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40 Jahre „Grüne Damen“
Elfriede hat alle Zeit der Welt

  Einfühlsam sein: Das kann Elfriede Schäfer sehr gut. Sie gehört zu den „Grünen Damen“ auf dem Saarbrücker Winterberg. Patient Alfred Molter (92) freut sich immer wieder über ihre Gesellschaft.
Einfühlsam sein: Das kann Elfriede Schäfer sehr gut. Sie gehört zu den „Grünen Damen“ auf dem Saarbrücker Winterberg. Patient Alfred Molter (92) freut sich immer wieder über ihre Gesellschaft. FOTO: Iris Maria Maurer
Saarbrücken. Seit nunmehr 40 Jahren gibt es sie, die „Grünen Damen“. Elfriede Schäfer ist die dienstälteste im Saarland. Doch was genau macht sie eigentlich? Von Cathrin Elss-Seringhaus

Elfriede Schäfer (88) trägt nicht nur ihren hellgrünen Kittel mit Namensschild, sondern auch ihr sanftes, unerschütterliches, ihr eisernes Lächeln: „Guten Tag, ich bin die grüne Dame. Kann ich etwas für Sie tun?“ Wie oft sie diese Begrüßung seit 1979 wohl schon wiederholt hat? Und wie oft hat sie das gesehen: abwehrende Hände, Kopfschütteln, Rückenzudrehen? In fünf von sieben Zimmern auf Station 31 passiert das an diesem Morgen, in der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie auf dem Winterberg: zwar keine mürrischen Reaktionen, aber eben – kein Bedarf. Das muss man abkönnen. Doch dann sind da die zwei Jungs, Karl (80) und Alfred (92). Mit ihnen erlebt Elfriede das, was die jüngste in ihrem Team, Magda Birkenmeier (59) so beschreibt: „Hinter jeder Tür wartet ein Abenteuer.“

Denn auf Elfriedes Standard-Eingangsfrage antwortet Alfred erst mal so: „Bei mir sind Sie arbeitslos.“ Dann fügt er an: „Sie können mich auf dem Weg nach oben begleiten.“ Elfriede bleibt am Kopfende des Bettes stehen, schweigt – und lächelt. Kurz darauf berichtet Alfred über seine Zeit als Flakhelfer in Saarbrücken. Bevor sie geht, hat er mehrfach Witze über das Sterben gerissen.

Elfriede kennt sie, die gut verpackten Ängste. Die eigenen drängt sie energisch weg, wenn die Hochbetagten meinen, sie seien ja schon so alt: „Dann denke ich: Ich bin ja noch viel älter!“



Karl im Zimmer nebenan fühlt sich im Winterberg-Klinikum großartig versorgt. Gestern hat man ihm Weißen Krebs am Mund wegoperiert. Er will 90 werden, sagt er, „mit 80 darf man keine langen Pläne mehr machen“ – und er erzählt von der zweiten Evakuierung im Saarland und davon, dass ihm nach dem Krieg die erste Süßigkeit „ein Ami“ geschenkt habe, ein Schwarzer.

Elfriede hat auch hier wieder kaum etwas gesagt, aber mit großer, zum Weiterreden ermunternder Ruhe zugehört. Sie vermittelt: Ich habe alle Zeit der Welt. Geplaudere soll sowieso nicht stattfinden, vor allem sollen die „Grünen Damen“ den Patienten nicht mit eigenen Befindlichkeiten behelligen oder ihn über seine Krankheit ausfragen. Das alles hat Elfriede in den „Grüne-Damen“-Seminaren gelernt und es liegt ihr, die sie das Gegenteil einer Plaudertasche ist, sowieso fern.

Ihr Teamchef, der evangelische Krankenhausseelsorger Peter Sorg, rückt die Aufgabe der „Grünen Damen“ entschieden weg von den gängigen Vorstellungen: Besorgungen, Bücherausleihe, Hilfe bei Fragebögen. „Wir sind in erster Linie für ein gutes Gespräch und Menschlichkeit zuständig“, sagt Sorg.

Vor 50 Jahren, als die „Grünen Damen“ nach dem Vorbild der „Pink Ladies“ in Deutschland aufkamen, sahen die Prioritäten anders aus. Die Ehrenamtlichen assistierten dem Pflegepersonal, durften Essen anreichen oder den Kranken aus dem Bett helfen. Das ist heute verboten.

Die erste „Grüne-Damen“-Gruppe entstand laut Sorg 1978 im Saarbrücker Evangelischen Krankenhaus, ein Jahr später folgte die Winterberg-Klinik. Elfriede las einen Aufruf in der Zeitung. Sie war Hausfrau, gerade Witwe geworden und mit zwei Söhnen wieder zurück in ihrer Heimatstadt Saarbrücken. Als Mitglied der evangelischen Frauenhilfe kannte sie ehrenamtliches Sich-Kümmern. Nun ist sie die wohl dienstälteste „Grüne Dame“ im Saarland, mit dem Bus fährt sie jeden Dienstag von Gersweiler zum Winterberg hoch. „Sie arbeitet wie ein Schweizer Uhrwerk“, so Sorg.

Verlässlichkeit und Kontinuität, auf diesen Pfeilern ruht die Arbeit der „Grünen Damen“. Jede muss sich verpflichten, an einem bestimmten Vormittag in der Woche zwischen neun und 13 Uhr da zu sein, Samstag und Sonntag sind frei. Am Ende der Schicht steht das gemeinsame Kaffeetrinken des Tagesteams im Gemeinschaftsraum, Sorg kommt in der Regel dazu. Das „zeitnahe“ Reden über die Erfahrungen am Krankenbett sei wichtig, meint er. Belastendes dürfe „nicht in der Seele gären“. Wobei Elfriede aus 40 Jahren keine einzige schockartige, böse Begebenheit zu erzählen weiß: „Manchmal ist es ein bisschen tragisch“, meint sie nur.

Ihre Kollegin Magda (59) hat allerdings öfter zu kämpfen: „Man kann nicht immer gefasst sein.“ Sie ist auf der Krebsstation tätig und sieht ihn immer noch vor sich, den vitalen 60-jährigen Mann im grasgrünen Pullover, wie er dasaß und schluchzte. Vier Jahre ist das her. Der Mann hatte gerade erfahren, dass er einen Lungentumor hat – wie sein bester Freund, der ein halbes Jahr zuvor daran gestorben war.

Doch an den allermeisten Tagen nimmt Magda „ganz viele gute Sachen mit heim“. Es stärke den eigenen Lebensmut, wenn Menschen am Ende ihres Lebens sagten: Ich habe nichts versäumt. Oder wenn man mit Sterbenden über das beste Spätzle-Rezept debattiere. Andererseits beobachtet sie, dass die Menschen unzufriedener würden.

Auch Sorg bemerkt eine höhere Anspruchshaltung gegenüber den „Grünen Damen“, die schon mal angeraunzt würden, wenn der falsche Kuchen gekauft wurde. Zudem machten die kürzeren Liegezeiten der Patienten die Arbeit nicht leichter: „Früher freuten sich viele Patienten auf die Regelmäßigkeit der Kontakte, auf das bekannte Gesicht.“ Heute verlaufe alles anonymer.

Trotz der Veränderungen hält der Seelsorger das Ehrenamt für dringlich: „Es gibt immer mehr Einsame, also mehr Bedarf. Wenn einem jemand die Hand drückt, das ist ein sehr gutes Gefühl.“ Umso drückender die Nachwuchs-Probleme. In den elf Jahren, in denen Sorg die Damen betreut, ist deren Zahl um die Hälfte geschrumpft, von 30 auf 15, und der Altersschnitt stieg auf 70 plus.

Jüngere fühlen sich nicht animiert, dazuzustoßen, und Berufstätige sind wegen der Termine am Vormittag nahezu ausgeschlossen von diesem Engagement. Anders als zu Gründungszeiten, als sich vor allem Hausfrauen fanden, stoßen jetzt nur noch Rentnerinnen zum Team. „Es braucht neue Konzepte“, meint Sorg.

Womöglich bedarf es da der Ideen-Unterstützung durch die Klinik-Profis. Denn die wollen keinesfalls auf die „Grünen Damen“ verzichten, richten ihnen am 20. Mai eine Jubiläumsfeier aus.

Susann Breßlein, Verwaltungsdirektorin und Geschäftsführerin des Winterberg-Klinikums, sagt: „Die ,Grünen Damen’ bringen vor allem einen anderen Blickwinkel mit.“ Und Pflegedirektorin Sonja Hilzensauer sieht sie als eine Art Ruhepol im hektischen Klinikalltag. Elfriede lässt sich kaum besser beschreiben.