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Michael Bloomberg
Das große Warten auf „Mayor Mike“

Newburyport. Michael Bloomberg, Ex-Bürgermeister von New York, will das Feld der Demokraten von hinten aufrollen. Als echter Gegenentwurf zu Donald Trump. Von Frank Herrmann

Wie verkauft man Michael Bloomberg? Wie vermarktet man einen der reichsten Männer der Welt in einer Partei, durch die ein kräftiger Linksruck geht? Wie vermittelt man Arbeitern im Mittleren Westen, dass ein 60-Milliarden-Dollar-Mann genau der Richtige ist, um ihre Interessen zu vertreten?

Brainstorming in Newburyport, einer Küstenstadt nördlich von Boston. Eydie Silva, Kampagnen-Managerin im Bundesstaat Massachusetts, hat zur Bloomberg-Party geladen, im Haus eines Ehepaars, in dessen Vorgarten schon die passenden Poster in den Rasen gepflanzt sind – „Mike Bloomberg 2020“. An die 30 Gäste sind gekommen. Was sie eint, ist eine gewisse Verzweiflung. Keiner von denen, die nach den Vorwahlen in Iowa und New Hampshire das Bewerberfeld der Demokraten fürs Weiße Haus anführen, hat in ihren Augen das Zeug, im November gegen Donald Trump zu gewinnen. Bernie Sanders? Zu links. Pete Buttigieg? Zu unerfahren. Amy Klobuchar? Zu wenig bekannt. Nur Bloomberg, dem erfolgreichen Unternehmer und ehemaligen Bürgermeister New Yorks, trauen sie einen Sieg zu. Alle sind bereit, für ihn im Wahlkampf Klinken zu putzen. Nur, so fragt einer: „Mit welcher Botschaft gehen wir raus zu den Leuten?“

Ein Immobilienmakler ist aus Manhattan angereist, um die Werbetrommel zu rühren. Man könnte, sagt er, auf den Wiederaufbau von Ground Zero verweisen, auf die Skyscraper, die aus den Trümmern des 11. Septembers 2001 entstanden. Oder auf das Hochhaus­ensemble der Hudson Yards, das ehrgeizigste Städtebauprojekt, das in New York je in Angriff genommen wurde. Hat Bloomberg nicht in beiden Fällen die Weichen gestellt? Hürden aus dem Weg geräumt? Nägel mit Köpfen gemacht? Zweifelnde Blicke, der Vorschlag ist dann doch so immobilienspezifisch, dass sich Widerspruch regt.



Silva will eher den Menschen Bloomberg skizzieren, einen mit Ecken und Kanten, dessen Karriere nicht nur Höhen kannte. „Seht ihr, Mike wurde auch schon mal entlassen“, sagt sie, fast triumphierend, nachdem sie in die Runde gefragt hatte, wer schon einmal seinen Job verloren habe. Ehe er 1981 das Unternehmen gründete, mit dem er schließlich ein sagenhaftes Vermögen scheffelte, schied er im Streit von Salomon Brothers, der Investmentbank, für die er 13 Jahre gearbeitet hatte. Bevor er ein Computersystem entwickelte, das Finanzinformationen schneller und umfassender lieferte, als man es bis dahin gekannt hatte, wurde Bloomberg, wenn man so will, gekündigt, so wie es täglich Abertausenden von Amerikanern widerfährt. Und in Medford, Massachusetts, wo er in klassischem Mittelschichtenmilieu aufwuchs, nutzte er jede Gelegenheit, um in die nahegelegene Metropole Boston zu fahren, wo er im Museum of Science seinen Wissensdurst stillte. Weil einer wie er nicht vergisst, wem er seinen Aufstieg zu verdanken hat, spendete er dem Museum vor ein paar Jahren 50 Millionen Dollar.

Bloomberg, der Philanthrop. Der Selfmademan, der anders als Donald Trump kein dickes Konto erbte, und der Firmen, anders als Trump, nicht reihenweise in den Bankrott trieb. Mike Bloomberg, der personifizierte American Dream. So könnte man ihn den Leuten vielleicht schmackhaft machen, auch den Malochern im Mittleren Westen, meint Eydie Silva. Wie der 78-Jährige sich selber verkauft, sieht man am Ende jeder seiner Fernsehwerbespots, denen man kaum noch entgehen kann. Ob Waffengesetze, Klimaschutz oder eine Reform des Einwanderungsrechts, jedes Mal läuft es auf die Botschaft hinaus: „Mike will get it done“ – Mike wird es hinbekommen.

Erst im November warf er seinen Hut in den Ring. Joe Biden, wie Bloomberg ein Vertreter der pragmatischen Mitte, zeigte Zeichen von Schwäche, sodass er beschloss, es selbst zu versuchen. Zudem reizt ihn wohl das persönliche Duell gegen Trump, in dem er schon früher nur einen Aufschneider sah, nie einen seriösen Geschäftsmann.

Von 2002 bis 2013 war Bloomberg Rathauschef in New York. Er setzte ein Rauchverbot in Kneipen durch, ließ Fahrradwege anlegen und den Times Square mit seinem Reklame-Lichtermeer zu einer Fußgängerzone umbauen. Die Stadt wurde schöner, noch mehr zum Touristenmagneten, doch für Normalverdiener in etlichen Vierteln auch schlicht unbezahlbar. Während „Mayor Mike“ die Gentrifizierung feierte, vernachlässigte er den sozialen Wohnungsbau.

Kann also ein Multimilliardär, noch dazu früherer Republikaner, eine Partei überzeugen, an deren Basis Bernie Sanders‘ scharfe Polemik gegen kapitalistische Exzesse gerade bei jungen Mitgliedern und Sympathisanten ankommt? Er kann es, glaubt Thomas Friedman, einer der prominentesten Kolumnisten der New York Times. „Dieser Kandidat ist nicht knuddelig, er ist nicht immer politisch korrekt, er wird Ihnen nicht immer das sagen, was Sie hören wollen.“ Bloomberg habe gewiss Fehler gemacht, nur müsse man diese in die Gesamtbilanz eines Mannes einordnen, der zu zentralen Fragen mutig Stellung bezog und sich bei nahezu jedem progressiven Anliegen enorm engagierte, im Kampf gegen die Schusswaffen-Epidemie oder für die Bewahrung des Abtreibungsrechts, beim Klimawandel oder bei der Bildung.

Bloombergs wohl eklatanteste Schwachstelle hat mit einer Polizeitaktik zu tun, die man in New York „stop and frisk“ nennt: anhalten und filzen. Darunter ist zu verstehen, dass Passanten ohne konkrete Verdachtsmomente von Beamten gestoppt und durchsucht werden können, etwa nach Waffen. Als Bürgermeister übernahm Bloomberg das Konzept von Amtsvorgänger Rudolph Giuliani, ließ es noch intensiver anwenden. In der Praxis wurden junge Afroamerikaner und Latinos sehr viel öfter kontrolliert als junge Weiße. „Racial profiling!“, protestierten Bürgerrechtler. Und noch lange nachdem Bloomberg seinen Schreibtisch im Rathaus geräumt hatte, ließ er keinerlei Lerneffekte erkennen. Erst jetzt tauchte der Mitschnitt einer Wortmeldung auf, mit der er das Vorgehen noch 2015 in vertraulicher Runde ohne Wenn und Aber verteidigte. Auf Morde, Mörder und Mordopfer passe zu 95 Prozent das gleiche Profil, sagte er damals. „Nehmen Sie die Beschreibung, kopieren Sie sie und verteilen Sie sie an alle Cops: männlich, ethnische Minderheit, sechzehn bis fünfundzwanzig.“ Waffen nehme man den Kids am besten ab, fügte er salopp hinzu, indem man die Kids „gegen eine Wand“ werfe, um sie zu filzen.

Das Kapitel hängt nun wie ein Klotz an seinem Bein. Bloomberg hat seine Kandidatur zu spät verkündet, um bei den ersten beiden Vorwahlen in Iowa und New Hampshire an den Start gehen zu können. Auch in Nevada an diesem Samstag und South Carolina eine Woche später glänzt er durch Abwesenheit. Wohl aber will er diesen Mittwoch erstmals in Las Vegas bei einer Fernsehdebatte mit seinen Konkurrenten bei den Demokraten auf einer Bühne stehen. Richtig steigt er dann erst ein, wenn am „Super Tuesday“ am 3. März rund 40 Prozent der Delegiertenmandate für den Nominierungsparteitag vergeben werden. Dann sind Schwergewichte wie Kalifornien und Texas dran, in denen ethnische Minderheiten einen großen Teil der demokratischen Parteibasis bilden. Dort kann ihn die Causa „stop and frisk“ viel Zuspruch kosten. Gerade dann, wenn er hofft, in Schwung zu kommen, um das Feld von hinten aufzurollen.

Bloomberg weiß das, schon im November hat er sich dafür entschuldigt, nun brach er demonstrativ auf zu einer Art Versöhnungstour. Durch Detroit, Philadelphia, Compton im Ballungsraum von L.A., in Städte mit hohem afroamerikanischem Bevölkerungsanteil. Er habe zu spät begriffen, sagte er, wie das Vorgehen der Polizei auf Menschen mit dunkler Haut gewirkt haben müsse. „Ich bedauere das. Ich übernehme die Verantwortung dafür.“