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Reisen oder nicht reisen?
Nur Seehofer fährt nach Russland

Göttingen. Menschenrechtler sprechen sich gegen einen WM-Besuch deutscher Politiker aus.

Deutsche Politiker sollten nach Ansicht von Menschenrechtlern nicht zur Fußball-Weltmeisterschaft nach Russland reisen. Der russische Präsident Wladimir Putin wolle das Turnier nutzen, um sein im Ausland angeschlagenes Image aufzubessern, sagte gestern der Direktor der Gesellschaft für bedrohte Völker, Ulrich Delius. Doch wer Verbrechen gegen die Menschlichkeit begehe, „gehört vor den Internationalen Strafgerichtshof und nicht auf eine Ehrentribüne im Fußballstadium“.

„Wer sich mit Putin im Stadion zeigt, brüskiert die Opfer seiner Gewalt und fördert die Straflosigkeit in der Welt“, fügte Delius hinzu. Denn die implizite Botschaft sei, dass man ohne Folgen völkerrechtswidrig eine Region wie die Krim militärisch besetzen oder von seinen Soldaten eine Verkehrsmaschine mit 298 Passagieren abschießen lassen könne. Nach Erkenntnissen eines internationalen Expertenteams war das Flugzeug von Malaysia Airlines vor vier Jahren über der Ost-Ukraine von einer Rakete des russischen Militärs getroffen worden.

Von den Spitzenpolitikern in Deutschland hat bislang nur Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) Pläne für eine Reise zur Fußball-Weltmeisterschaft nach Russland. Der für Sport zuständige Ressortchef wolle sich ein Spiel der deutschen Nationalmannschaft ansehen, „wenn es mein Terminkalender zulässt“, sagte er der „Bild am Sonntag“. Seehofer regte an, sich ungeachtet aller politischen Probleme nun auf den Sport zu konzentrieren: Es sei „müßig, jetzt noch darüber zu diskutieren, ob die WM-Vergabe nach Russland richtig war“, sagte er. „Die WM findet statt, und Millionen von Fußball-Fans freuen sich darauf.“



Eine klare Absage erteilte dagegen Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU). Bislang keine Reisepläne haben außerdem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Außenminister Heiko Maas (SPD) und Vizekanzler Olaf Scholz (SPD), wie deren Sprecher der „Bild am Sonntag“ mitteilten. Offen ist zudem die Planung bei Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Eine Sprecherin sagte, über Reisepläne der Kanzlerin werde wie üblich in der Woche davor informiert: „So halten wir es auch in diesem Fall.“