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Mobilität auf dem Land
Ohne Auto auch auf dem Land mobil?

Ein Fahrgast steigt in den Ecobus: Das Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation testet diesen Kleinbus im Raum Bad Gandersheim.
Ein Fahrgast steigt in den Ecobus: Das Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation testet diesen Kleinbus im Raum Bad Gandersheim. FOTO: dpa / Swen Pförtner
Hannover/Bad Gandersheim/Saarbrücken. Weite Wege, schlechte Bus-Anbindungen, teure Taxifahrten: Kleinbusse ohne feste Fahrpläne könnten Abhilfe schaffen. Von Thomas Strünkelnberg und Iris Neu-Michalik

Schöne neue Welt der Mobilität: Per U-Bahn zum Hauptbahnhof, im Fernzug bis zur nächsten Großstadt, dort weiter via Carsharing – oder per App einen Wagen bestellen und auf dem Weg umweltfreundlich möglichst andere Fahrgäste aufsammeln. So sieht die Volkswagen-Tochter Moia die Zukunft – und hat den regulären Shuttle-Betrieb in Hannover offiziell gestartet. „Ride-Sharing“ heißt das Zauberwort, es geht um eine Art Sammeltaxi. Im Fokus stehen Menschen ohne eigenes Auto. Aber was tun auf dem Land?

Traditionell sagen Menschen dort: Ein eigenes Auto muss sein, sonst sieht es mit der Mobilität düster aus – wenn Busse höchstens alle zwei Stunden fahren. Zugleich sprechen Auto-Branchenexperten wie Stefan Bratzel von einem Paradigmenwechsel – Autokauf und -besitz sind dank Digitalisierung nur noch eine Option. Viele Anbieter tummeln sich in der Branche, Moia ist keineswegs allein. Nur auf dem Land ist davon wenig zu spüren.

An der Stelle kommt etwa der Ecobus in Bad Gandersheim – westlich des Harzes – ins Spiel. Dort testet das Göttinger Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation derzeit den Ecobus. Fünf Kleinbusse sind im Einsatz, die Fahrgäste können ihre Tour per App, Internet oder Telefon buchen. Ein von den Forschern entwickelter Algorithmus sorgt dafür, dass Fahrgäste mit ähnlichem Start und Ziel unterwegs aufgelesen werden, feste Fahrpläne oder Linien gibt es nicht. „In der Großstadt ist es relativ leicht, das kostendeckend zu machen“, sagt Ecobus-Projektleiter Stephan Herminghaus. Im ländlichen Raum sei es viel schwieriger – „geht aber auch“.



Mit dem Ecobus sei man im Gespräch mit anderen Betreibern, das Konzept sei „zusammen mit der öffentlichen Hand“ entwickelt worden. Die Kleinbusse seien Teil des öffentlichen Nahverkehrs – und der Tarif der gleiche wie im normalen Bus. Auch das Taxigewerbe habe „erstaunlich positiv“ reagiert, ist aber auch in die Ecobus-App eingebunden. Wem die Wartezeit auf den Kleinbus zu lange dauere, der könne mit der App auch ein Taxi bestellen.

In Hannover dagegen – und auch in Hamburg – hat die Taxibranche starke Vorbehalte gegen Moia. Die VW-Tochter machte jetzt in Hannover ernst. Nach dem Servicetest mit 3500 Nutzern sollen rund 15 000 zusätzliche Nutzer zugelassen werden. Ohnehin rüsten sich klassische Autobauer für den Kampf mit großen Fahrdienst-Plattformen wie Uber. Daimler mit Car2go und BMW mit DriveNow sind seit Jahren beim Carsharing die Platzhirsche in Deutschland. Und auch VW will nach Angaben von Marken-Vertriebschef Jürgen Stackmann in den Leih-Markt einsteigen.

Ende Juni hatte Moia in Hannover eine Konzession erhalten, die zunächst bis Sommer 2020 für 150 Fahrzeuge gilt. Fahrgäste können per App einen Kleinbus zu einer virtuellen Haltestelle in ihrer Nähe bestellen. Ein Algorithmus – ähnlich wie im Ecobus – sorgt dafür, dass Fahrgäste mit ähnlicher Route unterwegs abgeholt werden. In Hamburg startet Moia in den ersten Monaten 2019, die Konzession erlaubt dort 500 Fahrzeuge in den ersten beiden Jahren.

Indes gehört nach Einschätzung von Wolfgang Pettau, Geschäftsführer der Hallo Taxi 3811 GmbH in Hannover, nicht allein das Taxigewerbe zu den Leidtragenden neuer Angebote wie Moia. Er geht davon aus, dass viele bisherige Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs umsteigen werden. „Dann verstopfen die Straßen noch mehr“, warnt er. Denn zunächst bringe auch Moia vor allem zusätzliche Fahrzeuge auf die Straßen. Also ein privates Angebot auf Kosten des öffentlichen Nahverkehrs?

Moia-Chef Ole Harms weist das zurück. Moia werde beim Preis immer über dem öffentlichen Personennahverkehr liegen. Im Testbetrieb seien dagegen nur sechs Cent je Kilometer berechnet worden – „dann nutzt das jeder“. Es werde aber dauern, bis die Menschen davon überzeugt seien, dass neue Angebote Alternativen zum eigenen Auto sein können: „Die Verkehrswende ist ein zartes Pflänzchen.“ Und es lebe vom Zusammenspiel vieler Akteure. Harms betont, mit dem Taxigewerbe sei Moia im Austausch – das Segment mit seinen zwei bis drei Prozent Anteil am Verkehr sei auch nicht das Ziel: „Wer fährt schon mit dem Taxi zur Arbeit?“

Warum aber ist es so schwer, derartige Angebote auf dem Land zum Erfolg zu machen? Eine Herausforderung sei die geringe Bevölkerungsdichte, die Zahl der Anfragen je Quadratkilometer sei einfach zu gering, sagt der Experte. Das Projektteam spreche aber mit weiteren kommunalen Zweckverbänden.

Im Saarland ist derweil von Ecobus und Moia (noch) nicht die Rede – weder in der Stadt noch auf dem Land. Hier arbeitet die Landesregierung immerhin an einem neuen Personennahverkehrs-Entwicklungsplan, bei dem die Mobilität im ländlichen Raum Schwerpunkt sein soll, wie das saarländische Verkehrsministerium mitteilte. Noch aber wird erst einmal die Ausgangslage analysiert. Aus der Bevölkerung seien bisher rund 300 Einzelvorschläge zur Verbesserung des Nahverkehrs eingegangen. Auf Basis der Analyse und der Vorschläge soll dann eine neue Konzeption entwickelt werden, ließ das Ministerium wissen. Der Prozess, begleitet von einem Beirat, dem Verbände, Aufgabenträger, Verkehrsunternehmen, Kammern und Gewerkschaften angehören, habe jetzt im Sommer begonnen. Heißt also im Klartext: Bis ein tragfähiges Konzept entstanden ist, das dann auch umgesetzt werden kann, wird wohl noch einige Zeit ins Land gehen.

Indes sind laut Ministerium wohl auch im Saarland erste Pilotprojekte zur Verstärkung und Ergänzung des klassischen ÖPNVs in Planung. So etwa verschiedene Bürgerbus-Projekte. Im Landkreis St. Wendel wurde eine Vergünstigung des Seniorentickets im SaarVV umgesetzt, um die Mobilität älterer Menschen im ländlichen Raum zu fördern. Auch kündigte Verkehrsministerin Anke Rehlinger (SPD) an, einen neuen Pendler-Bus („Hochwald-Express“) zu prüfen, der von Wadern aus Saarbrücken ansteuern soll.

Könnte der Ecobus auch ein Erfolgsrezept für die Mobilität auf dem Land sein? Am Freitag beginnt ein Pilotversuch mit zehn Kleinbussen im Harz.
Könnte der Ecobus auch ein Erfolgsrezept für die Mobilität auf dem Land sein? Am Freitag beginnt ein Pilotversuch mit zehn Kleinbussen im Harz. FOTO: dpa / Swen Pförtner