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Für großes Angebot in Sachen Barrierefreiheit
Nationalpark Hunsrück-Hochwald erhält hohe Auszeichnung der Vereinten Nationen

Peter Musti, Beauftragter für Menschen mit Behinderung in der Verbandsgemeinde Konz, erkundet in einem Swiss-Trac, einem batteriebetriebenen Rollstuhl, den barrierefreien Naturerlebnisrundweg für Gehbehinderte im Nationalpark Hunsrück-Hochwald.
Peter Musti, Beauftragter für Menschen mit Behinderung in der Verbandsgemeinde Konz, erkundet in einem Swiss-Trac, einem batteriebetriebenen Rollstuhl, den barrierefreien Naturerlebnisrundweg für Gehbehinderte im Nationalpark Hunsrück-Hochwald. FOTO: Harald Tittel / dpa
Thranenweier. Für sein großes Angebot in Sachen Barrierefreiheit ist der Nationalpark Hunsrück-Hochwald von den Vereinten Nationen ausgezeichnet worden. Er ist der erste, der das Label „Soziale Natur – Natur für alle“ tragen darf.

Peter Musti liebt die Natur. „Ich habe schon als Kind sehr gerne und sehr viel im Wald gespielt“, erzählt er. Mit 14 Jahren aber bekam er Kinderlähmung – seitdem sitzt er im Rollstuhl. „Die große Sehnsucht, in die Wildnis zu gehen, ist immer noch da“, sagt der heute 71-Jährige aus Konz bei Trier. Dies sei aber auf vielen Wegen mit Behinderung unmöglich. Und: „Die Natur setzt einem auch Grenzen.“

Im Nationalpark Hunsrück-Hochwald hat er nun in Thranenweier im Kreis Birkenfeld einen „optimalen Weg“ gefunden, den er selbst mitentwickelt hat: Einen 1,7 Kilometer langen Naturerlebnisweg, der barrierefrei durch Orchideen- und Arnikawiesen führt. Und ganz neu über einen Steg oberhalb eines renaturiertes Moores. „Wir haben hier ein wunderschönes Beispiel, wie Inklusion vonstatten gehen kann“, sagt Musti, der sich dort ein Zuggerät mit Rollstuhl ausgeliehen hat – und damit eine leichte Steigung entspannt hochfahren kann.

Die barrierefreie „Inseltour“ ist eines von etlichen Angeboten, mit denen der Nationalpark Hunsrück-Hochwald Menschen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen in die Natur locken will. Zum Paket gehören auch Broschüren in Blindenschrift und leichter Sprache sowie Führungen in Gebärdensprache. Zwei Ranger haben die Gebärdensprache eigens erlernt. Und: Es gibt auch noch eine Audio-Tour für Blinde.



Für das alles ist der Park am gestrigen Donnerstag von den Vereinten Nationen als „Nationalpark für alle“ ausgezeichnet worden“: Und zwar im Rahmen des Sonderwettbewerbs „Soziale Natur – Natur für alle“ der UN-Dekade Biologische Vielfalt. Der Nationalpark Hunsrück-Hochwald ist der erste, der dieses Label bekommt. Er erstreckt sich zu rund 90 Prozent in Rheinland-Pfalz, etwa zehnProzent der insgesamt rund 10 000 Hektar liegen im Saarland.

„Es ist schon außergewöhnlich, dass ein Nationalpark sich Barrierefreiheit so klar und eindeutig auf die Fahnen schreibt“, sagt der Sprecher der UN-Dekade Biologische Vielfalt in Bonn. Und Volker Scherfose vom Bundesamt für Naturschutz betont: Die Umsetzung sei „in vorbildlicher Weise“ gelungen, auch weil man von Anfang an Betroffene und viele Partner mit ins Boot geholt habe.

„Natur soll für alle erlebbar und zugänglich sein“, sagt die rheinland-pfälzische Umweltministerin Ulrike Höfken (Grüne). Dieses Anliegen habe der Park seit seiner Gründung vor drei Jahren verfolgt. Und es gebe weitere Ideen: Geplant seien ein fassbares Relief vom Park für Blinde und Sehbehinderte, ein informelles Leitsystem zum Thema Moor und eine barrierefreie Geocaching-Tour.

Saarlands Umwelt-Staatssekretär Roland Krämer (SPD) sagte: „Der Nationalpark steht in einer besonderen Liga mit Wattenmeer und Yellowstone. Wir wollen aber nicht nur nach außen zeigen, was wir haben, sondern auch den Leuten, die hier wohnen.“ Thranenweier biete nun „ein Naturerlebnis für alle“.

Das sei auch wichtig, weil jeder gefragt sei im Bemühen um den Erhalt der biologischen Vielfalt, sagte Höfken. In Rheinland-Pfalz seien 50 Prozent der Brutvogelarten gefährdet. Scherfose betonte: „Wir müssen verstärkt aktiv werden, um unseren Nachfahren keine verödeten Landschaften zu hinterlassen.“ Es gebe bundesweit 33 000 Insektenarten: Dies seien rund 70 Prozent aller in Deutschland nachgewiesenen Tierarten. Es werde geschätzt, dass langfristig 45 Prozent der Arten rückläufig seien.

Annette Pauli aus Saarbrücken ist von dem Angebot im Nationalpark ebenfalls angetan. Sie fährt die Strecke in ihrem Rollstuhl mit Muskelkraft. „Es ist ein kleines großes Beispiel“, wie es gehen könne, sagte die 56-Jährige für die saarländische Landesvereinigung Selbsthilfe. Die „Inseltour“ dürfe aber keine Insel bleiben. Generell gebe es beim barrierefreien Tourismus noch „viel Nachholbedarf“, auch bei Hotels und in der Gastronomie.

Die Vereinten Nationen haben die Jahre 2011 bis 2020 zur UN-Dekade für biologische Vielfalt erklärt. Den Sonderwettbewerb „Soziale Natur“ gibt es erst seit dem vergangenen Jahr: Bislang wurden dabei weltweit rund 25 Projekte ausgezeichnet. Sie kombinieren das Bemühen um biologische Vielfalt mit sozialen Aspekten der Natur.