| 00:00 Uhr

„Tayyip war früher ein klasse Kerl“

Istanbul. Zum zweiten Mal binnen weniger Monate wählen die Türken ein neues Parlament. Die hat Präsident Erdogan ausgerufen, weil er und die AKP das Land allein regieren sollen. Doch davon ist er laut Umfragen weit entfernt. Susanne Güsten

Ismael Topaloglu rührt in seinem Tee , steckt sich eine neue Zigarette an und schaut auf die Straße hinaus. Regen fällt vom grauen Himmel im Istanbuler Viertel Kasimpasa am Goldenen Horn. Topaloglu ist hier zu Hause und trinkt seinen Tee immer im selben Teehaus. Als Kind wuchs der heute 58-Jährige nicht weit von hier mit einem Nachbarjungen namens Recep Tayyip Erdogan auf. "Ein klasse Kerl war das", sagt Topaloglu über den drei Jahre älteren türkischen Staatspräsidenten . Bisher hat Topaloglu immer für Erdogans Partei AKP gestimmt, aber vor der Parlamentswahl an diesem Sonntag zögert der Jugendfreund des Präsidenten. Denn Tayyip, wie jeder hier den Staatsschef nennt, habe sich verändert. Das bekommt die ganze Türkei zu spüren.

Wenige Tage vor der Wahl muss Erdogans Partei kämpfen. Vor der letzten Wahl im Juni verfolgte Erdogan noch das ehrgeizige Ziel, die AKP im Parlament stark genug zu machen, um sich zusätzliche Machtbefugnisse als Präsident zu sichern. Der Plan scheiterte, die AKP verlor ihre Mehrheit in der Volksvertretung - darauf setzte Erdogan die Neuwahl an. Jetzt geht es für die AKP darum, ihre Mehrheit zurück zu erobern. Denn wenn sie nach der Wahl einen Koalitionspartner braucht, dann kann Erdogan seine Präsidentenpläne begraben. Allerdings sehen viele Demoskopen die AKP unterhalb der dafür notwendigen Marke von 276 Parlamentsmandaten. Erdogans AKP würde laut Umfragen bei 41 Prozent der Stimmen landen, die säkularistische CHP bei 27 Prozent, die rechtsnationale MHP bei 16 Prozent und die Kurdenpartei HDP bei 12 Prozent.

Dass Leute wie Topaloglu von der Fahne gehen, ist ein Alarmzeichen für die Regierungspartei. Für Topaloglu wie für viele in Kasimpasa war Erdogan lange ein Idol. Das Fußballstadion des Viertels trägt den Namen des Präsidenten, der hin und wieder seine alte Heimat besucht. Bei einem dieser Besuche nach der Juni-Wahl hat Topaloglu seinen Jugendfreund zuletzt gesprochen. Da war Tayyip schon längst nicht mehr der Alte.

Topaloglu und Erdogan haben vieles gemeinsam. Ihre Eltern stammten aus Rize am Schwarzen Meer und kamen nach Istanbul , um Arbeit zu suchen. Viele Anatolier vom Schwarzen Meer fanden sich damals in Kasimpasa zusammen, einer Arbeiter- und Werftengegend, die in Topaloglus Jugend als Schlägerviertel berüchtigt war. Als junger Mann sei Erdogan immer einer gewesen, der die Leute zusammenbrachte und miteinander versöhnte, erinnert sich Topaloglu. Selbst bei Romeo-und-Julia-Geschichten schaltete sich der junge Erdogan als Vermittler ein. "Einmal hatten zwei Familien hier Streit; es ging um ein Mädchen und darum, wen es heiraten sollte." Tayyip beendete nicht nur den Zwist zwischen den Familien, sondern machte aus den Gegnern Freunde. "So einer war er."

Die Betonung liegt auf "war". Denn heute ist Tayyip nicht mehr so, meint Topaloglu. "Ich mag ihn nicht mehr." Statt die Leute zusammenzubringen sei Erdogan nur noch auf Krawall gebürstet. Warum? "Ich weiß es nicht. Vielleicht muss man als Politiker so sein." Er jedenfalls will für eine Partei stimmen, "die das Land wieder vereint" - damit meint er nicht die AKP. Überhaupt herrscht in Kasimpasa keinerlei Begeisterung beim AKP-Fußvolk. "Was soll schon werden? Verändern tut sich doch eh nichts," brummt einer. Die Wirtschaft stottert, die Arbeitslosigkeit steigt. Jeder fünfte Türke unter 24 Jahren hat keinen Job. Der Selbstmordanschlag von Ankara vom 10. Oktober mit mehr als hundert Toten hat Wähler wie Politiker geschockt.

Die Leute sind verunsichert, sagt Topaloglu und streicht mit der Hand über die Plastikdecke an seinem Tisch vor dem Teehaus. Der Regen prasselt auf die Markise, unter der er im Freien sitzt, damit er beim Tee seine Camels rauchen kann. "Du weißt nie, wo es das nächste Mal krachen wird." Türken wie er haben das Gefühl, dass etwas im Land zerbricht, dass der Zusammenhalt verloren geht, dass Grenzen überschritten werden. Wie früher in Kasimpasa müsste jetzt jemand da sein, der die Leute zusammenbringt.

Doch Erdogan hat anderes im Sinn. Er pfeift auf die verfassungsmäßige Neutralitätspflicht für den Staatspräsidenten und kanzelt alle AKP-Gegner als vaterlandslose Gesellen ab. So wie bei einer kürzlichen Rede in seinem prunkvollen Palast in Ankara. Die Opposition? "Man kann die nicht einmal Parteien nennen, das sind Banden." Kritische Stimmen aus der Zivilgesellschaft? "Propaganda-Maschinen des Terrors." Die Intellektuellen, die Kanzlerin Angela Merkel vor deren Besuch bei Erdogan vor Wahlkampfhilfe für die AKP warnten? "Schwachköpfe."

Mit Argusaugen beobachten Erdogans Anwälte und regierungstreue Staatsanwälte gleichzeitig alle möglichen kritischen Äußerungen: Zuletzt wurde ein 15-jähriger Teenager festgenommen, weil er Erdogan auf Facebook beleidigt haben soll. Seit Erdogans Amtsantritt als Staatspräsident im August vergangenen Jahres hat die Justiz mehr als hundert Strafverfahren wegen angeblicher Präsidentenbeleidigung eingeleitet. Mittlerweile sitzen in der Türkei mehr Menschen wegen kritischer Twitter-Kommentare im Knast als wegen Unterstützung für den Islamischen Staat, sagt die Opposition. Einer Umfrage zufolge haben zwei von drei Türken Angst vor Erdogan.

Die Kluft zwischen Erdogan-Anhängern und Gegnern der Opposition sei die "wichtigste Verwerfungslinie in der Gesellschaft", soll ein hochrangiger Regierungsberater in einer vertraulichen Besprechung analysiert haben. Ein anderer Regierungsvertreter in Ankara spricht von einem "Klima der Angst und der politischen Krise".

Nicht nur Erdogans Jugendfreund Topaloglu in Kasimpasa wird all das allmählich unheimlich. Fehmi Koru, ein Zeitungskolumnist und Vordenker der religiös-konservativen AKP, spricht ebenfalls von einer großen Enttäuschung. Er habe darauf vertraut, dass sich Erdogan als Staatspräsident an die verfassungsrechtlichen Grenzen des Amtes halten würde. Doch er habe sich geirrt: "Das heißt, ich habe Tayyip nie so richtig gekannt."

Selbst alte Mitstreiter des Präsidenten sind desillusioniert. Die Polarisierung der Gesellschaft habe gefährliche Ausmaße erreicht, sagt der AKP-Mitbegründer und frühere Regierungssprecher Bülent Arinc: Die AKP spreche mit "Hass-Rhetorik" über ihre Gegner. "Früher gingen wir raus auf die Straßen, und die Leute mochten uns. Selbst unsere Gegner zollten uns Respekt. Heute spüre ich Hass." Arinc ist einer von mehreren alten AKP-Kämpen, die von Erdogan kaltgestellt wurden. Auch Ex-Präsident Abdullah Gül , einst ein enger Freund Erdogans, zählt zu den Unzufriedenen. Sie sollen sogar eine Partei aus AKP-Dissidenten gründen wollen.

Von seinem Teehaus in Kasimpasa aus schaut Erdogans Jugendfreund Topaloglu dem Zoff der Politiker ratlos zu. "Wir sind doch alle ein Volk, aber alle streiten sich." Währenddessen verlieren immer mehr Normalbürger ihre Arbeit, und der Krieg beim Nachbarn Syrien treibt Flüchtlinge und Extremisten ins Land. Der Tayyip von früher hätte etwas dagegen unternommen, ist Topaloglu sicher. "Wenn er so geblieben wäre, wie er war, dann wäre die Türkei jetzt nicht so schlecht dran."