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Interview Thomas Krüger
„Die DDR war für mich ein Trainingslager der Freiheit“

 Thomas Krüger, seit 19 Jahren Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung.
Thomas Krüger, seit 19 Jahren Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung. FOTO: BNP/Martin Scherag / Martin Scherag
Berlin. Der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, der die Wende als Bürgerrechtler in der DDR erlebte, empfand den Mauerfall 1989 als Schock. Von Werner Kolhoff

Thomas Krüger hat zwei Leben gelebt, mindestens. Bis zum Mauerfall war der Thüringer in der DDR Theologe und Mitbegründer der Ost-SPD. Dann begann seine politische Karriere im Westen, wo der 60-Jährige nun seit 19 Jahren Präsident der Bundeszentrale für Politische Bildung ist. Seine Bilanz.

Leben kann man nicht vergleichen. Aber in welchem Land war das Leben besser?

KRÜGER Ohne Frage in dem Land, in dem ich mich frei bewegen kann, und in dem ich denken kann, was ich will. Trotzdem gehört natürlich auch meine DDR-Vergangenheit zu mir. Ich würde sagen, die DDR war für mich so etwas wie ein Trainingslager, um mich an autoritären und diktatorischen Strukturen abzuarbeiten – und Freiheit und Demokratie umso mehr schätzen zu lernen.



Was haben Sie beim Mauerfall empfunden?

KRÜGER Die Bürgerrechtsbewegung war damals gerade stark im Aufwind, und wir glaubten, dass wir aus der DDR ein demokratisches Land machen könnten. Mit der chaotischen Öffnung der Mauer verflogen diese Träume. Für mich war der 9. November eher ein Schock und ein Moment der Enttäuschung.

Weil die DDR-Bürgerbewegung unterschätzt hat, dass eine Mehrheit der Menschen keinen neuen Staat, sondern nur die D-Mark und ein vereinigtes Deutschland wollte?

KRÜGER Das stimmt. Wir haben uns eingebildet, irgendetwas in der DDR zu repräsentieren, aber wir waren in Wirklichkeit nur eine kleine Gruppe, die für sich eine Utopie hatte, welche von anderen nicht geteilt wurde. Im Unterschied zu Solidarnosc in Polen, die ja auch noch die katholische Kirche im Rücken hatte, konnten wir nie wirklich eine Machtperspektive entfalten.

Viele DDR-Bürger haben den Prozess der Einheit als traumatisch empfunden. Wäre ein Treuhand-Untersuchungsausschuss heute noch sinnvoll?

KRÜGER Es gab damals wenige Alternativen für den wirtschaftlichen Übergang. Allenfalls hätte man ihn zeitlich strecken können. Dagegen stand die Sehnsucht der Mehrheit der DDR-Bürger nach schneller Wiedervereinigung und nach der D-Mark. Das Ganze spricht eher für eine sorgsame historische Aufarbeitung als für einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Es kann jetzt nicht mehr um Abrechnung gehen.

Wieso kann 30 Jahre danach eine Partei, die AfD, mit dieser Enttäuschung noch Punkte machen?

KRÜGER Dreiviertel der DDR-Bevölkerung hatte mit SED oder Stasi nichts zu tun. Trotzdem spielten die Erfahrungswelten der normalen Bürger nach der Wende keine Rolle. Die erlebten nicht nur Arbeitsverluste, sondern auch den Verlust ihrer Alltagskultur. In dieses Terrain stößt jetzt die AfD vor – übrigens ausschließlich mit westdeutschen Führungspersonen. Ironie der Geschichte: Wieder vertreten Wessis die angeblichen Interessen der Ostdeutschen.

Haben die Ostdeutschen die Demokratie nicht verstanden?

KRÜGER Die DDR war eine homogene weiße Gesellschaft. Die Vertragsarbeiter aus Polen oder Vietnam wurden von der Bevölkerung abgeschottet, ebenso die sowjetischen Besatzungssoldaten. Die Begegnung verschiedener Lebenserfahrungen und -stile und Kulturen war nie ein Thema. Die Wähler der AfD sind aber nicht alle verfestigt rechts. Wahlen im Osten waren schon immer sehr volatil und wurden genutzt, um aktuelle Unzufriedenheiten zu äußern.

Aber die Hälfte der jetzt im Osten lebenden Bürger ist in der wiedervereinigten Bundesrepublik groß geworden. Warum schlägt diese Demokratieerfahrung nicht durch?

KRÜGER Die, die Bildungserfolge hatten, vor allem aus den ländlichen Räumen, sind in den Westen gegangen. Zurückgeblieben sind junge Männer mit relativ geringen Bildungsabschlüssen. In einigen ostdeutschen Universitätsstädten und Metropolen ändert sich das allmählich wieder. Was im Osten läuft, ist in verschärfter Form im Grunde ein Kampf um die kulturelle Hegemonie zwischen offener Gesellschaft und Abschottung. Diesen Kampf gibt es angesichts der Globalisierung in vielen Ländern.