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Gesundheit
Zwischen Lebensgefahr und Lappalie

Trier. Täglich werden Patienten in Notfall-Ambulanzen verarztet. Eine Reportage aus dem Trierer Brüderkrankenhaus. Von Katja Bernardy

Sie alle wollen nur eines: einen Arzt, der ihnen eine Diagnose gibt, Beschwerden und Angst nimmt. Auch Maria Schneider sitzt an diesem Freitagmorgen im Wartebereich der Notfall-Ambulanz des Trierer Brüderkrankenhauses.

Die Mittsechzigerin hatte sich nicht wohlgefühlt: Druck im Kopf, flaues Gefühl, irgendwie komisch. Um 10.15 Uhr sagt sie der Schwester an der Annahme, was ihr fehlt, regelt Formales. Gut drei Stunden und einige Untersuchungen später steht der Verdacht auf Schlaganfall im Raum. Das sagt Schneider unserer Zeitung. Offenbar ein leichter. Denn wem man zutraut zu warten, ist besser dran, als Patienten wie Reimund Meier. Der 47-Jährige schaut aus wie man ausschaut, wenn man morgens zur Arbeit geht, frisch geduscht, Jeans, schickes blaues Shirt. Doch er liegt in Nummer zwei, einer der insgesamt neun Untersuchungskabinen. Seine Frau sitzt neben ihm.

Sie wissen nun, warum er seit einer Woche auf der linken Seite weniger sieht: Auch er hat die Diagnose Schlaganfall. Sein Hausarzt hatte ihn in die Notfall-Ambulanz geschickt. „Die Schwerkranken sind oftmals die Leisen, die abwarten“, sagt eine Schwester, die wie Maria Schneider und Reimund Meier nicht ihren wirklichen Namen in der Zeitung lesen möchte. Es gehört an 365 Tagen rund um die Uhr zur täglichen Kunst des Teams aus Internisten, Unfallchirurgen, Neurologen, Schwestern und Pflegern Lebensgefahr von medizinischen Lappalien zu unterscheiden – und keine Hektik aufkommen zu lassen. Dabei geben festgelegte Standards und Abläufe allen Sicherheit, den Kranken und denen, die sich um sie kümmern. Eckart Wetzel leitet die Notfall-Ambulanz bei den Brüdern, wie das katholische Krankenhaus landläufig genannt wird. Im Monitoring-Raum sitzen Mediziner vor Bildschirmen, schauen sich Röntgenbilder genau an, dokumentieren, überlegen wie es mit der Behandlung weitergeht. Ein Blick auf den großen Bildschirm und Wetzel und sein Team wissen, wie es um die Patienten steht: Rot steht für lebensbedrohlich, jede Minute zählt. Orange bedeutet, dass alle zehn Minuten nach dem Patient geschaut werden muss. Gelb alle halbe Stunde, Grün jede. Blau, kann warten. In der Notfall-Ambulanz geht es laut Claudia Neumes, Pflegerische Zentrumsleiterin, nicht nach dem Prinzip, wer zuerst kommt, kommt zuerst an die Reihe, sondern danach wie krank jemand ist. In der wenige Quadratmeter großen Kammer mit dem Schild „Ersteinschätzung“ werden Vitalwerte untersucht – vom Puls messen bis zur Bestimmung von Sauerstoff im Blut. Nach dem sogenannten Manchester-Triage-System, also speziellen Richtlinien für eine Notaufnahme, werden neu eintreffende Patienten von lebensbedrohlich bis nicht dringend eingruppiert.



Die Schwester im blauen Kittel, wie sie intern genannt wird, hält alle Monitore im Blick. Sie beobachtet, alarmiert, koordiniert. Erfährt sie, dass ein Rettungswagen etwa mit einem Verletzten über die Theobaldstraße reinfährt oder ein paar Meter höher ein Rettungshubschrauber mit einem Notfall landen wird, ruft sie alle zusammen. Ein Team steht dann parat, wenn der Patient im Schockraum ankommt. „Für diese Patienten arbeiten alle im D-Zug-Tempo“, sagt Wetzel. Die Menschen im Wartebereich bekommen davon nichts mit, manche dort erbosen sich über ein Schneckentempo, während zwei Türen weiter um ein Leben gekämpft wird. Oder pöbeln, so, dass Sicherheitskräfte für Ordnung sorgen müssen.

„Wir müssen noch besser kommunizieren“, sagt Wetzel hierzu selbstkritisch. Patienten im Wartebereich wüssten eben nicht, was hinter den Türen los sei und, dass auf Befunde gewartet werden müsse. Auch dass Patienten in Krankenbetten unter grellem Licht auf dem Flur stehen, wie die Seniorin, die sich ihr graues Haar kämmt, missfällt ihm.

Ursprünglich errichtet worden war die Ambulanz 2005 für nahezu die Hälfte der Patienten. 33 200 Menschen waren im vergangenen Jahr in die Notfall-Ambulanz des Trierer Brüderkrankenhauses gekommen, zu der auch ein stationärer Trakt mit elf Zimmern gehört: Rund tausend mit dem Rettungshubschrauber, mehr als fünf Mal so viele im Krankenwagen. Alle anderen, wie Maria Schneider und Reimund Meier, zu Fuß. Würde man ein Ranking der Beschwerden erstellen, lägen Patienten mit Wunden, Verletzungen, Brüchen oder Rheuma an erster Stelle, gefolgt von Patienten mit neurologischen Symptomen wie Schwindel, Sehstörungen, Schlag- und Krampfanfällen, gefolgt von Unwohlsein. „Und dahinter verstecken sich oft lebensbedrohliche Erkrankungen wie ein Herzinfarkt oder Nierenversagen“, sagt die Sprecherin des Krankenhauses.

Die Zahl der Patienten stagniere, sagt Wetzel und ein Trend sei zu erkennen: Immer mehr ältere, pflegebedürftige Menschen und junge Menschen mit psychosomatischen Beschwerden kämen. Die Notfall-Ambulanz spiegelt offenbar auch die Malaisen der Gesellschaft wider. Wetzel hat für jeden Patienten, der kommt, Verständnis. Er sagt: „Im Trierer Brüderkrankenhaus wird niemand abgewiesen.“ Mehr noch. „Geht in die Notaufnahme!“ Denn jeder Einzelne hätte Not, sonst würde er nicht kommen.

Darunter sind Patienten, die Monate lang auf einen Facharzttermin warten müssen und froh sind, dass endlich ein Bild von ihrem Kopf oder ihren Blutgefäßen gemacht wird.

Darunter sind Menschen, die Panik haben, weil ihre Finger von der Jeans blau sind oder hinter dem Erbrechen eine schlimme Erkrankung wittern. Und es kommen Menschen, die lange warten wie Reimund Meier. Zu lange. Er wird wie über ein Drittel der Notaufnahme-Patienten (13 000) im vergangenen Jahr erst einmal stationär im Brüderkrankenhaus bleiben.

Wetzel sagt, Ziel sei immer, dass alle mit fertiger Diagnose und stabil auf Normalstation kämen oder nach Hause gehen könnten. So wie die meisten der Patienten.