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US-Präsidentschaft
Hillary Clinton erwägt einen dritten Versuch

 „Ich muss mich schnell entscheiden“: Hillary Clinton will immer noch gerne US-Präsidentin werden.
„Ich muss mich schnell entscheiden“: Hillary Clinton will immer noch gerne US-Präsidentin werden. FOTO: AP / Jacquelyn Martin
Washington. Warum nur begibt sich Hillary Clinton zum ersten Mal in die Höhle der Radio-Talk-Ikone Howard Stern, um sich dann vom Moderator mit Fragen wie diesen konfrontieren zu lassen: „Sie hatten nie eine lesbische Affäre? Von Friedemann Diederichs

“ Wo andere Politiker empört aus dem Studio gestürzt wären, lachte die Demokratin und frühere Außenministerin nur und antwortete: „Nein.“ Dann redete die 72-Jährige am Mittwoch so offen wie nie zuvor: Über die Depressionen ihrer Mutter. Ihre Eheprobleme mit dem untreuen Bill und Paar-Therapien. Ihre ungewöhnliche Freundschaft mit Mick Jagger.

Nie habe Clinton so menschlich und sympathisch gewirkt wie bei diesem Interview, waren sich danach führende US-Medien wie der Sender Fox News oder die New York Post einig. Die Begründung für die neue Offenheit Clintons, die 2016 die Wahl gegen Donald Trump verloren hatte, liegt für einen Teil der Beobachter auf der Hand. Sie erwäge ernsthaft einen späten Einstieg in das Rennen um die Nominierung als Präsidentschafts-Kandidatin der Demokraten. Das ist in Washington immer öfter zu hören.

Argumente dafür hätte sie in Hülle und Fülle. Da ist zum einen die Tatsache, dass bisher keiner der Bewerber so überzeugend wirkt wie einst Barack Obama 2008 und 2012 – und die Spitzengruppe der Aspiranten bei Umfragen eng zusammen liegt. Vor allem Joe Biden, der frühere Vizepräsident, hat Schwächen gezeigt. Beim Amtsenthebungsverfahren gegen Trump könnte ihn das Weiße Haus sogar im Senats-Prozess vorladen lassen und befragen, wie denn Bidens Sohn Hunter ohne Erfahrung zu einem lukrativen Job bei der ukrainischen Gasfirma Burisma kam. Auch scheinen bei Biden, dessen Name mit dem Trump-„Impeachment“ nun untrennbar verbunden ist, die Nerven blank zu liegen. In Iowa bezeichnete er jetzt einen Bürger, der ihm bei einem Wahlkampfauftritt eine Frage gestellt hatte, aufgebracht als „Lügner“ – eine Szene, die am Donnerstag über alle großen Sender lief. Auch die anderen Kandidaten, wie die progressive Elizabeth Warren oder der Senator Bernie Sanders, schwächeln aufgrund teils radikaler politischer Ideen wie der Abschaffung der Krankenversicherung „Obamacare“ und haben sich deutlich von der Parteimitte, für die Hillary Clinton steht, entfernt.



Und dann ist da noch die Russland-Untersuchung von Sonderermittler Robert Mueller. Schon bei anderen Auftritten hat Clinton die These vertreten, dass ihr bei der letzten Wahl der Sieg durch Aktivitäten Moskaus – die das Trump-Lager zumindest gebilligt habe – gestohlen worden sei. Und das Tüpfelchen auf dem „i“ ist, dass Clinton 2016 die Mehrheit aller abgegebenen Stimmen bekam, Trump jedoch aufgrund des viel kritisierten Wahlmänner-Systems in den Bundesstaaten am Ende gewonnen hatte.

Das anstehende Amtsenthebungsverfahren hat Clinton zudem zu selbstbewussten Aussagen ermuntert. Sie wäre ein wesentlich besserer Präsident als Trump gewesen, sagte sie kürzlich. Und: Immer mehr Wähler würden sie derzeit drängen, es doch noch einmal – nach zweimaligem Scheitern gegen Barack Obama und Trump – zu versuchen. „Ich muss mich schnell entscheiden“, sagte die frühere First Lady am vergangenen Wochenende. Eine Anspielung wohl auch auf die späte Kandidatur des früheren New Yorker Bürgermeisters und Milliardärs Michael Bloomberg – und natürlich den Fakt, dass Anfang Februar die Vorwahlen in Iowa und New Hampshire beginnen. Um die Aufmerksamkeit der Medien müsste sich Clinton bei einer erneuten Bewerbung jedenfalls keine Sorgen machen: Sie würde mit einer entsprechenden Erklärung sofort und monatelang die Kameras auf sich ziehen.