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US-Bürger fühlen sich nicht mehr sicher
Nach den Massakern greift die Angst um sich

 Mit Kerzen und Gebeten gegen die Angst: In Dayton, Ohio, halten Trauernde eine Mahnwache. Dort hatte ein maskierter bewaffneter am Sonntag um sich geschossen und neun Menschen getötet. 13 Stunden zuvor hatte ein Amokläufer in El Paso 20 Menschen erschossen.
Mit Kerzen und Gebeten gegen die Angst: In Dayton, Ohio, halten Trauernde eine Mahnwache. Dort hatte ein maskierter bewaffneter am Sonntag um sich geschossen und neun Menschen getötet. 13 Stunden zuvor hatte ein Amokläufer in El Paso 20 Menschen erschossen. FOTO: AP / John Minchillo
Washington. Viele US-Bürger fühlen sich nicht mehr sicher. Manche denken, dass nur mehr Waffen Sicherheit schaffen. Andere suchen Zuflucht im Glauben. Von Friedemann Diederichs

Michelle Stettler, eine medizinische Assistentin aus San Antonio (Texas), hat nur Stunden nach den Amokläufen von El Paso und Dayton mit ingesamt 29 Toten persönliche Konsequenzen gezogen. „Ich habe mir eine Pistole ausgeliehen, die ich zur Verteidigung meines Hauses nutzen werde. Außerdem spare ich jetzt für einen Kurs, der mir die Erlaubnis gibt, eine Waffe verdeckt am Körper zu tragen. Auf die Polizei kann man sich nicht mehr verlassen. Sie schießen ja noch nicht einmal mehr auf Amokschützen.“ Der letzte Satz zielt auf die Tatsache ab, dass der Massenmörder im Vergnügungsviertel von Dayton (Ohio) innerhalb von nur 60 Sekunden von Cops unschädlich gemacht wurde, doch der erst 21-jährige Täter von El Paso (Texas) –  der 20 Menschenleben auf dem Gewissen hat – am Ende seines Blutbads unverletzt festgenommen wurde.

Wer in den 24 Stunden nach den folgenreichen Anschlägen mit Bürgern spricht, verspürt ein früher  nicht so wahrnehmbares Phänomen: Das Empfinden der Menschen, sich nicht mehr im eigenen Land sicher zu fühlen. Manche, wie Michelle Stettler, glauben deshalb, dass nur mehr Waffen mehr Sicherheit schaffen. Andere, wie Whitney Stokes aus der Stadt Texarkana in Texas, wollen künftig besondere Vorsicht walten lassen und auf den Besuch in Supermärkten – die Attacke von El Paso geschah in einem Walmart – weitgehend verzichten. „Ich denke, ein Lieferservice ist eine gute Idee,“ sagt die Managerin eines Autozubehör-Ladens. Auch Joanie Bryson, eine Hausfrau aus der Stadt Deer Park im US-Bundesstaat New York, zeigt sich von den Ereignissen des Wochenendes beeindruckt – und gesteht: „Ich habe mich schon seit langem nicht mehr sicher gefühlt.“ Vor allem scheint es der Fakt zu sein, dass Amokläufe mit Schusswaffen dort stattfinden, wo sich US-Bürger bisher geschützt fühlten: Auf einem Food-Festival in der Stadt Gilroy (Kalifornien), wo es ebenfalls – wie in Dayton – eine Polizeipräsenz gab und dennoch letzte Woche drei Menschen starben. Bei Konzerten wie in Las Vegas im Oktober 2017, als ein einzelner Schütze aus einem Hotelzimmer heraus mit einem umgebauten Schnellfeuer-Gewehr 58 Besucher eines Country Musik-Konzerts tötete und 422 verwundete. Oder wie vor und im „Walmart“ von El Paso, wo Besucher mit ihren Kindern  Sonderangebote zum Schulbeginn sichteten.

Manche Bürger suchen angesichts der Tatsache, dass es seit Jahresbeginn Statistiken zufolge jeden Tag einen Schusswaffen-Vorfall mit mindestens vier Toten im Land gegeben hat, Zuflucht in ihrem Glauben. Wie die Consulting-Angestellte Regina Chris aus San Francisco (Kalifornien) – ein Bundesstaat, der über die schärfsten Gesetze gegen Schusswaffen-Besitz in den USA verfügt. Wenn sie ausgehe, sei sie aufmerksam gegenüber ihrer Umgebung – und stütze sich darauf, dass Gott sie weiter schützen werde, sagt Regina Chris. Sie betont aber auch: „Ich nehme nichts für garantiert an.“



Nur wenigen Menschen scheint es zu gelingen, die Ereignisse der letzten Tage mühelos abzustreifen. Die Hausfrau Stacey Dee aus Grey Forest (Texas), eine erklärte Unterstützerin von Präsident Donald Trump, zählt zu diesen Personen. Sie habe in New York die Ereignisse von 9/11 miterlebt, berichtet sie. Deshalb lasse sie heute „alles, was geschieht, im Vergleich zu diesem traumatisierenden Vorgang sicher fühlen“. Zudem verfügt Dee, wie die meisten US-Bürger, über Schusswaffen in ihrem Haushalt. „Sie verleihen mir das Gefühl von Sicherheit“, sagt die Frau. Eine Auffassung, die auch Flugzeug-Mechaniker und Kriegsveteran Billy Franklin aus der Stadt Corpus Christi an der texanischen Golfküste teilt. Seine Devise lautet, von seiner Militärzeit her abgeleitet, schlicht und einfach: „Beobachte deine Umgebung und sei bewaffnet.“