dem 16. Jahrhundert, als Shakespeares Vater John als Handschuhmacher und Händler sein Geld verdiente. Bruchsteinboden, Himmelbett, Kamin, Tisch mit Zinngeschirr, Wandbespannungen aus Leinen, die in leuchtenden Farben bemalt wurden. "Nach dem Tod des Vaters erbte William das Haus", sagt Scott Lewis, der als Tourguide in originalgetreuem Kostüm Shakespeares Leben zusammenzustückeln versucht. Er berichtet von Nachttopf-Gepflogenheiten und Gastgeber-Regeln, davon, dass das Himmelbett im Wohnzimmer stand, um Gästen einen Schlafplatz zu bieten, aber auch um anzugeben. "Es war ein Zeichen des Wohlstands."

Auch Anne Hathaway fehlt im euphorisierten Shakespeare-Land nicht. Das Häuschen, in dem die Ehefrau aufgewachsen ist, duckt sich unter dem Strohdach vor seinen vielen Besuchern. Mit 18 Jahren heiratete Shakespeare im Schnellverfahren das Bauernmädchen. Da war sie bereits schwanger, acht Jahre älter noch dazu. Insgesamt bekam das Paar drei Kinder: Tochter Susanna und die Zwillinge Judith und Hamnet, der mit elf Jahren starb.

In der Church Street reiht sich ein Fachwerkhaus aus der Tudorzeit in das historische Stadtbild. Unter den dunkel gestrichenen Balken hat Shakespeare vermutlich lateinische Texte auswendig gelernt. Im Erdgeschoss der Elisabethanische Zunftsaal, vergleichbar mit dem Rathaus, dem damaligen Zentrum des öffentlichen Stadtlebens. Shakespearianer mögen den Gedanken, dass das Sprachgenie an jenem Ort seine Leidenschaft entdeckt hat. Der junge Shakespeare dürfte hier zum ersten Mal mit Theater in Kontakt gekommen sein, da fahrende Schauspieler zu jener Zeit ihre Stücke erst vor dem Ratsherrn, also seinem Vater, aufführen mussten.

Kurz nach der Hochzeit verlässt Shakespeare Frau und Kind, als "verlorene Jahre" wird die Zeitspanne genannt, in der er für die Historiker verschollen war. Später taucht er als Autor und Schauspieler im aufregenden und prächtigen, aber gleichwohl gefährlichen London wieder auf, wo er im Globe Theatre an der Themse Erfolge feierte, Mitinhaber wurde und zu Reichtum kam. Der Wettbewerb zwischen der großen Metropole und dem kleinen Stratford hat bis heute überlebt. "Die meiste Zeit hat er in London gearbeitet, aber wir wissen eben nicht genug", sagt Zoe Wilcox, Chef-Kuratorin der neuen Ausstellung "Shakespeare in Ten Acts" in der British Library in London. Es ist nur eine Schau von vielen, mit denen der einflussreichste Dramatiker der Geschichte auch in der Hauptstadt geehrt wird. Trotz seines Ruhms in London, die Heimat ließ den Landjungen nie los. Er kehrte in den Spielpausen für Familienbesuche zurück, was drei Nächte und vier Tage auf dem Pferderücken bedeutete, und kaufte 1597 das zweitgrößte Haus in Stratford , genannt "New Place" inmitten der Stadt.

Theater spielte in Stratford stets die Hauptrolle und trotzdem fehlte lange eine Bühne. Erst 1879 wurde das Gebäude der Royal Shakespeare Company am Ufer des Flusses Avon gebaut, nach einem Brand im Jahr 1932 restauriert und vergrößert. Stars wie Judi Dench oder Kenneth Branagh haben in den zwei Theaterhäusern Shakespeare zelebriert, bevor sie in Hollywood groß wurden. Wie der Neubau des Londoner Globe Theatre sind auch die beiden Theater mit ihren drei Galerien elisabethanischen Bühnen nachempfunden und sorgen so für den besonderen Moment: Als Zuschauer befindet man sich mitten im Geschehen. "Es gibt bei Shakespeare diesen Zugang ins Innere menschlicher Angelegenheiten", sagt Branagh über die seit Jahrhunderte anhaltende Faszination. Die Stücke seien "eine sehr lebendige Form, um einen in Verbindung zu halten mit dem, was das menschliche Wesen ausmacht".

Shakespeares Themen seien "universal, zeitlos, orientieren sich am Menschen und behalten ihre Wirkung, deshalb wird er auch weiterhin relevant bleiben", findet Zoe Wilcox. Jede Generation könne auf dem Werk aufbauen und etwas hinzufügen, das ihre Gesellschaft reflektiere. Die Botschaft genauso wie Shakespeares Themen - Eifersucht, Liebe, Verrat oder politische Intrigen - haben ihren Sinn bis heute bewahrt. Auch deshalb wird die Geschichte von William Shakespeare wohl nie ganz enden.

Das Geburtshaus von William Shakespeare in Stratford-upon-Avon, wichtigste Pilgerstätte seiner Fans. Foto: Shakespeare Birthplace Trust/dpa
Das Geburtshaus von William Shakespeare in Stratford-upon-Avon, wichtigste Pilgerstätte seiner Fans. Foto: Shakespeare Birthplace Trust/dpa FOTO: Shakespeare Birthplace Trust/dpa