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Geschichte
Vor 80 Jahren war die Saarpfalz im Sitzkrieg

 Vorboten des Krieges: Höckerlinien wie hier bei St. Arnual dienten der Abwehr von Panzern und waren auch im Bliestal kilometerweit Teil des Westwalls.
Vorboten des Krieges: Höckerlinien wie hier bei St. Arnual dienten der Abwehr von Panzern und waren auch im Bliestal kilometerweit Teil des Westwalls. FOTO: Werner Kerkhoff
Der „seltsame Krieg“ in unserer Region gilt als Kuriosität, forderte jedoch auch blutige Opfer. Eine Spurensuche. Von Wolfgang Kerkhoff

Ein Gespenst ging um in der Saarpfalz. Es war das Gespenst des Krieges, vor 80 Jahren: Hitler hatte im August 1939 zu seinen Generälen Klartext geredet: „Ich werde propagandistischen Anlass zur Auslösung des Krieges (gegen Polen, Anm. d. Red.) geben, gleichgültig, ob glaubhaft.“ Am 25. August kam aus Berlin der Befehl zum „Sicherheitsaufmarsch West“, und in der Saarpfalz wurde offen über Lebensmittelkarten und Evakuierungspläne geredet. Viele hatten die Koffer gepackt.

Am 29. August startete das Infanteriebataillon Minden Richtung Saarland, bezog kurz darauf Quartier im Lager des Reichsarbeitsdienstes im Kirkeler Wald. Auch das war sichtbare Kriegsvorbereitung, und täglich nahm man außerdem wahr, dass die Arbeiten am Westwall mit Hochdruck weitergingen. Schon im Mai hatte der Reichskanzler nach einem Besuch im Saarland und in der Pfalz verkündet: „Die Besichtigung des Westwalls hat mich von seiner Unbezwingbarkeit überzeugt.“

Was er schrieb, war gelogen, denn der Wall, eine gigantische Befestigungsanlage zwischen der niederländischen und der Schweizer Grenze, war an vielen Stellen noch Baustelle, also ziemlich löchrig. Und das wusste Hitler. Gezielt gedacht war die Kurznachricht aber, um die Franzosen im Zaum zu halten; denn Stress im Westen konnte der manische Feldherr nicht gebrauchen, weil er im Osten ja ebenso gezielt den Überfall auf Polen vorbereitete.



Die Botschaft sollte aber nicht nur den französischen Nachbarn einschüchtern, sondern auch die eigenen Leute langsam auf den fest eingeplanten Krieg einschwören.Der Hitlersche „Tagesbefehl“ vom 20. Mai über die Unbezwingbarkeit des Westwalls trug nicht wenig zur Entstehung eines Phänomens bei, das den eigenartigsten Ereignissen des Zweiten Weltkriegs zugerechnet wird. Die Rede ist von der Saarland-Offensive der französischen Armee und dem darauffolgenden „Sitzkrieg“.

Wahrscheinlich wurde der Name „Sitzkrieg“ schon in den 40er Jahren in ironischer Anlehnung an den militärischen Begriff „Blitzkrieg“ erfunden. Das französische Pendant heißt „Drôle de guerre“ (etwa: „komischer, seltsamer Krieg“ oder „Witzkrieg“), wahrscheinlich vom Kriegsberichterstatter des kritischen Wochenblatts „Gringoire“ in die Welt gesetzt. Die Feindseligkeit spielte sich von Herbst 1939 bis Mai 1940 an der Westfront ab. Frankreichs Armee rückte Anfang September, kurz nach dem deutschen Angriff auf Polen, in deutsches Gebiet ein. Hintergrund war ein französisch-polnisches Militärabkommen.

Die Saarland-Offensive Frankreichs sollte deutsche Kräfte binden, um den Überfall auf Polen zu bremsen. Vor allem das wie die Pfalz inzwischen teilevakuierte Saarland war betroffen, mindestens ein Dutzend Dörfer und Städte wurden besetzt.

Im Saarland gehörten neben dem unteren Saartal und dem Warndt vor allem Saarbrücken und das südliche Bliestal zur geräumten Roten Zone. In der Pfalz waren 78 grenznahe Dörfer evakuiert, davon 19 im Kreis Zweibrücken und 33 im Kreis Pirmasens, die beiden Städte natürlich auch. Die Bewohner mussten von heute auf morgen alles zurücklassen, als Ende August, quasi zeitgleich mit dem Kriegsbeginn im Osten, die so genannte „Freimachung“ befohlen wurde, um am Westwall mit freien Schusslinien ungehemmt operieren zu können.

Die Franzosen rückten nach ihrem Einmarsch vor bis auf die Linie Zweibrücken, Hornbach, Altheim, Ormesheim, Eschringen, Fechingen und Güdingen. In der Parr war der Vorstoß bis zehn Kilometer tief. Er verlief über Utweiler, Peppenkum, Seyweiler und Medelsheim bis vor Böckweiler. Orte im Vorfeld wie Utweiler und Walsheim wurden in diesen Tagen stark beschädigt. Die deutsche Artillerie schoss in Medelsheim die Pfarrkirche St. Martin in Brand, weil sie sich den Franzosen als günstiger Beobachtungsposten anbot.

In einem Augenzeugenbericht vom 1. Oktober 1939, den Willi Feß überliefert hat, heißt es: „Schießen tut‘s aber wieder unheimlich. Unsere Artillerie in Einöd und Ingweiler hat heute wieder gebumbt.“

Die militärische West-Offensive Frankreichs war – bei Licht betrachtet – trotz allem eher eine passive Offensive und brachte daher auch keinerlei Entlastung für die Polen. Beide Seiten übten sich nämlich in vornehmer Zurückhaltung. Paris war überzeugt davon, dass Hitlers Westwall auch einer (tatsächlich vorhandenen) französischen Übermacht standhalten würde. Damit fielen politische und militärische Führung auch auf die deutsche Propaganda herein.

Die deutsche Führung wiederum wollte einen Zweifrontenkrieg vermeiden. Der geringfügigen Grenzverletzung Frankreichs sei daher „zunächst rein örtlich entgegenzutreten“, wie es in einem Befehl wörtlich hieß. Und lokale Zwischenfälle gab es reichlich. So am 11. September: „Im Westen wurde der geräumte Flugplatz Saarbrücken von französischer Artillerie beschossen. Drei französische Flugzeuge wurden über Reichsgebiet abgeschossen.“

Die Bezeichnung „Drôle de guerre“ ist vor allem aus französischer Perspektive zu verharmlosend. Drollig war das nicht, wenn schlecht trainierte Soldaten, die eigentlich nur das Geschäft der Verteidigung gelernt hatten, beim Vormarsch arglos dutzendweise in deutsche Minenfelder gerieten.

So heißt es am 14. September: „Im Westen gingen in dem zwischen Saarbrücken und Hornbach weit vor dem Westwall nach Frankreich vorspringenden deutschen Gebietsteil stärkere französische Kräfte als bisher gegen unsere Gefechtsvorposten vor. In Minenfeldern und in unserem Abwehrfeuer blieben sie liegen.“ Und drei Tage später: „Im Westen erlitt der Feind bei einigen Stoßtruppunternehmungen in der Gegend von Zweibrücken erhebliche Verluste. Ein feindlicher Fesselballon wurde abgeschlossen. Luftangriffe auf das Reichsgebiet fanden nicht statt.“

Über deutsche Verluste schweigt der Wehrmachtsbericht. Aber es ist bekannt, dass zum Beispiel am 21. September auf dem Homburger Ehrenfriedhof die ersten Gefallenen beigesetzt wurden.

Trotz der Scharmützel und trotz der Tatsache, dass neben Frankreich inzwischen auch Großbritannien dem Deutschen Reich den Krieg erklärt hatte, herrschte in den Stellungen des pfälzischen und des saarländischen Grenzgebiets eine gewisse Gelassenheit. Die meisten Landser rechneten mit einer diplomatischen Lösung. Sie spielten stundenlang Schafkopf (ihre Kollegen von der anderen Seite: Belote), rauchten viel und tranken nicht nur Kaffee. Nach drei Wochen blies General Maurice Gamelin zum Rückzug, der im Oktober abgeschlossen wurde. Die französische Truppe ging hinter die Maginotlinie zurück, statt auf Rufweite sah man sich jetzt aus größerer Distanz beim Warten zu.

Frustrierend muss für die evakuierten Bewohner der Roten Zone damals eine Einschätzung von höchster Stelle gewesen sein. Im April 1940 verriet Gauleiter Bürckel bei einem Besuch im Kandelgrund in Einöd: Hätte man sich den Krieg mit Frankreich so vorgestellt, wie er jetzt ist, dann wäre die ganze Evakuierung unnötig gewesen.

Allerdings: Der Sitzkrieg, der in erster Linie symbolische Wirkung haben sollte, war mit diesem Rückzug noch nicht Geschichte. Bis zum 10. Mai 1940, dem Beginn des deutschen Feldzugs gegen Belgien, Luxemburg, Holland und Frankreich, blieben beide Seiten weitgehend passiv. Es kam dabei zwar zu vereinzelten Verbrüderungen über die Frontlinie hinweg, zu Geschenken und gemeinsamen Liedern – aber immer wieder auch zu schmerzhaften „örtlichen Ereignissen“, wie etwa am 23. November: „Südwestlich Pirmasens griff eine feindliche Kompanie unsere Gefechtsvorposten an; sie wurde abgewiesen und erlitt schwere Verluste.“

Deshalb ist der Sitzkrieg eben keine Realsatire, wie er oft dargestellt wird. Sondern eher ein grausamer Beleg für die Existenz sinnlosen Sterbens im Krieg.

 Im August 1939 bezogen Wehrmachtssoldaten auch den Westwall-Bunker bei Rentrisch. Joachim Nicklaus vom Heimatgeschichtlichen Arbeitskreis macht Führungen und vermittelt historische Details.
Im August 1939 bezogen Wehrmachtssoldaten auch den Westwall-Bunker bei Rentrisch. Joachim Nicklaus vom Heimatgeschichtlichen Arbeitskreis macht Führungen und vermittelt historische Details. FOTO: Wolfgang Kerkhoff
 Plötzlich gab es eine bewachte Grenze zwischen Kirkel und Lautzkirchen. Die evakuierte Zone im Süden durfte nur mit Sondererlaubnis betreten werden.    Repro: Annemarie Neumar – „Blieskastel“ (ohne Jahr)
Plötzlich gab es eine bewachte Grenze zwischen Kirkel und Lautzkirchen. Die evakuierte Zone im Süden durfte nur mit Sondererlaubnis betreten werden.  Repro: Annemarie Neumar – „Blieskastel“ (ohne Jahr) FOTO: Annemarie Neumar