| 23:21 Uhr

Tour durch 17 Städte
Frankreichs Präsident geht auf Wanderschaft

Der französische Präsident 
Emmanuel Macron.
Der französische Präsident Emmanuel Macron. FOTO: dpa / Bernd von Jutrczenka
Paris. Mit einer Rundreise erinnert Emmanuel Macron an das Ende des Ersten Weltkriegs. Die Tour soll vor allem das Image des Staatschefs aufbessern. Von Christine Longin

Es war eine Nachricht, die zu Wochenbeginn einschlug wie eine Bombe: Emmanuel Macron ist erschöpft und gönnt sich drei Tage Ruhe. Schnell wurde über einen Burnout des Präsidenten spekuliert, der für sein hohes Arbeitspensum bekannt ist. Doch am Donnerstag zeigte sich der 40-Jährige zusammen mit seiner Frau gut gelaunt im Badeort Honfleur in der Normandie. „Keine Sorge. Ich habe nicht an Kraft verloren, ich halte meinen Rhythmus durch“, versicherte er beim Bad in der Menge. Die Taktzahl ist vor allem in der kommenden Woche hoch, wenn er sechs Tage lang durch den Norden und Osten des Landes reist, um an den 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs zu erinnern. „Itinerance“ – Wanderschaft – nennen seine Mitarbeiter die Tour, die ihn vor allem in jene Regionen führt, in denen die Arbeitslosigkeit hoch und der rechtspopulistische Front National stark ist.

Die Idee für die ungewöhnliche Landpartie durch 17 Städte kam dem Staatschef selbst. Sie ist ein Versuch, seinen Ruf als Präsident im Pariser Elfenbeinturm des Elysée loszuwerden. Auch wenn er sich gerne auf seine Wurzeln in der Kleinstadt Amiens beruft, hat es Macron nicht geschafft, einen Draht zur ländlichen Bevölkerung zu finden. Im Gegenteil: Einige Entscheidungen wie die Einführung von Tempo 80 auf Landstraßen stießen auf dem Land auf massiven Protest. Besonders stark ist der Widerstand gegen die Ökosteuer auf Kraftstoffe, den die Rechtspopulisten bereits für sich ausnutzen.

„Die Reise zeigt, dass der Präsident ein Ohr für die ländlichen Gebiete hat“, sagen seine Mitarbeiter. Kein Staatschef seit Charles de Gaulle sei so lange durch Frankreich getourt wie Macron. Sogar die Kabinettssitzung soll nächste Woche nicht in Paris, sondern in Charleville-Mezières in den Ardennen stattfinden. Die „Itinerance“ ist für Macron auch die Gelegenheit, den Franzosen seine Politik zu erklären. Mit Beliebtheitswerten, die unter 30 Prozent absackten, muss er vor der Europawahl im nächsten Jahr viel Überzeugungsarbeit leisten. Die direkte Begegnung mit seinen Landsleuten ist dabei allerdings ein riskantes Mittel. Denn Macron, den eine Mehrheit der Franzosen ohnehin für arrogant hält, hat sich mit seinen schnell dahin gesagten Sprüchen am Rande offizieller Veranstaltungen mehr Feinde als Freunde gemacht. Beispielsweise als er einen jungen Arbeitslosen aufforderte, einfach über die Straße zu gehen, um einen Job zu finden. Oder als er einer Seniorin, die sich über ihre geringe Rente beklagte, riet, weniger zu jammern.



In wenigen Sekunden zerstörte der Staatschef mit solchen Sätzen das, was er sich zuvor mühsam aufgebaut hatte. Denn mit einem Plan zur Armutsbekämpfung wollte er im September eigentlich zeigen, dass er kein „Präsident der Reichen“ ist. Die mit viel Sorgfalt inszenierte Rede ging jedoch im Getöse um die Rücktritte von Umweltminister Nicolas Hulot und Innenminister Gérard Collomb unter. Nun soll mit der Reise ein zweiter Anlauf genommen werden: Nach mehreren Tagen des Gedenkens ist am Freitag in Lens ein ganzer Vormittag für den Armutsplan vorgesehen.

Überhaupt erinnert das Programm sieben Monate vor den Europawahlen an eine Wahlkampftour. Macron verstärkte den Eindruck selbst mit einem Interview in der Zeitung „Ouest France“, in dem er sich erneut zum Retter vor der Gefahr des Nationalismus stilisierte. „Europa steht vor dem Risiko, sich selbst durch die nationalistische Lepra zu zerstückeln und von äußeren Kräften erschüttert zu werden“, warnte der Präsident und verglich die Situation mit den 1930er Jahren.