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Notruf-Einsatz
Notruf einer Syrerin in Saarlouis führt zu Seenotrettung

 Szenen wie diese erlebten wohl auch zwei syrische Christinnen, die am Sonntagabend kurz vor dem Kentern Verwandte in Saarlouis alarmierten.
Szenen wie diese erlebten wohl auch zwei syrische Christinnen, die am Sonntagabend kurz vor dem Kentern Verwandte in Saarlouis alarmierten. FOTO: dpa / Olmo Calvo
Saarlouis. „Sena, tu was!“: 17 Menschen drohen vor der Türkei zu ertrinken – dann alarmiert eine verwandte Syrerin im fernen Deutschland die Polizei. Von Cathrin Elss-Seringhaus

Es war ein Impuls: Die deutsche Polizei, dein Freund und Helfer. Als Sena Khouri (34) am Sonntagabend gegen 22 Uhr den Notruf 110 wählte, war das eine Art Reflex. Und sie setzte damit etwas in Gang, was bis dato wohl einmalig gewesen sein dürfte: Die saarländische Polizei schob eine Seenotrettung von Flüchtlingen an. Erfolgreich.

Gerettet wurden vor der türkischen Küste, zwischen Bodrum und der Insel Kos, 17 Menschen aus Syrien, die aus der Türkei auf EU-Gebiet wollten, zunächst nach Griechenland. Unter den Geretteten waren zwei Frauen aus der Familie von Sena Khouri, genauer aus der Verwandschaft ihres Mannes Karo: dessen etwa 60-jährige Tante und deren 26-jährige Tochter, Karos Cousine. Letztere war es, die den Alarmruf nach Saarlouis sendete, in größter Aufregung, als das Boot zu kentern drohte, nachdem der Motor ausgefallen war.

Sie verständigte ihren Bruder Fadi. Denn der lebt in Saarlouis, hatte an diesem Abend Besuch von den Khouris. „Er war ganz außer sich“, erinnert sich Sena Khouri: „Rief immer nur: Sena, tu was!“ Denn sie, die bereits seit ihrem ersten Lebensjahr in Deutschland lebt, sprach von allen Anwesenden am besten Deutsch. Mehr noch, Sena „tickt“ wohl irgendwie auch deutsch, denn das mit dem Hilferuf Richtung deutsche Polizei kam aus dem Impuls heraus: „Das ist meine Heimat hier!“ Die Zweifel, wie das überhaupt gehen könnte mit einem Rettungseinsatz im fernen Meer, stellten sich bei ihr erst kurz vor dem Moment ein, als ein Polizist in der Führungs- und Lagezentrale in der Mainzer Straße in Saarbrücken den Hörer abnahm. „Ich dachte, er sagt, wir sind nicht zuständig“, erzählt Sena. Ganz falsch. „Er war sehr freundlich, er beruhigte mich und nahm meine Daten auf.“ Danach setzte der Polizeiführer vom Dienst alles weitere in Gang.



„Es war alles andere als eine Standardsituation“, kommentiert der Sprecher beim Landespolizeipräsidium, Stephan Laßotta, gegenüber unserer Zeitung die Vorgänge von Sonntagabend. Nicht zuständig sein, das gebe es bei Notrufen nicht. „Wir fühlen uns für Menschen in Notsituationen verantwortlich, auch wenn sie im Ausland sind. Können wir selbst nicht eingreifen, organisieren wir Hilfe.“ Und das laufe dann über eine Meldekette, über klar vorgegebene Wege. Im Fall von Sena Khouri wurden das Bundespolizeipräsidium (Potsdam), das Bundeskriminalamt (Wiesbaden), das Bundessinnenministerium (Berlin), die Bundespolizei (Potsdam) und die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (Bremen) eingeschaltet. Wie Laßotta erläutert, müssen Einsätze dieser Art zwischen all diesen Stellen abgestimmt werden, um zu vermeiden, dass, sollten mehrer Notrufe eingehen, unkoordiniert agiert werde. Aber trotz des langen Abstimmungs-Weges und trotz der späten Uhrzeit lief am Sonntagabend alles erstaunlich schnell. Rund 90 Minuten, nachdem in Saarbrücken der Notruf eingegangen war, nahm die türkische Küstenwache laut Sena Khouri die Flüchtlinge an Bord, brachte sie in ein türkisches Gefängnis. Dort hätten die Frauen zunächst in nassen Kleidern ausharren müssen. Sena schildert auch die Haftumstände für die syrischen Männer, die Mutter und Tochter miterlebten: Die Männer aus dem Boot seien von türkischen Polizisten geschlagen, ja „gefoltert“ worden. Die Frauen hätten die Behörden gestern Nachmittag dann gehen lassen. Sena sagt, dass sie trotz dieser fürchterlichen Erfahrungen weiterhin zu Fadi wollten, ins Saarland. Am liebsten auf legalem Weg, den klopfe die Familie gerade juristisch ab. Gibt es nach dem Happy End auf dem Meer ein zweites, im Saarland?

Doch wo liegen die Beweggründe für die Flucht? Sena legt eine Geschichte offen, man hat sie, wie man meint, oft gehört, doch so unmittelbar, so nah nie. Die christliche Familie stammt aus der Nähe von Aleppo, der Ehemann und Vater der am Sonntag Geretteten war Stoffhändler. Auf einer Verkaufsreise mit Frau und Tochter wurde der Bus angehalten, die drei wurden entführt, schließlich erschoss man den Mann vor den Augen seiner Tochter und seiner Frau. Die wurden dann in die Umgebung von Idlib (Grenznähe Türkei) verschleppt, wo sie sich unter IS-Milizen irgendwie durchschlugen, monatelang, bis sie einen türkischen Schlepper fanden, der sie nach Griechenland bringen sollte. Doch als das Schiff in Seenot geriet, war der Bootsführer schon nicht mehr an Bord. Ein Glücksfall, dass das Handy funktionierte – bis ins Saarland.

Dort führt Sena, Mutter von drei Kindern und im Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft, in Saarlouis zusammen mit ihrem Mann einen Friseursalon. Was sie bei Facebook im Nachgang zur glücklichen Rettung über vermeintliche Sozialschmarotzer lesen musste, macht sie betroffen. Darüber hinweg hilft ein anderes Gefühl, das der Dankbarkeit und ja, auch des Stolzes: „Wir sagen vielen, vielen Dank. Hut ab, was die saarländische Polizei geleistet hat. Da weiß man wieder, was man hat.“