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Rente mit 63
SPD-Wahlgeschenk findet reißenden Absatz

Im Grünen statt im Büro: Mehr Arbeitnehmer als erwartet wollen lieber früher in Ruhestand gehen und nehmen die Rente mit 63 wahr.
Im Grünen statt im Büro: Mehr Arbeitnehmer als erwartet wollen lieber früher in Ruhestand gehen und nehmen die Rente mit 63 wahr. FOTO: dpa / Karl-Josef Hildenbrand
Berlin. Mehr Menschen als erwartet nehmen die Rente mit 63 in Anspruch. Streit gibt es darüber, ob das ein Problem ist: Denn Arbeitgeber und FDP üben Kritik.

Es war einer der großen Wahlkampfschlager der SPD bei der Bundestagswahl 2013: Wer mindestens 45 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt hat, soll mit 63 abschlagsfrei in Rente gehen dürfen, lautete die Forderung der Sozialdemokraten. Ein Geschenk an ihre wichtige Klientel der Arbeitnehmer um die 60, die statt bei der Linken ihr Kreuz doch lieber bei der SPD machen sollten. Damit gelang ihr immerhin ein kleiner Erfolg: Trotz eines bescheidenen SPD-Ergebnisses von 25,7 Prozent wurde Schwarz-Gelb zumindest teilweise abgelöst, die SPD wieder Regierungspartei.

Als Juniorpartner der Union setzten die Sozialdemokraten ihr Versprechen um. Und das Modell findet reißenden Absatz: Knapp vier Jahre nach der Einführung haben mehr als eine Million Menschen die abschlagsfreie Rente mit 63 beantragt. Davon bewilligt wurden zwischen dem Inkrafttreten im Juli 2014 und Ende April dieses Jahres rund 985 000 Anträge, wie die Deutsche Rentenversicherung und das Bundessozialministerium gestern bestätigten. Dabei hatten die Erwartungen der Regierung etwas darunter gelegen: „Es wird von etwa 200 000 Fällen je Jahr ausgegangen“, stand im Gesetzentwurf. 2014 nahmen 151 000 diese Rente in Anspruch, 2015 waren es 274 000 und im Jahr darauf 225 000.

Doch streng genommen gibt es die Rente mit 63 inzwischen gar nicht mehr: Für Arbeitnehmer, die nach dem 31. Dezember 1952 geboren wurden, wird die Altersgrenze pro Jahr um zwei Monate angehoben, so dass die Jahrgänge ab 1964 erst mit 65 nach 45 Jahren abschlagsfrei in den Ruhestand gehen können. Phasen von Arbeitslosigkeit werden angerechnet, ebenso Zeiten der Kindererziehung oder der Pflege von Angehörigen. Nicht berücksichtigt werden etwa Anrechnungszeiten wegen Schul- oder Hochschulbesuchs.



Die Kosten für die Rente mit 63 belaufen sich inzwischen auf 1,3 Milliarden Euro im Monat. Im Juni 2014, dem letzten Monat vor Einführung der Rente mit 63, zahlte die Rentenversicherung nur 62,6 Millionen Euro an Renten für „besonders langjährig Versicherte“ mit mehr als 45 Beitragsjahren aus. Das Bundessozialministerium betonte, in den Bewilligungszahlen enthalten seien auch all jene, die bereits nach altem Recht im Alter von 65 Jahren abschlagsfrei in Rente gehen konnten. „Insgesamt bewegen sich die Zugänge im erwartbaren Rahmen.“

Der Arbeitgeberverband BDA ist von der Regelung weiterhin wenig begeistert: Er warf der Regierung „staatlich subventionierte Frühverrentungspolitik“ vor. Die Rente mit 63 entziehe den Betrieben Fachkräfte, sagte BDA-Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter. Kritik kam auch aus der FDP. Rentenexperte Johannes Vogel sagte: „Die aktuellen Zahlen zur Rente mit 63 belegen doch, wie die Kosten einzelner Rentenmaßnahmen aus dem Ruder laufen können.“ Derzeit hätten Union und SPD erneut teure Leistungsausweitungen vor.

Der Linke-Rentenexperte Matthias W. Birkwald hingegen betonte: „Die vorgezogene und abschlagsfreie Rente ab 63/65 ist ein voller Erfolg, denn Menschen, die 45 und mehr Jahre in die Rente eingezahlt haben, können oft nicht mehr länger arbeiten und haben sich ihren Ruhestand redlich verdient.“