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Interview mit Politikberater Johannes Hillje
„Kramp-Karrenbauer braucht politische Erfolge“

 Johannes Hillje, Politik- und Kommunikationsberater
Johannes Hillje, Politik- und Kommunikationsberater FOTO: Erik Marquardt
berlin. Der Politikberater sieht fehlendes Debatten-Gespür als Ursache für die Kommunikationspannen der CDU-Chefin. Von Iris Neu-Michalik

Kommunikationspannen, wie man sie bei CDU-Chefin Annegret Kamp-Karrenbauer seit Monaten erlebt, nähren Zweifel an ihrer Kanzlerfähigkeit. Diese kann sie durch politische Erfolge beseitigen, meint der Politik- und Kommunikationsberater Johannes Hillje, der in Berlin und Brüssel arbeitet.

Herr Hillje, erneut gibt es Wirbel um eine Aussage von AKK. Es heißt, sie habe ein Parteiausschlussverfahren gegen Ex-Verfassungschef Maaßen ins Spiel gebracht. Tatsächlich hat sie dies aber gar nicht gefordert. Was ist da schiefgelaufen?

HILLJE Es ist richtig, sie hat explizit kein Parteiausschlussverfahren gefordert, sie hat den Begriff aber quasi in einem Atemzug mit der Kritik an Hans-Georg Maaßen genannt. Daher muss sie davon ausgehen, dass auch eine Diskussion darüber geführt wird. Das Zusammenführen unterschiedlicher Themenkomplexe bedeutet ja schon den Start einer Debatte. Das hätte ihr und ihrem Team auffallen müssen bei der Autorisierung des Interviews.



Und warum ist es nicht aufgefallen?

HILLJE Meines Erachtens fehlt es der CDU-Parteivorsitzenden sowie auch den verantwortlichen Personen im Konrad-Adenauer-Haus momentan an Gespür für solche Debatten. Kommunikationspannen, wie wir sie bei AKK jetzt mehrfach erlebt haben, nähren letztendlich natürlich auch Zweifel an ihrer Kanzlerinnen-Fähigkeit. Denn als Regierungschefin muss sie ja nicht nur die Partei zusammenhalten, sondern ein ganzes Land vertreten – auch nach außen. Und da ist Kommunikationsgeschick eine der wichtigsten Fähigkeiten.

Könnten bestimmte Medien nicht mitverantwortlich sein, dass sie so missverständlich rüberkommt?

HILLJE Ich glaube nicht, dass es im journalistischen Betrieb in Berlin sozusagen eine grundsätzliche Lust am Verschleiß von politischem Personal gibt. Aber es gibt heute eine weitaus stärkere Personalisierung in der Politik – insofern dass Personen viel mehr die politische Debatte bestimmen, als es noch vor 30 Jahren der Fall war. Hinzu kommt, dass wir durch die Digitalisierung eine gewaltige Beschleunigung der politischen Debatte erleben. Diese führt zu Entwicklungen auf Seiten der Politik, aber auch auf Seiten der Medien, die den politischen Diskurs nicht immer fundierter und sachlicher machen.

Was würden Sie Annegret Kramp-Karrenbauer raten?

HILLJE Wir erleben ja schon seit ihrem Antritt des CDU-Vorsitzes, dass sie durch unglückliche Aussagen Schlagzeilen produziert. Was Kramp-Karrenbauer jetzt braucht, um ihr Image zu verbessern, sind politische Erfolge. Es war ja mit ein Grund für sie ins Kabinett zu gehen, dass sie politische Leistungen vorlegen kann. Jetzt muss sie liefern. Dann werden diese unglücklichen Aussagen auch wieder schnell vergessen sein.

Sie denken also nicht, dass sie sich die Kanzlerschaft durch diese Missverständlichkeiten vermasselt hat?

HILLJE Nein, noch nicht, denn letztendlich werden Politiker ja immer noch an ihren Ergebnissen gemessen und nicht daran, ob sie sich vereinzelt unglücklich ausgedrückt haben.

Besteht nicht die Gefahr angesichts solcher Pannen, die zu unglücklichen Selbstläufern werden, dass Politiker mehr und mehr konkrete Aussagen meiden aus Furcht, Amt und Zukunft aufs Spiel zu setzen?

HILLJE In der Tat wäre es nicht wünschenswert, wenn sich Politiker nicht mehr konkret ausdrücken und nicht mehr zuspitzen, weil sie Angst haben, dass jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird. So sollte der demokratische Wettstreit nicht ablaufen, das würde Politik auch langweilig machen. Auf der anderen Seite führen aber unscharfe, interpretierbare Formulierungen wie die von AKK auch immer dazu, dass Journalisten zur Klärung kritisch nachfragen müssen. Völlig gerechtfertigt, in meinen Augen.