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Nahost
Raketenhagel und Luftangriffe nähren Angst vor neuem Krieg

Dieses Haus in Aschkelon wurde von einer Rakete getroffen. Durch die zerstörte Wand ist ein Arbeiter vor dem Gebäude zu sehen.
Dieses Haus in Aschkelon wurde von einer Rakete getroffen. Durch die zerstörte Wand ist ein Arbeiter vor dem Gebäude zu sehen. FOTO: dpa / Ilia Yefimovich
Tel Aviv/Gaza. Nach der jüngsten Eskalation in Nahost erklären die Palästinenser nun eine Waffenruhe. Kann der vierte Gaza-Krieg noch verhindert werden?

(dpa) Immer wieder heulen am gestrigen Dienstag im israelischen Grenzgebiet zum Gaza­streifen die Alarmsirenen. Ein wahrer Raketenhagel geht auf Wohngebiete im ganzen Umkreis nieder: Eine Rekordzahl von 460 Geschossen hätten militante Palästinenser seit Montag abgefeuert, sagt ein israelischer Armeesprecher. „Dies sind die intensivsten Angriffe seit dem Gaza-Krieg 2014.“ In der Küstenstadt Aschkelon wird ein Haus direkt getroffen, ein Mann stirbt. Israels Luftwaffe bombardiert im Gegenzug Ziele der im Gazastreifen herrschenden Hamas, mindestens sieben militante Palästinenser werden getötet.

Am Dienstagabend verkünden die militanten Palästinenserorganisationen dann einseitig eine Waffenruhe. Doch kann diese die nächsten Tage überdauern? Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und die israelische Armee äußerten sich dazu nicht, Verteidigungsminister Avigdor Lieberman dementierte einen Stopp der Luftangriffe.

Vor der jüngsten Eskalation hatte es – dank intensiver Vermittlungsbemühungen Ägyptens und des UN-Gesandten Nikolay Mladenov – noch nach einer möglichen längerfristigen Beruhigung ausgesehen.



Doch dann ließ ein am Sonntag fehlgeschlagener Geheimeinsatz der israelischen Armee im Gazastreifen den Funken wieder überspringen. Die verdeckte Einheit wurde von militanten Hamas-Kämpfern enttarnt, es kam zu einem heftigen Feuergefecht. Sieben militante Palästinenser, darunter ein 37-jähriger Hamas-Kommandeur, und ein israelischer Offizier starben.

Was folgte, war die gefährlichste Zuspitzung der Lage seit vier Jahren. Israelische und palästinensische Experten sind sich allerdings einig, dass beide Seiten im Grunde gar kein Interesse an einem umfassenden Krieg haben. „Ägypten und die internationale Gemeinschaft üben Druck auf die Hamas und Israel aus, um einen vollen Krieg zu verhindern“, sagt Amos Harel, Militärexperte der Zeitung „Haaretz“.

Die von den USA, der EU und Israel als Terrororganisation eingestufte Hamas hatte 2007 mit Gewalt die Herrschaft im Gazastreifen an sich gerissen. Israel hatte danach eine Blockade des Küstenstreifens verschärft, Ägypten trägt die Maßnahme inzwischen mit. Die Lage von rund zwei Millionen Einwohnern im Gazastreifen ist prekär, es mangelt unter anderem an Trinkwasser und Strom.

Seit Beginn blutiger Proteste gegen die Blockade an der Gaza-Grenze im März hatte es immer wieder brenzlige Situationen gegeben. Die jüngste Runde der Gewalt sei aber die schwerwiegendste, meint Harel. Netanjahu und seine rechts-religiöse Regierung stehen unter starkem Druck der Öffentlichkeit, die immer wiederkehrenden Raketenangriffe aus Gaza auf israelische Grenzorte dauerhaft zu unterbinden.

Beide Seiten werfen sich gegenseitig vor, sie wollten die „Spielregeln“ in dem schwelenden Konflikt mit Gewalt zu ihren Gunsten verändern. Die Hamas sehe Israels verdeckten Einsatz auf dem von ihr kontrollierten Gebiet als einen solchen Versuch, sagt Naschat Aktasch, Politikprofessor an der Birzeit-Universität bei Ramallah. „Die Hamas hat gezeigt, dass dies nicht ungestraft bleiben kann.“

Der israelische Sicherheitsexperte Jossi Kuperwasser sagt, Israel wolle der Hamas seinerseits die Botschaft übermitteln, dass wahllose Angriffe auf Zivilisten absolut inakzeptabel seien. Nach Schätzungen der Armee verfügt die Hamas über 20 000 Raketen und Mörsergranaten. Ein Teil der Raketen komme aus dem Iran, andere würden im Gazastreifen selbst produziert, sagt Kuperwasser. Zu den durch Tunnel aus Ägypten in den Gazastreifen geschmuggelten Waffen gehörten auch Panzerabwehrraketen des Typs Kornet. Eine solche Rakete traf am Montag einen israelischen Bus nahe der Gaza-Grenze, der dabei völlig ausbrannte. Bei dem Vorfall, für Israel eine unerträgliche Provokation, erlitt ein Soldat lebensgefährliche Verletzungen.

Der palästinensische Politikexperte Saleh Naami in Gaza sieht die Hamas nach den massiven Raketenangriffen auf Israel in einer „Position der Stärke“. Nun sei der richtige Zeitpunkt für eine Waffenruhe, meint er.