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Blutbad in Synagoge
„Alle Juden müssen sterben“

Polizisten und Sanitäter warten vor der „Tree of Life“-Synagoge in Pittsburgh auf ihren Einsatzbefehl. Drinnen richtete ein Antisemit ein Blutbad an.
Polizisten und Sanitäter warten vor der „Tree of Life“-Synagoge in Pittsburgh auf ihren Einsatzbefehl. Drinnen richtete ein Antisemit ein Blutbad an. FOTO: AP / Gene J. Puskar
Washington . In 20 Minuten tötete Robert Bowers in einer Synagoge in Pittsburgh elf Menschen. Das Ausmaß der Gewalt schockiert das Land. Von Frank Herrmann

Bevor er aufbrach, um ein Blutbad anzurichten, nahm Robert Bowers eine jüdische Hilfsorganisation verbal ins Visier. „HIAS holt gerne Eindringlinge, die unsere Leute töten“, schrieb er bei Gab, einem Netzwerk, dessen sich rechte Nationalisten gern bedienen, über die Hebrew Immigrant Aid Society, die Flüchtlingen hilft, sich in ihrer neuen Heimat zurechtzufinden. „Ich kann nicht sitzen bleiben und zuschauen, wie meine Leute abgeschlachtet werden. Scheiß drauf, wie ihr es seht. Ich gehe rein.“

Was folgte, wird als wohl schwerster antisemitischer Angriff in die amerikanische Geschichte eingehen. Am Samstagvormittag, zehn Minuten vor zehn, drang Bowers in die Synagoge „Tree of Life“ ein, eines von rund einem Dutzend jüdischer Gotteshäuser in Squirrel Hill, einem Stadtteil, in dem gut ein Viertel der Mitglieder der traditionell bedeutsamen jüdischen Gemeinde von Pittsburgh lebt. Was die Lower East Side für New York war, ist Squirrel Hill für die einstige Steel City in Pennsylvania: das Zentrum jüdischen Lebens.

Um 9.54 Uhr Ortszeit ging der erste Notruf ein. Zu der Zeit fanden in der Synagoge, parallel zueinander, drei Gottesdienste statt. Während die Türen des Tempels unter der Woche verschlossen sind, stehen sie am Sabbat weit offen. Eine ständige Polizeipräsenz vor jüdischen Gemeindezentren, jüdischen Museen, jüdischen Gotteshäusern kennen die USA nicht. Bowers, der in einem Vorort Pittsburghs lebt, stieß offenbar auf keinerlei Widerstand, als er die Synagoge betrat. Er rief „Alle Juden müssen sterben!“ und begann, um sich zu schießen. Bewaffnet war er mit einem Sturmgewehr des Typs AR-15 und drei Glock-Pistolen. Ehe Spezialeinheiten der Polizei am Ort des Verbrechens eintrafen, hatte er elf Menschen getötet. Acht Männer und drei Frauen, das jüngste Opfer 54, das älteste 97. Darunter ein Ehepaar, Sylvan und Bernice Simon, er 86, sie 84. Darunter zwei Brüder, Cecil und David Rosenthal, der eine 59, der andere 54 Jahre alt. Zwei weitere Synagogenbesucher wurden verletzt.



In über zwei Jahrzehnten im Dienst, so beschrieb es später Robert Jones, der Chef des Ermittlerteams des FBI, habe er keinen derart entsetzlichen Tatort gesehen. Bill Peduto, der Bürgermeister Pittsburghs, sprach vom schwärzesten Tag in der Geschichte seiner Stadt.

Als Bowers das Gebäude verließ, versuchten ihn herbeigeeilte Polizeibeamte zu stoppen. Drei von ihnen verletzte er bei einem Feuergefecht, während er zurück in die Synagoge rannte, wo er sich im dritten Stock verbarrikadierte. Nach ungefähr zwanzig Minuten, so das FBI, gab er auf und wurde, selber verwundet, in ein Krankenhaus gebracht.

Nach Informationen der Pittsburgh Post-Gazette gab der 46-Jährige in ersten Verhören zu Protokoll, dass „alle Juden sterben müssen“. Die Juden hätten einen Genozid an „seinem Volk“ zu verantworten. Zuvor hatten rechte Blogger die bizarrsten Gerüchte gestreut, darunter eines, wonach der Milliardär George Soros, ein aus Ungarn stammender Holocaust-Überlebender, eine durch Mexiko in Richtung US-Grenze ziehende Migrantenkarawane finanziert haben soll. Soros war es auch, an dessen Adresse Cesar Sayoc, ein glühender Trump-Fan aus Florida, vor wenigen Tagen die erste von 14 Briefbomben schickte. Womöglich hat es dazu beigetragen, Bowers‘ Hass auf die Spitze zu treiben.

Nach einem Bericht der Anti-Defamation League (ADL), die sich dem Kampf gegen die Diskriminierung von Juden verschrieben hat, ist die Zahl antisemitischer Zwischenfälle im vergangenen Jahr, dem Jahr des Amtsantritts des Präsidenten Donald Trump, gegenüber dem Vorjahr um 57 Prozent gestiegen. Dies, so die ADL, sei der steilste Anstieg seit dem Ende der Siebziger, als man Statistiken über solche Vorfälle zu führen begann.

Trump sprach in einer ersten Reaktion von einer „schrecklichen, schrecklichen Sache, was mit dem Hass in unserem Land und überall in der Welt passiert“. Das Ergebnis, fügte er hinzu, wäre wohl besser gewesen, wenn es „irgendeine Art von Schutz“ gegeben hätte. Wäre die Synagoge von Bewaffneten bewacht worden, wäre vielleicht niemand ums Leben gekommen, sagte der Präsident, bevor er Stunden später auf einer Kundgebung im ländlichen Illinois erklärte: „Wir alle müssen zusammenarbeiten, um das hässliche Gift des Antisemitismus aus unserer Welt zu entfernen.“

Adam Schiff, ein Demokrat aus Kalifornien und im US-Kongress einer der prominentesten Abgeordneten jüdischen Glaubens, applaudierte Trump. Er habe dieses Mal die richtigen Worte gefunden.  Nur reiche es eben nicht, an einem einzigen Tag das Richtige zu sagen, wenn man an allen anderen die Spaltung der Gesellschaft, oft sogar offene Feindschaft schüre. „Es ist der Präsident, der den Ton der Debatte bestimmt.“