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Nach den Massakern
Trumps Trost-Reise wird zum Spießrutenlauf

 Besuch im Krankenhaus: Kritiker warfen dem Ehepaar Trump das Posieren vor.
Besuch im Krankenhaus: Kritiker warfen dem Ehepaar Trump das Posieren vor. FOTO: dpa / Andrea Hanks
El Paso. Zwei Massaker, zwei Besuche: Der US-Präsident reist nach der Ohio-Visite nach Texas — aber er ist vielen nicht willkommen. Nicht nur bei den Opfern. Von Friedemann Diederichs

„Rassismus ist nicht Patriotismus“. „Bleib weg, Trump!“ Die Plakate, die Demonstranten vor den weißen Kreuzen am Einkaufszentrum in die Höhe halten, lassen es an Deutlichkeit nicht fehlen. In dem Walmart hatte am Samstag ein rassistisch motivierter 21-jähriger Amokschütze 22 Menschen getötet. Und der US-Präsident ist in der texanischen Grenzstadt, deren Bevölkerung mehrheitlich mexikanische Wurzeln hat, nicht willkommen. Der Besuch in El Paso, mit dem Donald Trump und First Lady Melania nach ihrem Besuch am Ort der zweiten Attacke in Dayton/Ohio mit neun Toten Anteilnahme zeigen wollen, wird bei 38 Grad im Schatten zum Spießrutenlauf. „El Paso wird nicht schweigen, und ich schon gar nicht“, ließ der demokratische Präsidentschaftskandidat Beto O’Rourke kurz vorher wissen. Auch O’Rourke hatte Trump zur unerwünschten Person erklärt.

Im scharf bewachten Krankenhaus von El Paso können Trump und seine Frau für eine Zeitlang den Protesten und der Kritik entkommen, als sie zwei Opfer-Familien treffen. Es waren die einzigen Betroffenen, die mit dem Präsidenten zusammenkommen wollten. Später gibt es Kritik an einem Foto der Trumps, das das Weiße Haus veröffentlicht und das sie im Krankenhaus am Bett eines bei einem der Attentate verletzten Mädchens zeigt. In den Online-Netzwerken empören sich Kritiker über die Art und Weise, wie das Präsidentenpaar mit Opfern posiert.

An der Zufahrt zum Hospital hat sich eine Handvoll Sympathisanten mit US-Flagge und „Trump 2020“-Schildern positioniert. Doch sie sind an diesem schwülen Tag in der Minderheit. Die große Mehrheit will vom Präsidenten endlich Aktionen – so wie es US-Bürger seit vielen Jahren fordern, wenn wieder ein Massaker die Nation erschüttert. Doch einige wollen noch mehr. „Er muss sich bei uns und den Latinos für seine Aussagen entschuldigen,“ sagen Angehörige der Hernandez-Familie, die am Samstag Verwandte im Kugelhagel verlor. Sie meinen Formulierungen Trumps, der immer wieder Migranten als „Invasoren“ bezeichnet hat und Mexikaner gerne als „Drogenhändler, Menschenschmuggler und Mörder“ kategorisiert.



Doch ein „mea culpa“ gibt es von Trump in den über zwei Stunden in El Paso nicht. Stattdessen feuert er beim Anflug wieder Twitter-Salven auf Politiker ab, die er zuvor in Dayton traf – und wirft ihnen vor, sein Treffen mit Opfern und Angehörigen falsch dargestellt zu haben. Er sei doch „wie ein Rockstar“ gefeiert worden, prahlt Trump. Diese provokanten Aussagen passen wenig zu Trumps Einschätzung kurz vor Abflug zu seiner Reise, als er versicherte: „Meine Rhetorik bringt die Menschen zusammen“. In El Paso ist jedenfalls davon nichts zu spüren. Auch in Dayton hatte es schon Proteste gegeben.

Während mehr als 200 Bürgermeister an den Kongress appelieren, die Sommerpause zu unterbrechen und das Waffenrecht zu verschärfen, wirft Ex-Vizepräsident Joe Biden Trump bei einer Rede in Iowa in scharfen Worten vor, die Flammen der weißen Nationalisten in den USA anzufachen. Und der demokratische Präsidentschaftskandidat zieht eine direkte Verbindung zwischen der Wortwahl Trumps und der Bluttat in El Paso, wo der Attentäter eigenen Worten zufolge möglichst viele Mexikaner töten wollte. Doch alle Kritik prallt ab. Er habe vor allem „Liebe und Respekt“ verspürt, bilanziert Trump nach den Besuchen.