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Therapie
Familienglück trotz HIV

Franziska Borkel ist HIV-positiv. Durch die Therapie wird ihre Viruslast so weit unterdrückt, dass sie niemanden anstecken kann.
Franziska Borkel ist HIV-positiv. Durch die Therapie wird ihre Viruslast so weit unterdrückt, dass sie niemanden anstecken kann. FOTO: dpa / Jörg Carstensen
Berlin. Sex ohne Kondom und gesunde Kinder trotz HIV? Was lange undenkbar schien, ist heute möglich. Wirksame Therapien erlauben ein ganz normales Leben. Von Ulrike von Leszczynski

Wenn die Jungs Blödsinn machen und die Kleine sich das abguckt – dann könnte Franziska Borkel manchmal die Wände hochgehen. Dreijährige Zwillinge hat sie und eine einjährige Tochter. „Die drei sind eine größere Herausforderung als mein Leben mit HIV“, sagt die 35-jährige Mutter schmunzelnd. Ihre Kinder, der ganz normale Alltagswahnsinn, das bringe sie manchmal an den Rand der Erschöpfung. „Aber es frisst mich nicht auf. Ich bin glücklich. Ich bin eine von vielen Frauen in Deutschland, die mit HIV leben und sich ihre Träume erfüllen.“

Gegen ihre Krankheit nimmt Franziska Borkel zwei Tabletten am Tag. Damit wird das Virus so stark unterdrückt, dass sie weder ihren Mann noch die Kinder anstecken kann. Eine normale Lebenserwartung, keine Einschränkungen im Alltag, Sex ohne Kondom und natürliche Geburten – all das ist unter einer wirksamen Therapie heute möglich. Nur wer weiß das? Zum Welt-Aids-Tag an diesem Samstag will eine Kampagne der Deutschen Aids-Hilfe beleuchten, was wirksame Therapien heute für die geschätzt rund 86 000 Menschen bedeuten, die in Deutschland mit HIV/Aids leben – davon rund 17 000 Frauen.

Heilbar ist die Infektion bis heute nicht. Doch seit rund 20 Jahren lässt sich HIV bei rechtzeitiger Diagnose mit Therapien als chronische Krankheit behandeln. Ende 2017 machte die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung eine repräsentative Umfrage zu HIV. Nur jeder zehnte Interviewte wusste, dass das Virus unter erfolgreicher Behandlung nicht ansteckend ist.



Dabei machte schon vor zehn Jahren eine Einschätzung der Schweizer Eidgenössischen Kommission für Aids-Fragen Schlagzeilen. Sie trug Belege dafür zusammen, dass das HI-Virus unter wirksamer Therapie nicht übertragbar ist. „Das war eine Aussage wie ein Tabubruch“, erinnert sich Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für HIV-Forschung am Uni-Klinikum Essen. Und ein Wendepunkt. „Denn das heißt ja, es ist sicherer, mit einem HIV-positiven Menschen unter Therapie Sex zu haben als mit jemandem, der sich nicht hat testen lassen“, ergänzt Streeck.

Heute ist durch große Untersuchungen bewiesen, dass die Schweizer Recht hatten: HIV ist unter wirksamer Therapie nicht ansteckend. „Das können wir so bestätigen. Das deckt sich mit unserer Einschätzung“, sagt Uwe Koppe, HIV-Experte am Robert Koch-Institut (RKI). Er zitiert Studien mit hetero- und homosexuellen Paaren, in denen ein Partner HIV-positiv und der andere nicht infiziert war. „Unter wirksamer Therapie kam es bisher zu keiner Übertragung“, fasst er zusammen. „Das ist eine tolle Botschaft. Weil Sex mit so viel Angst verbunden war und mit der Stigmatisierung von HIV-Positiven. Heute können sie sogar Kinder zeugen.“

Doch selbst in Krankenhäusern herrschen ohne sexuellen Zusammenhang manchmal bis heute völlig irrationale Infektionsängste. „Ich habe bei einem Sportunfall einen Hockeyschläger ins Gesicht bekommen“, berichtet Franziska Borkel. „Als Jahre später mein Kiefer deshalb erneut in einer Klinik geröntgt werden sollte, haben sie auf meine Krankenakte panisch mit rotem Filzstift „HIV“ geschrieben.“ Damit saß sie dann im Wartezimmer. „So etwas macht traurig und einsam.“

Und wütend. „Der Röntgenapparat und die Fachkräfte haben ja weder ungeschützten Sex mit mir, noch werden sie sich und mich gleichzeitig aufschlitzen.“ Borkel begann, sich in der Aids-Hilfe für Aufklärung zu engagieren – und dafür auch ihre eigene Geschichte zu erzählen.

Sie bekam ihre HIV-Diagnose mit 16. Danach waren regelmäßige Blutchecks für sie selbstverständlich. Leicht war das später in Studium und Beruf nicht immer zu organisieren, denn die Umweltwissenschaftlerin lebte auch in Marokko und Nepal. Mit einer HIV-Therapie begann sie mit Mitte 20 in Spanien. „Heute würde man früher anfangen. Das war eine andere Zeit“, urteilt sie im Rückblick.

Kondome waren für sie seit der Diagnose erst einmal selbstverständlich. Ablehnung in Liebesdingen habe sie nie erfahren, wenn sie über ihre Infektion sprach, sagt sie. „Nachdenklichkeit schon. Und die Bitte, über HIV erst einmal in Ruhe nachlesen zu dürfen.“ Oder vor dem Weglassen von Kondomen einen Arzt zu fragen. Mit dem Wunsch nach Kindern stellten sich für sie und ihren Mann neue Fragen: Nach dem Übertragungsrisiko bei Schwangerschaft und Geburt und den Auswirkungen der Medikamente auf das ungeborene Kind. „Als wir uns sicher waren, dass kein Risiko besteht, haben wir die Familiengründung gewagt.“

Doch erneut sah sie sich in Krankenhäusern mit Unwissen konfrontiert. Kliniken in Baden-Württemberg, wo sie damals lebte, wollten eine HIV-positive Frau unter Therapie nur mit Kaiserschnitt entbinden. „Obwohl in den ärztlichen Leitlinien stand, dass die vaginale Geburt empfohlen wird“, sagt Franziska Borkel. Denn Therapien haben auch für Geburten viel verändert: Ohne HIV-Übertragungsrisiko wiegt der Nutzen eines tiefen Schnitts in den Bauch mögliche Komplikationen dadurch nicht mehr auf.

Franziska Borkel hat ihre Zwillinge schließlich in Frankfurt entbunden – ohne Kaiserschnitt. Ihr jüngstes Kind kam in Berlin zur Welt. „Es gibt in großen Städten ein Paralleluniversum der HIV-Versorgung. Ohne Diskriminierung“, sagt sie. „Es ist gut, dass HIV heute nicht mehr so skandalisiert wird“, sagt RKI-Experte Koppe. „Aber dadurch kommen neue Erkenntnisse natürlich auch weniger in die Köpfe.“

Die Deutsche Aids-Hilfe wertet die bisherigen Erfolge durch Therapien als Entlastung für Betroffene. „Die meisten Menschen empfinden es als belastend zu wissen, dass sie andere mit HIV anstecken können“, sagt Sprecher Holger Wicht. „Genau deswegen sollen möglichst viele Menschen erfahren, dass HIV unter Therapie nicht übertragbar ist.“

Ihren Kindern erklärt Franziska Borkel ihre Krankheit altersgerecht, soweit sie es verstehen können. „Ich glaube nicht, dass sie Diskriminierung trifft. Wenn es für mich angstfrei ist, dann ist es das für meine Kinder genauso.“