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Bundestag debattiert
Heftiger Streit um Wechselmodell bei Trennungskindern

 Das Wechsel­modell sieht vor, dass die Kinder nach einer Trennung der Eltern zur Hälfte vom Vater und zur Hälfte von der Mutter betreut werden.
Das Wechsel­modell sieht vor, dass die Kinder nach einer Trennung der Eltern zur Hälfte vom Vater und zur Hälfte von der Mutter betreut werden. FOTO: dpa / Marcel Kusch
Berlin. Von Werner Kolhoff

Bei Scheidungen kochen die Emotionen hoch, erst recht, wenn das Gezerre um die Kinder und den Unterhalt losgeht. Das hat jetzt auch den Bundestag erreicht. Dort wird über das so genannte Wechsel­modell diskutiert, bei dem die Kinder halbe-halbe von den Trennungseltern betreut werden. Oft wochenweise wechselnd. Gestern fand dazu eine Expertenanhörung im Bundestag statt.

Anlass ist ein Antrag der FDP, die das Wechselmodell gesetzlich zum Regelfall erheben möchte. O-Ton Liberale: „Das Prinzip, einer betreut, einer bezahlt, ist überholt.“ Derzeit entscheiden die Familiengerichte im Streitfall zumeist, dass die Kinder zu einem Elternteil kommen. Meist zur Mutter. Dem Vater bleibt dann nur die Rolle des Wochenend-Papis. Zudem muss er Kindesunterhalt zahlen, was beim Halbe-Halbe-Modell weitgehend wegfällt. Das wiederum erfordert, dass beide Elternteile Zeit für die Betreuung und auch entsprechenden Wohnraum haben. Der Gegenantrag im Bundestag stammt von den Linken, die mit dem Kindeswohl argumentieren. Ein Wechsel der Betreuungspersonen sei für den Nachwuchs zu stressig, das Wechselmodell dürfe nicht Regelfall werden. Allerdings müsse es bei Sozialleistungen besser berücksichtigt werden. Das fand in der Anhörung Unterstützung vom Juristinnenbund.

In vielen europäischen Ländern ist das Wechselmodell Standard oder wird gefördert. Dadurch werden etwa in Schweden 40 bis 60 Prozent der Kinder nach Trennungen so betreut. In Deutschland sind es nur fünf bis 15 Prozent. Schon im Vorfeld der Expertenanhörung flogen die Fetzen. So beklagten Väterverbände, dass sie im Unterschied zu den Mütterorganisationen nicht eingeladen seien. Den Mütterverbänden gehe es weniger um das Kindeswohl als um „finanzielle Transferleistungen“. Der Verband der alleinerziehenden Mütter und Väter konterte: Für Kinder seien „Kontinuität und Stabilität“ das Wichtigste. Wo das Wechselmodell praktiziert werde, dürften die anteiligen Unterhaltspflichten zudem nicht dazu führen, dass der Schwächere, meist die Mutter, „luxuriöse Bedarfsdeckungen im einkommensstärkeren Haushalt“ mitfinanzieren müsse.



Dem pflichtete auch Maria Loheide von der Diakonie bei. Beim Wechselmodell seien viele familien-, steuer- und sozialrechtliche Fragen noch nicht geklärt. Das führe zu Ungerechtigkeiten, sagte Loheide. Klar für das Wechselmodell sprach sich die Professorin für Familienrecht, Hildegund Sünderhauf, aus. Zwar nicht als Zwang für alle, es solle jedoch „vorrangig erwogen und geprüft“ werden. Die überwiegende Mehrheit der Studien sehe nämlich positive Auswirkungen auf die Kinder.

Die Regierung will das heiße Eisen nicht anpacken. Justizministerin Katarina Barley (SPD) hat nach ihrer Scheidung das Wechselmodell mit ihren Kindern zwar selbst praktiziert und schwärmt davon, findet aber, dass keines der Modelle gesetzlich bevorzugt werden solle. Die CDU-Politikerin Elisabeth Winkelmeier-Becker sagte, das Wechselmodell sei eine gute Lösung, wenn Eltern es gemeinsam trügen. Wenn sie sich nicht einig seien, würde eine Anordnung durch das Gericht nur zu neuem Streit führen.

Barley lässt durch eine Arbeitsgruppe nun prüfen, wo es unnötige Hürden für das Wechsel­modell gibt. Etwa im Melderecht, aber auch im Steuerrecht. Sie will „die Familien dabei stärken, die für sie richtige Lösung zu finden“, also echte Wahlfreiheit schaffen. Im Spätsommer will ihr Haus Ergebnisse vorlegen. Barley selbst, die an der Mosel wohnt, ist dann wieder näher bei ihren Söhnen. Sie kandidiert im Mai für das Europaparlament.