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Erste Mondlandung vor 50 Jahren war ein Mega-Medienereignis
Der gewaltige Sprung für die Menschheit

 Otto Deppe hat von allen Mondlandungen aus den USA berichtet. Hier spricht er vor einer Apollo-Raumkapsel zu seinen deutschen Radiohörern.
Otto Deppe hat von allen Mondlandungen aus den USA berichtet. Hier spricht er vor einer Apollo-Raumkapsel zu seinen deutschen Radiohörern. FOTO: Otto Deppe
Cape Canaveral/St. Ingbert . Am 21. Juli 1969 saßen weltweit eine halbe Milliarde Menschen vor den Fernsehgeräten, als US-Astronaut Neil Armstrong als erster Mensch den Mond betrat. Otto Deppe berichtete den deutschen Radiohörern aus den USA von den Ereignissen. Von Manuel Görtz

(gö/dpa) 13,5 Tonnen Treibstoff verbrennen pro Sekunde kontrolliert hinter den Rücken von Michael Collins, Buzz Aldrin und Neil Armstrong. Hunderttausende Zuschauer jubeln am 16. Juli 1969 um 9.32 Uhr Ortszeit rund ums Cape Canaveral im US-Bundesstaat Florida, als sich die 110 Meter hohe Saturn-V-Rakete mitsamt den drei US-Astronauten und dem Raumschiff „Columbia“ dröhnend in den Himmel schiebt. Ein Bilderbuch-Start für die Mission „Apollo 11“, die erstmals Menschen auf den Mond bringt.

Der Rundfunk- und Fernsehjournalist Otto Deppe ist dabei, als die Rakete von der Startrampe abhebt. Von der nur wenige Kilometer entfernten Pressetribüne berichtet er für den Saarländischen Rundfunk und andere deutsche Radiosender. Kurze Zeit später entschwindet das Raumschiff den Blicken der Zuschauer und erreicht nach knapp zwölf Minuten den Erdorbit. Für Deppe heißt es jetzt schnell Kofferpacken und den nächsten Flug nach Houston in Texas nehmen, um aus dem Missionskontrollzentrum vom weiteren Geschehen zu berichten.

An das Zentrum, das ständig Kontakt mit der „Columbia“ hält und die Weltraummission überwacht, ist ein großer Saal angebaut, in dem sich nach Schätzungen Deppes rund 2000 Journalisten aus aller Welt tummeln – mit Fernseh-Studios, Radioboxen und Tischen für Zeitungsreporter. Deppe bekommt eine der Radioboxen zugewiesen – ein etwa zwei Mal zwei Meter großer Raum mit einem Tisch, einem Stuhl, vier Bildschirmen und einem Mikrofon. Die nächsten drei Tage passiert erst mal nicht viel. Während die „Columbia“ in Richtung Mond fliegt und sich die Astronauten an Bord ausschlafen können, bereiten sich die Journalisten in Houston auf das größte Medienereignis in der Menschheitsgeschichte vor.



Am 19. Juli dann schwenkt die „Columbia“ auf eine Umlaufbahn um den Mond ein. Am 20. Juli stellen sich Armstrong und Aldrin – denn es gibt keine Sitze – in die Landefähre „Eagle“ (deutsch: Adler). Von Kabeln werden sie gehalten. Die Landefähre wird vom Mutterschiff abgekoppelt. Collins wird auf einer Umlaufbahn etwa 111 Kilometer über dem Mond auf seine Kollegen warten.

Jetzt wird es für die Astronauten in der Landefähre und die Menschen im Kontrollzentrum auf der Erde spannend: Im Landeanflug gibt der Bordcomputer mehrfach Alarm – später stellt sich Überlastung als Ursache heraus. Das Kontrollzentrum gibt nach fieberhaften Beratungen Anweisung, die Fehlermeldungen zu ignorieren. Während des gut zwölfminütigen Landemanövers funkt Armstrong zudem: „ziemlich felsige Gegend“. Der Autopilot fliegt die „Eagle“ auf einen Platz voller Geröll zu, Armstrong korrigiert den Kurs und steuert einen ebenen Landeplatz an.

Um 15.17 Uhr Ortszeit empfängt die Nasa in Houston die ersten Worte eines Menschen von der Oberfläche eines fremden Himmelskörpers: „Maschinen aus. Houston, hier ist Tranquility Base. Der Adler ist gelandet“. Jubel auf der Erde. Sechseinhalb Stunden nach der Landung öffnet Armstrong die Luke der „Eagle“. Die Oberfläche sei von einem feinen, puderhaften Material bedeckt, berichtet er von der Leiter aus.

Schließlich setzt er am 21. Juli um 3.56 Uhr mitteleuropäischer Zeit an, von der letzten Stufe zu hopsen. Mehr als eine halbe Milliarde Menschen weltweit sitzen gespannt vor den Fernsehbildschirmen, als Armstrong seinen berühmten Satz sagt: „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein gewaltiger Sprung für die Menschheit.“ Aldrin beobachtet die Szene aus der „Eagle“. Knapp 20 Minuten später steigt auch er herunter.

Die Astronauten führen ein paar eher simple Experimente durch, rammen die US-Fahne in den Mondboden, hinterlassen eine Plakette und sammeln Gesteinsproben. Zweieinhalb Stunden nach Armstrongs Schritt auf den Mond sind beide Astronauten wieder in der Landefähre. Gut 21,5 Stunden nach ihrer Landung zünden die beiden die Aufstiegsstufe der „Eagle“ und verlassen den Mond. Zweieinhalb Stunden später dockt die Fähre wieder an der „Columbia“ an.

Otto Deppe hat bis zum Ende der Mission, als die drei Astronauten am 24. Juli per Fallschirm mit dem Kommandomodul im Pazifik landen, rund hundert Radio-Beiträge nach Deutschland übermittelt. Auch von den Apollo-Missionen 12, 14, 15, 16 und der letzten bemannten Mond-Expedition „Apollo 17“ im Dezember 1972 berichtet er den Hörern deutscher Radiosender aus den USA.

Dabei trifft er in der Kantine der US-Raufahrtbehörde Nasa einmal sogar den Mann, dessen Raketen-Konstruktion den Flug zum Mond überhaupt erst möglich gemacht hat – Wernher von Braun. Der gebürtige Deutsche sei der Prototyp des „American Heroe“ gewesen, erinnert sich Deppe, „groß, gutaussehend, sehr charmant, sehr umgänglich“ und direkt bereit für ein Interview. Für die Nazi-Vergangenheit von Brauns habe sich in jenen Jahren die Öffentlichkeit noch nicht interessiert, sagt Deppe. „Die wollten zum Mond. Fragen gab es nicht.“

Von Braun sei damals fest überzeugt gewesen, dass Menschen bereits in den 1980er Jahren zum Mars fliegen könnten. Und vor wenigen Tagen hat auch Nasa-Chef Jim Bridenstine den Mars als neue Zielmarke für die US-Raumfahrt gesetzt. Er hält eine bemannte Landung auf dem roten Planeten bis zum Jahr 2033 für möglich.

Raumfahrt-Journalist Otto Deppe, der heute in St. Ingbert lebt, bezeichnet dies als Utopie und ist sich sicher, dass eine solche Mission schon an den exorbitanten Kosten scheitern würde. Bereits im Jahr 1992 seien diese auf 400 Milliarden US-Dollar geschätzt worden – heute würden sie wohl ein Vielfaches davon betragen, ist Deppe überzeugt.

„Wenn die Zahlen erst einmal auf dem Tisch liegen, wird das nur sehr schwer der Öffentlichkeit vermittelbar sein“, glaubt er – zumal es in den kommenden Jahrzehnten wichtigere Herausforderungen für die Menschheit gebe – die ebenfalls etliche Milliarden verschlingen würden wie der Klimawandel und die Ernährung der Weltbevölkerung, die laut Berechnungen der Vereinten Nationen von heute 7,63 Milliarden Menschen auf 10,9 Milliarden im Jahr 2100 wachsen soll.

Den Plan von US-Präsident Donald Trump, bis 2024 wieder Menschen zum Mond zu schicken, hält Deppe dagegen für realistischer – nicht nur der wesentlich geringeren Kosten wegen. „Damit kennen wir uns aus“, sagt er. Und so wird Armstrongs erster Schritt auf den Erdtrabanten vor 50 Jahren wohl noch lange Zeit von keinem gewaltigeren Sprung in der Menschheitsgeschichte zu überbieten sein.

 Der Rundfunk- und Fernsehjournalist Otto Deppe ist ein Raumfahrtexperte. Er lebt in St. Ingbert.
Der Rundfunk- und Fernsehjournalist Otto Deppe ist ein Raumfahrtexperte. Er lebt in St. Ingbert. FOTO: Otto Deppe