| 20:38 Uhr

Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz
Klima, Rechtspopulismus – und die Stimme der Kirche

 Der Anschlag aus Halle habe ihn zutiefst erschüttert, sagt Kardinal Reinhard Marx, Chef der der Deutschen Bischofskonferenz.
Der Anschlag aus Halle habe ihn zutiefst erschüttert, sagt Kardinal Reinhard Marx, Chef der der Deutschen Bischofskonferenz. FOTO: dpa / Bernd von Jutrczenka
Berlin. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, sieht die Jugendbewegung „Fridays for Future“ mit Wohlwollen. Von Hagen Strauß

Die Bewahrung der Schöpfung ist eigentlich die Paradedisziplin der Kirche. Dazu gehört auch der Klimaschutz. Doch seit Monaten machen vor allem die Jugendlichen von „Fridays for Future“ Politik und Gesellschaft ordentlich Dampf. Wo ist die Kirche?

Es kommt nur alle zwei Jahre vor, dass sich der oberste deutsche Katholik in der Bundespressekonferenz den Fragen der Hauptstadtjournalisten stellt – am Mittwoch war es wieder soweit. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, reiste extra aus Rom an, wo derzeit noch die vom Papst einberufene Bischofssynode zum Schutz des Amazonas läuft. Es sind keine einfachen Zeiten für die Kirche, auch in Deutschland nicht. Sie sind geprägt von zahlreichen inneren Reformen, von heiklen Debatten über eine Lockerung des Zölibats, mehr Beteiligung von Frauen oder ganz konkret über die Höhe der Entschädigungszahlungen für Missbrauchsopfer. Darüber soll in einigen Monaten entschieden werden.

Vor allem jedoch wird immer öfter gefragt, ob die Kirche überhaupt noch eine gesellschaftliche Bedeutung hat. Der Wunsch nach Engagement sei ungebrochen, hielt Marx dagegen, obwohl auch er solche Fragen vernehme. Lange vor „Fridays for Future“ habe sich die katholische Kirche bereits zum Klimaschutz positioniert – so sei die viel beachtetet Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus bewusst vor der Pariser Klimakonferenz 2015 veröffentlicht worden. Mit „Wohlwollen“ sehe man daher die Jugendbewegung. Zwar gebe es auch viele Aktivisten unter dem Dach der Kirche, jedoch „vielleicht nicht so sichtbar“, räumte Marx ein. Die Bewegung sei daher eine große Chance. Wie sie genutzt werden könnte, blieb freilich offen. Jedenfalls müssten die Pariser Klimaziele umgesetzt werden. Nach wie vor kreise zu viel „um BIP und Börse“. Darauf hätten auch die Demonstranten hingewiesen.



Marx beklagte insbesondere eine Rückkehr zum Nationalismus und den wachsenden Rechtspopulismus. Der Anschlag in Halle habe ihn zutiefst erschüttert. Zugleich erklärte er: „Wir lassen uns nie mehr trennen von unseren jüdischen Brüdern und Schwestern.“ Es gehe um die Zukunft der freiheitlichen Demokratie. „Ich bin unruhiger, als ich es vor zehn Jahren war“, meinte der Kardinal. Auch hier gelte: Die Stimme der Kirche sei wichtig.

Kaum ein aktuelles Thema, zu dem Marx sich nicht äußerte. So sei das Vorgehen der Türkei in Syrien ein „klarer Bruch des Völkerrechts“. Er beklagte die Vertreibung unzähliger Menschen, darunter auch Christen, und kritisierte die Waffenexporte. Mit Blick auf die Seenotrettung von Flüchtlingen wiederholt er seine Einschätzung, auch das Mittelmeer dürfe „keine Grenze des Todes“ sein. Es dürfe niemand in eine Situation von Krieg und Gewalt zurückgeschickt werden. „Die Kirche sollte nicht nur um sich selber kreisen“, betonte der Vorsitzende der Bischofskonferenz schließlich noch. Das wiederum ist wohl leichter gesagt als getan.