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Das Potenzial der Zechenvergangenheit
Eine Schatzgrube für Start-ups

 Der Förderturm der letzten deutschen Steinkohlezeche: Heute geht in Bottrop mit der Schließung der Schachtanlage Prosper-Haniel eine Ära zu Ende. Doch wer gestaltet die Zukunft?
Der Förderturm der letzten deutschen Steinkohlezeche: Heute geht in Bottrop mit der Schließung der Schachtanlage Prosper-Haniel eine Ära zu Ende. Doch wer gestaltet die Zukunft? FOTO: dpa / Marcel Kusch
Dortmund/Bottrop. Während in Bottrop heute die letzte Steinkohlezeche Deutschlands schließt, stehen im ganzen Ruhrgebiet innovative Firmen in den Startlöchern. Von Florian Rinke

Mit einem feierlichen Akt macht heute die letzte Steinkohlezeche in Bottrop nach 250 Jahren dicht. Und während man im Saarland – hier ist der Abschied schon sechs Jahre her – etwas wehmütig darüber nachdenkt, in Reden einen einmaligen Erinnerungsort zu schaffen, ist man im Ruhrgebiet schon einen Schritt weiter: Die Hoffnungen ruhen auf Start-ups, die das Potenzial der Zechenvergangenheit nutzen.

Rund fünf Millionen Menschen leben im Ruhrgebiet, die Hochschuldichte ist nirgendwo in der Republik so groß wie dort. Und kaum irgendwo sonst in Deutschland hat der Bergbau so nachhaltige Spuren hinterlassen. Schon länger macht man sich hier Gedanken um die Folgen, die die Unterkellerung des Ruhrgebiets einmal haben würde. Immerhin sackt die Erde immer wieder ab, unter Häusern, Gleisen, Autos, manchmal auch nur im Wald. Viel Arbeit für die RAG, deren Aufgabe es ist, die Löcher zu stopfen, die Generationen zuvor angelegt wurden.

Genau da setzt das Dortmunder Start-up Spacedatists an. Das Team ist auf die Auswertung von Bodendaten spezialisiert und soll einen Algorithmus entwickeln, der Veränderungen des Bodens besser erkennt als das menschliche Auge. Zu diesem Zweck hebt von der Startbahn in Marl-Lohnmühle alljährlich ein kleines Flugzeug ab, steigt auf Höhen von 350 bis 800 Metern. Etwa eine Woche lang fliegt es immer wieder über das Ruhrgebiet. Über jene Region, in der sie bis heute mancherorts nicht genau wissen, was sich unter der Erdoberfläche befindet.



Den Überblick über das Start-Up-Geschehen hat Gründungskoordinator Christian Lüdtke. Er soll dem Revier Impulse geben. Gründer sollen ihre Unternehmen nicht mehr in Berlin, München oder Düsseldorf gründen, sondern auch das Ruhrgebiet als Chance wahrnehmen. Das ist das Ziel. Der Data Hub der Gründerallianz Ruhr spielt dabei eine zentrale Rolle. „Viele Unternehmen im Ruhrgebiet haben große Mengen an industriellen Daten, können damit aber bislang kaum etwas anfangen“, sagt Lüdtke: „Viele Start-ups wiederum haben Ideen, können diese aber nicht umsetzen, weil ihnen die Daten fehlen, um ihre Konzepte unter realen Bedingungen zu testen.“ Der Data Hub soll diese beiden Pole zusammenbringen. Neben der RAG haben unter anderem der Wohnungsanbieter Vivawest oder die Emschergenossenschaft Probleme benannt und Daten für deren Lösung zur Verfügung gestellt, neun Fälle gibt es insgesamt. Drei Monate haben die Start-ups, die unter 149 Bewerbern aus 25 Ländern ausgewählt wurden, Lösungen zu entwickeln.

In Essen entwickelt sich das Gelände der Zeche Zollverein – einst das größte Steinkohlebergwerk Europas – immer mehr zum Digitaltreff. Um Gründer gezielter zu unterstützen, hat der Initiativkreis Ruhr zuletzt auch mit der landeseigenen Förderbank NRW-Bank einen speziell auf das Revier ausgerichteten Risikokapitalfonds aufgelegt, mit dem lokale Start-ups finanziert werden. Eines von ihnen ist Talpasolutions, es ist quasi ein Paradebeispiel dafür, wie Vergangenheit und Zukunft zusammengedacht werden können. Es hat eine Softwareplattform entwickelt, über die Maschinen vernetzt und besser eingesetzt werden können. So bietet Talpasolutions beispielsweise Big-Data-Analysen für die Bergbauindustrie an. Die Software analysiert Sensordaten von Maschinen und macht Vorschläge zur Optimierung. So lassen sich etwa die Ausfälle von Maschinen reduzieren. Das Start-up stößt damit in eine Marktlücke, denn obwohl Bergbaumaschinen oft mit bis zu 120 Sensoren ausgerüstet sind, werden die von ihnen produzierten Daten bislang kaum berücksichtigt. Alltag in vielen Bergwerken ist stattdessen immer noch die handschriftliche Aufzeichnung von Fehlern oder Wartungsplänen. Und natürlich sind die Lösungen nicht auf Steinkohlezechen beschränkt, die Technologie kann auch in anderen Bergwerken eingesetzt werden. Das machte das Start-up, das sich vor dem Einstieg des Gründerfonds über private Geldgeber finanziert hatte, für den Gründerfonds so interessant.

34,5 Millionen Euro hat der Fonds zur Verfügung. „Damit werden wir am Ende wahrscheinlich etwa zehn bis zwölf Start-ups finanzieren können“, sagt Thorsten Reuter, Geschäftsführer des GründerfondsRuhr. Am Angebot mangele es nicht, meint der Investor. Er beobachtet allerdings starke Schwankungen bei der Qualität der Start-ups im Ruhrgebiet.

Gründerkoordinator Lüdtke sagt: „Es gibt nicht viele Start-ups im Ruhrgebiet.“ Auch Geschichten wie die von Daniel Schütt und Stefan Peukert sind immer noch die Ausnahme. Die beiden haben in Bochum das Karrierenetzwerk Employour gegründet und anschließend für einen zweistelligen Millionenbetrag an die Bertelsmann-Tochter Gruner + Jahr verkauft. Nun arbeiten sie an der nächsten Erfolgsgeschichte.

Um solche Entwicklungen zu beschleunigen, träumt Christian Lüdtke von einem sogenannten Company Builder, also einer Organisation, die für Start-up-Ideen Kapital bereitstellt und dann das passende Personal sucht zur Umsetzung. Es gebe strukturell noch zu viele Probleme, die Ausbildung an den Universitäten sei noch zu sehr auf die Arbeit in der Industrie ausgerichtet. Darüber hinaus müsse sich die Mentalität der Menschen im Ruhrgebiet wandeln, sagt der Duisburger: „Die wenigsten haben hier Kontakt zu Unternehmern.“