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Mordfall Jamal Khashoggi
Was verschleiert der saudische Kronprinz?

Wie viel er tatsächlich zu verbergen hat, wissen wohl die Wenigsten: der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman.
Wie viel er tatsächlich zu verbergen hat, wissen wohl die Wenigsten: der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman. FOTO: dpa / Victoria Jones
Riad. Der Tod des Journalisten Jamal Khashoggi sei nicht geplant gewesen, der Thronfolger habe nichts gewusst. So die offizielle Version aus Saudi-Arabien. Das Problem: Nur die Wenigsten halten sie für glaubwürdig. Und von der Leiche fehlt weiterhin jede Spur. dpa

Als jungen, dynamischen Reformer präsentiert das saudische Königshaus den Thronfolger: „MbS“. Aber Kronprinz Mohammed bin Salman gerät im Fall des getöteten Journalisten Jamal Khashoggi selbst in den Fokus – und das hippe Namenskürzel „MbS“ hat bei einigen Kritikern eine neue Bedeutung bekommen: „Mr. Bone Saw“: Mann mit der Knochensäge. Mit den neuen Enthüllungen zum Tod des saudischen Dissidenten versucht das Königshaus jetzt, den Druck von der Staatsspitze zu nehmen.

Denn nach allen Beteuerungen, der Journalist habe das saudische Konsulat nach seinem Besuch dort wieder verlassen, präsentierte das Königshaus am Wochenende plötzlich eine ganz neue Erklärung: Ein Team von 15 Männern habe sich Anfang Oktober auf den Weg nach Istanbul gemacht, um den prominenten Journalisten im saudischen Konsulat zu treffen. Der im Exil lebende Kolumnist der „Washington Post“ hatte dort einen Termin, um ein Dokument für seine Hochzeit abzuholen. Doch die Männer wollten ihn in seine Heimat „zurückbringen“ – wohl ein beschönigender Ausdruck für Entführung. Dabei, so die Darstellung, sei es im Konsulat zu einer Prügelei gekommen, in deren Folge Khashoggi starb.

In der Nacht auf Samstag berichtete das saudische Staatsfernsehen, dass 18 Staatsangehörige festgenommen worden seien. Zudem seien zwei Berater des Kronprinzen entlassen worden: nämlich der Vizechef des Geheimdienstes, Ahmed al-Asiri, und der für Medienangelegenheiten zuständige Saud bin Abdullah al-Kahtani. Gerade Al-Kahtani galt vielen als enger Vertrauter des Kronprinzen, der sich besonders in sozialen Netzwerken aggressiv gegenüber Kritikern des Königshaus zeigte.



Während das Königshaus versucht, den Kronprinzen aus der Schusslinie zu bringen und ihn sogar an die Spitze einer Kommission stellt, um den saudischen Geheimdienst nach diesem „unglücklichen und schmerzlichen Ereignis“ zu reformieren, könnte Medienberater Al-Kahtani also seinen Job – die öffentliche Verteidigung des Kronprinzen – mit seiner Abberufung weiter ausführen. Aber gerade das bringt das Königshaus nur noch mehr in Bedrängnis.

Vergangenen Sommer schrieb Al-Kahtani auf Twitter: „Glauben Sie, ich könnte einfach auf eigene Faust ohne Anweisungen handeln? Ich bin ein ehrlicher Vollstrecker der Befehle meines Herren (...).“ Er soll nun genau das gemacht haben, was er im Tweet als unmöglich darstellt: ohne Wissen von „MbS“ gehandelt haben. Der Tweet vom August 2017 verbreitete sich am Samstag rasant, nachdem Saudi-Arabien eingestanden hatte, Khashoggi sei in seinem Konsulat getötet worden. Und er zeigt, welches Problem die Herrscher haben: Ihre Version des Verbrechens erscheint vielen unglaubwürdig.

Die regierungsnahe türkische Zeitung „Yeni Safak“ berichtete zudem, dass einer der 15 Verdächtigen bereits in der vergangenen Woche bei einem „mysteriösen Verkehrsunfall“ ums Leben gekommen sei. Die offizielle saudische Version: die Spitze der Königsfamilie habe von der Operation in Istanbul nichts gewusst. Angesichts des immensen internationalen Drucks muss das Herrscherhaus eine Version des Mordes vorlegen, die Kronprinz und König schützt und drohende Sanktionen vor allem der USA abwendet.

Dabei torpediert die Türkei diese Version immer wieder mit neuen Informationen, die aus Ermittlerkreisen in den Medien veröffentlicht werden. Diese hatten schon kurz nach dem Verschwinden Khashoggis von einem Tötungsteam gesprochen, das gezielt nach Istanbul geflogen sein soll. Auf einem Audiomitschnitt aus dem Konsulat ist laut Medien zu hören, wie Khashoggi gefoltert, getötet und sein Leichnam zerstückelt wird.

Mehreren Mitgliedern des saudischen „Befragungs“-Teams ist die Nähe zu Kronprinz Mohammed nachgewiesen worden. So sind mindestens vier von ihnen mit dem Prinzen auf Auslandsreisen gefahren. Und auch eine entscheidende Frage bleibt offen: Wo ist die Leiche?

Der Vize-Chef von Erdogans Regierungspartei AKP, Numan Kurtulmus, bat um Geduld. Die Ermittler verfügten über „starke Erkenntnisse“ und die Türkei werde nicht zulassen, dass etwas verschleiert werde. Nun kommt es auch darauf an, ob der US-Präsident die neue Erklärung akzeptiert oder ob er den Druck erhöht. Und auch die Türkei könnte die Saudis weiter unter Druck setzen.

Einiges deutet darauf hin, dass er kaltblütig ermordet wurde: der saudische Journalist Jamal Khashoggi.
Einiges deutet darauf hin, dass er kaltblütig ermordet wurde: der saudische Journalist Jamal Khashoggi. FOTO: dpa / Virginia Mayo