| 23:31 Uhr

Interview Zentralrat der Muslime
„Spalter finden immer mehr Gehör“

Den Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, nervt die hysterische Debatte: Wenn er Nicht-Muslim wäre, hätte er nach eigenen Angaben schon selbst Angst vor dem Islam.
Den Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, nervt die hysterische Debatte: Wenn er Nicht-Muslim wäre, hätte er nach eigenen Angaben schon selbst Angst vor dem Islam. FOTO: Soeren Stache/dpa / Soeren Stache
köln. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime sagt: Diejenigen, die permanent den Islam kritisieren, lenken von der eigentlichen Gefahr ab. Von Fatima Abbas

Ob Kopftuch für Kinder, Antisemitismus oder ein Anschlag im Namen Allahs: Immer wieder ist der Islam in den Schlagzeilen. Warum eigentlich? Das kann sich auch der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime nicht so richtig erklären.

Herr Mazyek, nervt es Sie, wenn ich Sie frage, ob der Islam zu Deutschland gehört?

MAZYEK Es ist fast schon ein Phänomen, wie wir in der Lage sind, uns zu echauffieren über ein Thema, das jetzt schon locker gefühlt 115 Mal durchgekaut worden ist.



Warum muss eine Regierung überhaupt feststellen, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht?

MAZYEK Die Regierung hat weder das Eine noch das Andere festzustellen. Das ist nicht ihre Aufgabe. Die Aufgabe der Bundesregierung ist es, den Zusammenhalt der Gesellschaft zu organisieren und unsere Einrichtungen und Moscheen mit Hinblick auf die seit Jahren steigenden Angriffe zu schützen.

Also diskutieren wir am Thema vorbei?

MAZYEK Was die Gleichbehandlung der muslimischen Gemeinschaft angeht, ist noch viel Luft nach oben. Wir haben Teilerfolge, zum Beispiel was den Religionsunterricht angeht oder islamische Theologie an Universitäten. Aber das muss ausgebaut werden. Wie sieht die Institutionalisierung der islamischen Einrichtungen in der nächsten Zeit aus? Das ist die große Frage.

Was meinen Sie mit Institutionalisierung?

MAZYEK Zum Beispiel Seelsorge in Krankenhäusern, islamische Wohlfahrt. Innenminister klagen zu Recht, dass Radikalisierung in den Gefängnissen mit muslimischen Insassen passiert. Aber wenn es darum geht, unsere Angebote zu Gefängnisseelsorgern zu diskutieren, sind sie unsicher, fürchten sich vor AfD-Anfragen im Parlament oder sonstigen Islamkritikern, und verzichten am Ende lieber darauf, anstatt hier mit den Muslimen institutionell eng zusammenzuarbeiten. Die Folge: Radikalisierung und Frust schreiten voran.

Haben einige vielleicht gar kein Interesse daran, dass es für Muslime vorangeht?

MAZYEK Vielleicht. Aber es gibt ein im Grundgesetz verbrieftes Recht auf Gleichbehandlung. Die Religionsfreiheit gilt für alle Religionsgemeinschaften. Das sind nicht irgendwelche Zugeständnisse des Staates.

Viele dürften beim Wort „Institutionalisierung“ zusammenzucken und an die Errichtung eines Gottesstaates denken…

MAZYEKWer will einen Gottesstaat? Die Muslime und ihr Zentralrat jedenfalls ganz bestimmt nicht. Wir wollen, dass das Grundgesetz voll zur Anwendung kommt. Die Trennung von Kirche und Staat wird auch von uns akzeptiert und gelebt. Und im Rahmen des Religionsverfassungsrechts sind all die genannten Dinge umzusetzen. Wir vertrauen da auf die Verfassung, offenbar aber einige politische Vertreter nicht mehr und wollen den Staat deswegen umbauen.

Woran liegt es, dass der Islam nicht in der Mitte der Gesellschaft ankommt?

MAZYEK Er ist doch längst angekommen, es wird nur hartnäckig von einigen ignoriert. Vor einiger Zeit gab es eine Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung: 87 Prozent der Ost-Deutschen sagten, Religionsfreiheit gelte für Muslime nur eingeschränkt. 67 Prozent im Westen. Diese Leute meinen, die Werte des Grundgesetzes zu verinnerlichen, schränken sie aber im selben Moment ein, wenn es um Muslime geht.

Weil viele Angst haben, dass der Islam diese Werte unterwandert. Islamwissenschaftler wie Ahmad Mansour werfen Islamverbänden und auch Ihnen vor, die Radikalisierung junger Muslime durch Passivität zu begünstigen. Es ist nun mal Tatsache, dass Anschläge auch im Namen von Allah begangen werden. Warum eignet sich der Islam so gut, um ihn für Gewaltzwecke zu missbrauchen?

MAZYEK Das ist Angstrhetorik, die sich bestens verkaufen lässt. Eine ganze Islamkritik-Industrie hat sich seither gebildet, die nicht selten auch rassistisch daherkommt. Sie bestätigt all die Stereotype über den bösen und gefährlichen Muslim und legt obendrein den Fokus auf die Terroristen, anstatt sie zu disqualifizieren. Anstatt dass die sogenannten Experten diese als Verbrecher und Mörder entlarven, versuchen sie auch noch eine religiöse Legitimation herauszulesen. Damit werten sie die Position der schweigenden friedliebenden Mehrheit der Muslime ab. Diese Leute bestimmen weitestgehend den Islamdiskurs. Wenn ich ein Nichtmuslim wäre, ich glaube, ich würde auch Angst vor dem Islam bekommen.

Trotzdem wiederhole ich: Warum lässt sich der Islam offenbar so gut für Gewaltzwecke missbrauchen?

MAZYEK Die Frage impliziert eine Antwort. Er eignet sich überhaupt nicht dafür. Islam heißt Frieden und erklärt Gewalt, wenn sie nicht für die Verteidigung von Leben eingesetzt wird, für nicht rechtes.

Ja, aber warum wird Allahu Akbar geschrien, wenn Bomben fallen?

MAZYEK Der Missbrauch von Weltanschauungen, und wenn sie noch so friedlich sind, ist keine Exklusivität, die Sie am Islam festmachen können. Buddhisten schlachten Menschen in Myanmar ab im Namen des Buddhismus. Wir würden nie auf die Idee kommen zu fragen, warum der Buddhismus das vorschreibt. Beim Christentum genausowenig. Die beiden Weltkriege haben unbeschreibliches Leid mit Abermillionen Toten und fast die Vernichtung des ganzen jüdischen Volkes gebracht. All das ist auch Missbrauch von Gewalt. Haben wir das schon vergessen? Wer schafft denn die Konnotation mit dem Islam? Der Attentäter selbst. Ich muss ihm doch nicht auf den Leim gehen.

Aber warum erregt das Thema Islam so die Gemüter?

MAZYEK Vielleicht sind das so die letzten Möglichkeiten für einige, um Identität zu finden. Wir sind ja in einer Identitätskrise. Uns geht es wirtschaftlich sehr gut, aber vielleicht sind wir seelisch nicht zufrieden.

Mit Unzufriedenheit macht auch die AfD Politik. Verstehen Sie sich als Gegenkraft?

MAZYEK Wir verstehen uns als Kraft, die die demokratischen und freiheitlichen Werte und Säulen unserer Verfassung hochhält und die den Zusammenhalt unserer Gesellschaft friedlich verteidigt. Die AfD will eine andere Republik. Wir und die Mehrheit der Deutschen wollen das nicht. Die NSDAP hat in den 30ern auch mit ähnlichen Mitteln geworben, nämlich explizit gegen eine Religion. Mit dem Ziel, sie in der Gesellschaft zu entfremden und zu spalten. Und das macht ja die AfD mit dem Islam. Die Hilfsbegründung: Islam ist ja eigentlich keine Religion, sondern eine Ideologie. Das Gleichbehandlungsprinzip, das sich aus der Verfassung ableitet, wird hier mit Füßen getreten. Hier verhält sich die AfD nicht nur antimuslimisch und rassistisch, sondern auch verfassungsfeindlich.

Oft heißt es, die Menschen hätten Angst vor dem Islam. Wovor haben diese Menschen Angst?

MAZYEK Da verweise ich auf obere Antworten und ergänze: Studien belegen ja, dass die Islamfeindlichkeit gerade da besonders stark ist, wo es kaum Muslime gibt. Wissen um die Religion hilft, diffuse Angst einzudämmen.

Deutschland kämpft auch im 21. Jahrhundert noch mit Antisemitismus. Und der geht auch von Muslimen aus. Was tun Sie als Zentralrat, um dem entgegenzuwirken?

MAZYEK Wir haben seit zwei Jahren ein Projekt mit Juden und Muslimen. „JuMU“ nennt sich das. Da sprechen beispielsweise Holocaust-Zeitzeugen vor muslimischen Flüchtlingen, oder Juden und Muslime treffen sich in Synagogen und Moscheen. Wir besuchen auch seit zwei Jahren KZ-Gedenkstätten. Dieses Jahr planen wir erstmals eine größere Reise nach Auschwitz. Wir haben auch nach den Vorfällen in Berlin (Gürtel-Angriff auf Kippa-Träger, Anm. d. Red.) vorgeschlagen, dass Imame und Rabbiner an die Schulen gehen und aufklären.

Sie bestreiten das Problem Antisemitismus unter Muslimen also nicht?

MAZYEK Haben wir noch nie. Einige Flüchtlinge sind in der Tat judenfeindlich sozialisiert. Unser Ansatz ist Problemlösung. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht vom Rechtsruck ablenken. Denn auch er führt dazu, dass Antisemitismus schamlos offener gezeigt wird als früher. Die Konzentration auf die Gefahr unter den Muslimen entlastet an der verkehrten Stelle. Es kann nicht sein, dass einige sich projüdisch geben und gleichzeitig schamlos gegen Muslime hetzen.

Ein Daueraufreger ist das Kopftuch. Wird da viel Aufhebens um ein Stück Stoff gemacht?

MAZYEK Die Frau soll ihr Selbstbestimmungsrecht ausüben. Wer ihr erklärt, wie sie sich zu kleiden hat, verstößt gegen ihr Selbstbestimmungsrecht.

Ist die Neutralität nicht gefährdet, wenn eine Frau mit Kopftuch Richterin werden möchte?

MAZYEK Nein. Sie ist ja allein dem Grundgesetz verpflichtet.

Und was sagen Sie zum Vorstoß, das Kopftuch für Minderjährige zu verbieten?

MAZYEK Wir haben genügend dringende Probleme in den Schulen: Lehrermangel, Ausstattung, Gewaltentwicklungen und Mobbing, etc. Politik möchte sich dieser Themen bitte ernsthaft zuwenden, dann ist uns allen geholfen. Ohnehin ist es islamisch nicht erklärbar, warum Kinder Kopftuch tragen müssen. Es ist deshalb für mich eine Phantomdebatte.

Die Deutsch-Iranerin Mina Ahadi sieht – anders als Sie – im Kopftuch für Kinder ein dringendes Problem. Sie hat vor zehn Jahren den Zentralrat der Ex-Muslime gegründet. War das für Sie ein Affront?

MAZYEK Nein. Wir leben in einem freien Land, da kann jeder seinen Verein gründen.

Sie sagt, Sie wollen bis heute nicht mit ihr reden.

MAZYEK Zur Meinungsfreiheit gehört auch, dass ich das nicht kommentieren muss.

Ahadis Zentralrat wurde vor dem Hintergrund gegründet, dass viele Menschen in eine muslimische Familie hineingeboren werden und damit unzufrieden sind. Warum müssen Abtrünnige zum Teil um ihr Leben fürchten?

MAZYEK Es gilt der Koranische Grundsatz: „Es gibt keinen Zwang in der Religion.“ So ist es auch in unserer ZMD-Islam-Charta verankert. Demnach kann jeder das glauben, was er für richtig hält, aus seinem Glauben austreten oder gar keiner Religion angehören.

Wenn eine Muslima zu ihren Eltern sagt, sie wolle der Religion nicht mehr angehören, dann hat sie ein gewaltiges Problem.

MAZYEK Ja, aber das haben Sie doch bei christlichen Familien genauso. Ich kann Ihnen da ganz viele Geschichten erzählen. Oder meinen Sie etwa, meine christliche Familie hat im ersten Moment, als meine Mutter später den Islam annahm, Jippie und Heureka gerufen? Die Reaktion aus dem Umfeld ist doch ganz normal und nicht eine Frage der Religion als solche.

Was muss sich ändern, damit die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, keine Rolle mehr spielt?

MAZYEK Die Stimmung. Spalter finden immer mehr Gehör. Ihr Ziel ist eine andere Gesellschaft, bis hin zur Abschaffung der Demokratie. Übergriffe auf Minderheiten sind in erster Linie ein Angriff auf die Gesellschaft. Diese Kräfte sagen nicht: Ich möchte die Freiheiten einschränken. Sondern sie machen das viel geschickter, über Projektionen. Oder sie unterstellen einer anderen Gruppe, sie würde das tun. Wie viele Jahre über haben Rechte gesagt, Muslime strebten den Gang durch die Institutionen an. Und wer sitzt jetzt in den Parlamenten? Etwa die Muslime? Nein, die „AfD-sierung“ des Abendlandes hat längt begonnen.

Das Gespräch führte
Fatima Abbas.

Anne Will moderiert erste Talkshow am Sonntagabend Der Autor Ahmad Mansour ist zu Gast in der Talkshow "Anne Will" am 17.01.2016 in Berlin. Wills Thema lautete: ¥Nach Kìln - Hìchste Zeit far eine neue Flachtlingspolitik?a. Foto: Jìrg Carstensen/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
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