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Umstrittenes Abkommen
Ein Vatikan-Pakt mit dem Teufel?

Diese Taufe in einer Kathedrale von Peking sieht nach Routine aus: Doch der Schein im Reich der Mitte trügt.
Diese Taufe in einer Kathedrale von Peking sieht nach Routine aus: Doch der Schein im Reich der Mitte trügt. FOTO: dpa / Mark Schiefelbein
Peking/Rom. Es ist ein historisches, aber umstrittenes Abkommen: Der Papst einigt sich mit China über die Ernennung von Bischöfen. Aber der Preis ist zu hoch, sagen Kritiker. dpa

Die Enttäuschung ist groß. Von „Ausverkauf“ und einem „undurchsichtigen Deal“ ist die Rede. Und warum wurden die Katholiken in China nicht gehört? Aus den Reihen der Kirche hagelt es heftige Kritik an dem historischen Abkommen zwischen dem Papst und Peking über die Ernennung von Bischöfen in China.

Erstmals erkennt Franziskus die Autorität der kommunistisch geführten „Patriotischen Vereinigung“ an. Diese Staatskirche erlaubt ihm ihrerseits allerdings nicht, wie anderswo als höchste Instanz die Bischöfe allein auszuwählen. Ob ihm jetzt zumindest eine Mitsprache in China eingeräumt wird, ist offen. Es bleibt vorerst eine Geheimabsprache. Ausgerechnet in einer Phase verschärfter Unterdrückung in China mache der Papst gemeinsame Sache mit der kommunistischen Führung, beklagen die Kritiker. Ein Priester fragt sich, ob die Katholiken in China künftig ein noch „schwereres Kreuz“ tragen müssten. Die Verhandlungen hätten ihre Stimme und „die Wirklichkeit des Glaubens, aller Arten der Verfolgung“ völlig ignoriert, schreibt der Priester in einer Kritik im Internet, die von der chinesischen Zensur schnell wieder gestrichen wird.

Kontrolle, Verfolgung und Zerstörung von Kirchen – das ist in China Realität. Von den mehr als zehn Millionen Katholiken entzieht sich nach Schätzungen mehr als die Hälfte der Kontrolle des Staates und steht loyal zum Papst, wofür viele hohe persönliche Opfer hingenommen haben.



Der Streit geht Jahrzehnte zurück. Nach ihrer Machtübernahme in Peking im Jahr 1949 brachen die Kommunisten die Beziehungen zum Vatikan ab und gründeten die „Patriotische Vereinigung“. Priester und Ordensschwestern, die dieser Staatskirche nicht beitreten wollten, wurden inhaftiert, geschlagen und umgebracht. Wer dem Papst die Treue hielt, musste in den Untergrund flüchten. Diese Spaltung in eine „offizielle“ Kirche und eine im Untergrund aufzuheben, ist das Ziel von Franziskus. So ruft er mit dem Abkommen alle Katholiken in China auf, „eine brüderlichere Zusammenarbeit“ zu pflegen. Im „Vogelkäfig“, ohne Freiheit, wie der Hongkonger Kardinal Joseph Zen sagt. Der scharfe Kritiker der Annäherung des Vatikans an Peking hat schon früh „Verrat“ gewittert. Er befürchtet nur noch mehr Kontrolle.

Warum Franziskus jetzt ohne Not mit China vorprescht, ist Beobachtern ein Rätsel. Der 81-Jährige durchläuft die wohl schwerste Phase seines Pontifikats. Erzkonservative Gegner zielen aus dem Hinterhalt auf den Argentinier, der ihnen viel zu modern ist. Im Zentrum steht der italienische Erzbischof Carlo Maria Viganò, der dem Papst sogar Vertuschung von Missbrauch vorwirft. Nicht nur in den USA, sondern auch in anderen Ländern brechen Skandale über pädophile Geistliche wieder auf. Und der Pontifex steht in der Kritik als einer, der nicht genug dagegen tut.

Im Reich der Mitte war der Papst noch nie. Vor vier Jahren hat ihm Peking den Überflug auf dem Weg nach Südkorea erlaubt. Demnächst will er auch landen – vielleicht schon im kommenden Jahr. Aber wie kann er über die mangelnde Religionsfreiheit schweigen, fragt sich Porson Chan vom Bistum Hongkong. „Der Vatikan sollte zumindest die chinesische Regierung auffordern, alle festgenommenen und vermissten Bischöfe und Priester freizulassen, und aufhören, sie zu belästigen.“ Rund 30 papsttreue Bischöfe im Untergrund bleiben auch weiterhin ihrem Schicksal überlassen.

„Das Abkommen ist das falsche Signal zur falschen Zeit“, sagt Ulrich Delius von der Göttinger Gesellschaft für bedrohte Völker. „Die katholische Kirche willigt in ihre Gleichschaltung in Chinas kommunistisches Regierungssystem ein“, moniert der Experte. Die chinesische Führung sei der große Gewinner, ohne dabei Garantien für Glaubensfreiheit zu geben, sagt Delius, und übt scharfe Kritik an Rom. Der Vatikan „wäscht sie von jedem Verdacht religiöser Verfolgung rein“.