| 22:49 Uhr

Noch ein Jahr bis zum EU-Austritt der Briten
Tote Fische für einen harten Brexit

London. In einem Jahr wird Großbritannien die Europäische Union verlassen — doch zu welchen Bedingungen?

An einem sonnigen Mittwochmorgen wartete kürzlich eine beachtliche Menge von Menschen an der Themse auf einen Fischkutter. Unter den Versammelten im Zentrum Londons waren einige der lautstärksten Unterstützer des EU-Austritts Großbritanniens, etliche Journalisten, Aktivisten, Schaulustige. Dann kam das kleine Boot mit dem Namen „Holladays“ endlich angetuckert – beladen mit protestierenden Fischern sowie kistenweise Fisch. Am Parlament in Westminster endete die Reise, und Nigel Farage, Europaparlamentarier und ehemaliger Vorsitzender der EU-feindlichen Unabhängigkeitspartei Ukip, stieg auf das Boot, um von da kiloweise toten Schellfisch im Fluss zu versenken – angeblich sein Lieblingsspeisefisch. Beobachter verstanden nicht ganz das Mittel des Protests gegen die britische Regierung, die aus Sicht der Hardliner nicht radikal und konsequent genug den Austritt aus der EU vorantreibt.

Aber die Medienaufmerksamkeit war ihnen gewiss. Der Brexit ist zum Dauerthema in der öffentlichen Debatte aufgestiegen. Da wird gerne tagelang um die Farbe des künftigen Passes gestritten, immerhin das Symbol stolzer Post-Brexit-Unabhängigkeit. Es sind solche Dinge, die die Schlagzeilen bestimmen, seit Premierministerin Theresa May vor genau einem Jahr Artikel 50 ausgelöst und damit den auf zwei Jahre befristeten Austrittsprozess eingeleitet hat. Es ist Halbzeit.

Während Nigel Farage toten Fisch vom Kutter kippte, stand an Land der konservative Abgeordnete und prominente Brexit-Cheerleader Jacob Rees-Mogg und ließ die Reporter wissen, dass die Regierung gut daran täte, so schnell wie möglich die Kontrolle über die Fischerei zurückzugewinnen. Immerhin, je näher der Stichtag in einem Jahr rücke, desto mehr sei „die Stärke auf der Seite Großbritanniens“. Brüssel hänge verzweifelt von den Zahlungen des Königreichs ab. Die Brexit-Anhänger strotzen vor Zuversicht. Und neben dem Politiker nickten eifrig einige Passanten. Die Stimmung auf der Insel hat sich seit dem Referendum kaum geändert. Laut Forschungsinstitut YouGov blieben die meisten ihrer Meinung treu. „Der Großteil hat das Gefühl, dass das Votum der Politik ein klares Mandat gegeben hat und dass das nicht umkehrbar ist“, sagt Meinungsforscher Sir John Curtice – obwohl „Ungewissheit herrscht“, wie Politikwissenschaftler Anand Menon vom Think-Tank „UK in a Changing Europe“ betont. Noch immer ist nicht klar, wie das künftige Verhältnis zwischen dem Königreich und der EU aussehen wird. Das habe negative Auswirkungen für Unternehmen und Schlüsselindustrien. Hinzu komme, dass der Brexit in Nordirland „die Region destabilisiert“.