| 20:14 Uhr

Söder-Wahl
Söder und die Quadratur des Kreises

 „ Lasst uns endlich damit anfangen, nur noch gut über uns zu reden“, sagt der neue CSU-Chef Markus Söder. Er will die zerstrittene Partei wieder einen.
„ Lasst uns endlich damit anfangen, nur noch gut über uns zu reden“, sagt der neue CSU-Chef Markus Söder. Er will die zerstrittene Partei wieder einen. FOTO: dpa / Peter Kneffel
München. 35 Jahre nach seinem Eintritt in die CSU schlägt Markus Söder bei seiner Wahl zum Parteichef einende Töne an – und ist damit nicht allein. dpa

Markus Söders erste Tat als CSU-Chef ist ein Geschenk für Horst Seehofer. Per Unterschrift auf offener Bühne macht das CSU-Mitglied mit der Nummer 324761 seinen Vorgänger und Rivalen Seehofer kurzerhand zum CSU-Ehrenvorsitzenden. Ausgerechnet Seehofer, den Mann, der wie kaum ein anderer versucht hat, Söders Aufstieg nach ganz oben in Bayern und in der Partei zu verhindern. „Lieber Horst, ich hab ja gesagt, wir müssen mutig sein“, scherzt Söder mit dem überraschten Seehofer. Und fügt hinzu, Ehrenvorsitzende dürften nicht mehr für andere Parteiämter kandidieren.

Die doppeldeutige Frotzelei reiht sich in eine lange Geschichte von Rivalitäten ein, die Seehofer und Söder in den vergangenen Jahren ausgetragen haben. Sie zeigt aber auch, das letzte Wort bei der CSU hat jetzt nicht mehr Seehofer, sondern der kurz zuvor gewählte Söder.

Der Parteitag offenbart noch mehr. Als am Samstagmittag die neue CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer die Halle betritt, folgt einmal mehr, was sich seit Wochen andeutet: Die jahrelang zerstrittenen schwarzen Schwestern wollen nach den Führungswechseln auch eine atmosphärische Kehrtwende. „Liebe Brüder und Schwestern in der Union“, beginnt AKK ihre Rede. CDU und CSU seien keine Zwillinge, gleichwohl müssten aber beide immer am gleichen Strang ziehen. Dazu „reiche ich Euch, dazu reiche ich Dir, lieber Markus, die Hand“.



Zur Ursache der neuen Harmoniesucht gehört auch: Das neue Führungsduo in der Union, der Franke Söder und die Saarländerin AKK, brauchen einander. Schon in vier Monaten steht die wichtige Europawahl an und es folgen die schwierigen Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen – viele Stolpersteine auf dem Weg des Neuanfangs. Und über allem hängt bedrohlich die unsichere Zukunft der großen Koalition.

Zurück zu Söders Wahl: 87,4 Prozent der Delegierten stimmen für den 52-Jährigen. „Ich habe durchgeschnauft, wenn ich ehrlich bin, und war froh“, sagt er nachher zu seinem „ehrlichen Ergebnis“, wie es AKK nennt. Vor der Abstimmung hatten viele Vorstände auf 90 Prozent plus X gewettet. „Die Wunden des Machtkampfes wirken noch nach“, erklärt einer. Wirklich bedrückt ist niemand.

Was sich an diesem Samstag in der kleinen Olympiahalle in München abspielt, ist eine Zäsur, spürbar wird es in Seehofers kurzer Rede. „Im Oktober 2008 habe ich das große Erbe der CSU übernommen“, sagt der 69-Jährige. Es sei nicht weniger als sein Lebenstraum gewesen. Genau 3739 Tage war Seehofer CSU-Chef. Nicht selten hat er sie und die Union insgesamt an ihre Schmerzgrenzen geführt, war unbequem. Ganz verkneifen kann sich Seehofer seine direkte Art auch jetzt nicht. Seit der Bundestagswahl 2017 habe es ihm gegenüber „einige Misshelligkeiten“ gegeben, sagt er. „Ich habe darauf nie in der Breite oder gar in der Tiefe reagiert. Denn wenn man so lange in der Partei tätig ist wie ich, ist einem die Partei ans Herz gewachsen.“

Spätestens beim Schlussapplaus für Seehofers Leistung als Parteichef zeigt sich, dass sich die CSU-Basis auch in der Stunde des Abschieds von ihm entfremdet hat. Die rund 800 Delegierten klatschen zwar lange, aber es klingt mehr nach Höflichkeit und Plicht als nach Trennungsschmerz und Dankbarkeit. „Vielleicht wäre der Abschiedsschmerz größer, wenn Seehofer jetzt ganz aufhören würde“, umschreibt ein CSU-Vorstand die Stimmung der Basis. Aber als Ehrenvorsitzender und Bundesinnenminister blieben er und sein Humor der CSU ja weiter erhalten. Von letzterem gibt Seehofer am Morgen noch eine Kostprobe: „Sie verlieren keinesfalls Ihr Gesicht, wenn Sie eine getroffene Entscheidung revidieren. Sie gewinnen im Gegenteil an Respekt“, zitiert er sein Horoskop. „Vor 15 Jahren, vielleicht auch noch vor zehn Jahren, hätte ich das als Auftrag verstanden. Heute fehlt mir die Risikobereitschaft.“

Um 10.49 Uhr ist die Ära Seehofer dann vorbei. „Ich schlage den Markus Söder als meinen Nachfolger als Parteivorsitzender vor“, ruft Seehofer den Delegierten zu. Er sei sich sicher, dass Söder die „bärenstarke“ Partei in der aktuellen Situation und in einer Welt im Umbruch führen, Bayern entwickeln und die Einzigartigkeit bewahren könne.

Und Söder? Der betont, dass er ob der Fußstapfen seiner Vorgänger vor der Wahl aufgeregter als sonst gewesen sei: Ministerpräsident sei zwar ein hohes Staatsamt, Parteichef aber eine emotionale Berufung: „Ich will mit Herz, Leidenschaft und Verstand für diese Partei arbeiten.“

Die Mehrheit der Bürger bezweifelt aber, dass er einen Wiederaufschwung herbeiführen kann, wie eine Emnid-Umfrage zeigt. 57 Prozent glauben das demnach nicht, 21 Prozent trauen es ihm zu.