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Überlebenskampf am Mount Everest
Der Mann, der dem Tod am Everest entrann

 Ignorierte verdächtige Symptome: Richard Cost und sein Begleiter beim Aufstieg auf den Mount Everest.
Ignorierte verdächtige Symptome: Richard Cost und sein Begleiter beim Aufstieg auf den Mount Everest. FOTO: Richard Cost
Santa Fe. Richard Cost wollte den höchsten Berg der Welt besteigen. Auf dem Weg zum Gipfel rettete ihm sein Sherpa unter größten Qualen das Leben. Von Friedemann Diederichs

Der Mann, der in einer „Starbucks“-Filiale in der Stadt Santa Fe an einem Mineralwasser nippt, erinnert auf den ersten Blick an einen jüngeren Luis Trenker, den legendären 1990 verstorbenen Bergsteiger aus Südtirol. Der 59-jährige Richard Cost ist fit, braungebrannt und hat kein Gramm Fett am Körper. Nichts erinnert daran, dass er vor sechs Monaten um Haaresbreite eines der über 300 namentlich bekannten Todesopfer des Mount Everest, mit 8848 Metern der weltweit höchste Berg, geworden wäre. Doch Cost hat überlebt – und erzählt nun nach langem Klinikaufenthalt erstmals von seinem Überlebenskampf. Auch um andere vor der weit verbreiteten, höchst verführerischen und falschen Annahme zu warnen: Der Everest, weiterhin das wichtigste Ziel für Kletterer aus aller Welt, sei so etwas wie ein Touristen-Spaziergang, wenn man nur die richtigen Helfer und das nötige Geld hat. Und auch für Amateure machbar.

Richard Cost aus dem US-Bundesstaat New Mexico, seit 20 Jahren auf den höchsten Bergen in Süd- und Nordamerika und in Asien unterwegs, ist kein Anfänger. Er hat, wie er erzählt, über 100 Gipfel erklommen, seit er als 40-Jähriger mit dem im amerikanischen Nordwesten gelegenen 4200 Meter hohen Mount Rainier seine erste Besteigung absolvierte. Deshalb fühlte er sich für den Everest im Himalaya „fit und bestens vorbereitet“, wie er sagt. Rund 55 000 Euro zahlte Cost an einen US-Anbieter, die „Madison Mountaineering“-Gruppe aus Seattle, für die notwendige Unterstützung. „Ich hätte den Trip schon für die Hälfte woanders buchen können,“ erzählt er, „doch dann hätte es beispielsweise keine Sauerstoff-Flaschen gegeben“. Er berichtet von immer mehr Low Budget-Anbietern, die auch untrainierte Abenteurer zum Discount-Preis auf den Everest bringen wollen. Und die davon profitieren, dass die Regierung Nepals mehr Erlaubnisse ausstellt als der im Monat Mai –  der besten Zeit für den Gipfelsturm – überlaufene Berg verträgt. Jede Genehmigung kostet rund 10 000 Euro, und in diesem Jahr schrieb Nepal 381 von ihnen. Eine Rekordzahl, die für die viel kritisierte Kommerzialisierung der Everest-Besteigung und für „enorme Geldgier“ (Cost) steht.

Neun Monate lang, beginnend schon im Sommer 2018, hatte Richard Cost dann intensiv für sein höchstes Ziel trainiert. „Mit vollem Rucksack die Berge rauf unter runter, oft im Sprint. Und dazu immer wieder Gewichtheben.“ Mit 14 anderen Männern und Frauen in seiner Gruppe treckte er dann im Mai diesen Jahres rund 60 Kilometer vom Flughafen Lukla zum Everest-Basiscamp in 5360 Metern Höhe. Dort fühlte er sich zunächst „stark“. So stark, dass Cost mehrfach mit anderen Bergsteigern einen Teil des Aufstiegs bis zum Camp 2 in 6400 Metern Höhe als Training absolvierte, um sich zu akklimatisieren. Der Gefahren sei er sich bewusst gewesen, berichtet er. Und erzählt vom gefürchteten Khumbu-Eisfeld, wo es nicht nur Gletscherspalten gibt, in denen Menschen spurlos und ohne Hoffnung auf Rettung verschwinden können. „Jederzeit können dich dort auch Eisblöcke von der Größe eines Autos erschlagen“.



Dann der Tag des Gipfel-Aufstiegs am 21. Mai. „Das Wetter war perfekt“, erinnert sich Cost. Keine Wolken, nur ein leichter Wind. Eine Stunde nach Mitternacht bricht seine Gruppe auf. Der Weg durch das Eisfeld geht noch mühelos. Doch dann stellen sich bei ihm überraschend erste Atemprobleme ein. Im Camp 1 muss er sich mehrfach übergeben. 24 Stunden lang versucht sich Cost hier zu erholen, während sein Team weiterklettert. Dann wagt er mit seinem Sherpa den Aufstieg in Richtung Camp 2. Doch nach drei Stunden merkt er: Die verdächtigen Symptome, die trotz seiner exzellenten Vorbereitung auf Höhenkrankheit hindeuten, sind wieder da. „Ich konnte nicht mehr klar denken, ich schwankte“, erinnert er sich. Der Sherpa führt ihn zurück ins Camp 1. Dort begeht Cost einen Fehler, der schlimmstenfalls tödlich hätte enden können. „Ich hätte sofort um Helikopter-Hilfe bitten müssen,“ sagt er, „schließlich war ich ja versichert.“ Rund 3000 Dollar kostet im Normalfall eine solche Rettungsaktion. Doch der Bergsteiger glaubt an seine Fähigkeiten, es durch das gefährliche Eisfeld zurück ins Basiscamp schaffen zu können.

Doch im Khumbu-Eisfeld, wo kein Hubschrauber landen kann, werden die Symptome noch extremer. „Ich konnte keine Haken mehr befestigen, bin nur noch wie betrunken getaumelt“, sagt Cost. Sein Sherpa Phurkitar sei es schließlich gewesen, der ihm das Leben gerettet und ihn in einer stundenlangen Tortur zurück ins Basislager geschleppt habe. Dort erhält Cost eine Notversorgung und intravenöse Flüssigkeit, bis er am nächsten Tag im Helikopter nach Kathmandu ausgeflogen wird. Die Untersuchungen zeigen, wie nahe er dem Tod war –  und fast die Nummer zwölf von jenen Bergsteigern geworden wäre, die in diesem Jahr an dem Berg ihr Leben verloren haben. Die Mediziner attestieren ihm in Kathmandu eine schwere Höhenkrankheit, eine akute Gehirnschwellung, extreme Austrocknung und ein Blutgerinsel im Bein, das – wäre es in die Lunge gewandert – ihn umgehend getötet hätte.

Heute weiß Cost, welchen Irrtümern er bei seinem ersten Everest-Anlauf erlegen ist hat. „Ich hätte vier Liter am Tag trinken müssen, habe aber nur die Hälfte geschafft,“ sagt er. Und er hätte bei den ersten Anzeichen von Krankheit sofort umkehren müssen. Doch wie viele andere Everest-Enthusiasten trieb ihn der Ehrgeiz zunächst weiter. Hätten ihn die Symptome in der sogenannten „Todeszone“ – also erst oberhalb von 8000 Metern – erwischt, würde er dort weiter leblos im Schnee liegen.

 Richard Cost fühlte sich vor seinem Berg-Abenteuer fit und bestens vorbereitet.
Richard Cost fühlte sich vor seinem Berg-Abenteuer fit und bestens vorbereitet. FOTO: Richard Cost