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Interview Bijan Djir-Sarai
„Da will doch keiner mehr mit dem Westen zusammenarbeiten“

Berlin. Der FDP-Außenpolitiker sieht den Abzug der US-Truppen als „schlechtes Zeichen“. Amerika habe die kurdischen Verbündeten „im Stich gelassen“. Von Stefan Vetter

Die Kurdenmilizen in Nordsyrien waren im Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) ein wichtiger Verbündeter der USA. Nun zieht Washington seine Truppen für eine Militäroffensive der Türkei aus der Region ab. Nach Einschätzung des außenpolitischen Sprechers der FDP wird sich Europa deshalb womöglich auf neue Flüchtlingsströme einstellen müssen.

Herr Djir-Sarai, ist der Abzug der US-Truppen ein gutes oder schlechtes Zeichen?

DJIR-SARAI Der Rückzug ist ein sehr schlechtes Zeichen. Washington hat sich schon seit längerem aus der Diplomatie in der Region zurückzogen, nun auch militärisch. Dadurch wird ein Vakuum entstehen, nicht nur in Nordsyrien, sondern im Hinblick auf die Nachkriegsordnung in ganz Syrien. Die USA haben kein Interesse mehr an der Region, die EU war dort nie ein Faktor. Zu erwarten ist, dass der Iran, Russland und die Türkei dort ihre Einflusssphären abstecken werden.



Was steckt hinter der Militäroffensive der Türkei?

DJIR-SARAI Im Kern geht es Ankara um das Zurückdrängen des kurdischen Einflusses in der Region. Erdogan hat kein Interesse an kurdischen Strukturen unmittelbar vor der eigenen Haustür. Auf der anderen Seite muss man sich darüber im Klaren sein, was es für eine Botschaft in die Region ist, wenn jemand wie die Kurden an der Seite der USA gegen den IS kämpft und dann im Stich gelassen wird. Da will doch keiner mehr mit dem Westen zusammenarbeiten.

Muss sich Europa auf eine neue Flüchtlingswelle aus Syrien einstellen?

DJIR-SARAI Die Gefahr besteht durchaus. Denn ein Einmarsch türkischer Truppen wird sich destabilisierend auf die Region auswirken. Gerade in Deutschland leben bereits sehr viele syrische Flüchtlinge. Auch deshalb kann die Bundesregierung das Säbelrasseln Ankaras nicht kalt lassen.

Wie sollte sich die Bundesregierung jetzt verhalten?

DJIR-SARAI Nur ein paar besorgte Äußerungen sind sicher zu wenig. Die Entwicklung ist ja nicht vom Himmel gefallen. Ein möglicher Einmarsch der Türkei in Nordsyrien hat sich schon im vergangenen Jahr angekündigt. Aber es gab weder eine EU- noch eine deutsche Initiative und auch keinerlei Gespräch mit den USA, um diese Gefahr abzuwenden. Hier wurde eine politische Chance verpasst. Und ich habe ehrlich gesagt wenig Hoffnung, dass irgendwer jetzt noch das Ruder herumreißen kann. Dazu ist es wohl zu spät.