| 23:56 Uhr

Nach der Erdogan-Affäre
Mesut Özil bricht sein Schweigen — und tritt im Zorn zurück

Bild des Anstoßes: Im Mai ließ sich Mesut Özil mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan fotografieren. Dann schwieg er lange. Bis gestern.
Bild des Anstoßes: Im Mai ließ sich Mesut Özil mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan fotografieren. Dann schwieg er lange. Bis gestern. FOTO: dpa / Uncredited
Berlin. Der Fußball-Nationalspieler zieht die Konsequenzen aus der Affäre um die Erdogan-Fotos. Zum Abschied wählt der 29-Jährige klare Worte der Kritik. Von Christian Hollmann und Martin Beils

Im Zorn kehrt Fußball-Nationalspieler Mesut Özil der deutschen Elf den Rücken. Tief verletzt brach der 29-Jährige gestern sein wochenlanges Schweigen und wehrte sich gegen seine Rolle als WM-Sündenbock in der seit Mai schwelenden Affäre um die Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Seine dreiteilige Erklärung gipfelte am Abend in einer persönlichen Attacke gegen DFB-Chef Reinhard Grindel und seinem Rücktritt aus dem DFB-Team, für das Özil als einer der Lieblingsschüler von Bundestrainer Joachim Löw bis zum verkorksten WM-Sommer 2018 insgesamt 92 Länderspiele bestritten hatte.

„Mit schwerem Herzen und nach langer Überlegung werde ich wegen der jüngsten Ereignisse nicht mehr für Deutschland auf internationaler Ebene spielen, so lange ich dieses Gefühl von Rassismus und Res­pektlosigkeit verspüre“, schrieb Özil. Er fühle sich vom Deutschen Fußball-Bund und vor allem dessen Präsident Grindel schlecht behandelt. „Ich werde nicht länger als Sündenbock dienen für seine Inkompetenz und seine Unfähigkeit, seinen Job ordentlich zu erledigen“, betonte Özil. Zuvor hatte der Spielmacher des FC Arsenal seine Bilder mit dem umstrittenen Staatschef wortreich verteidigt und politische Absichten bestritten. Zudem griff Özil deutsche Medien und Sponsoren-Partner scharf wegen ihres Verhaltens an. Eine Zukunft in der DFB-Auswahl, die einst als Vorbild für die Integration von Migranten-Kindern stand und nun ins Zentrum einer teils fremdenfeindlichen Debatte geraten ist, schien schon bei diesen Worten fraglich. Am Abend zog Özil dann im letzten Teil seiner schriftlichen Äußerungen den Schlussstrich unter seine DFB-Karriere.

Das Treffen mit Erdogan in London, an dem auch DFB-Kollege Ilkay Gündogan teilnahm, bereut Özil nicht. „Was auch immer der Ausgang der vorangegangenen Wahl gewesen wäre oder auch der Wahl zuvor, ich hätte dieses Foto gemacht“, schrieb Özil. „Ein Foto mit Präsident Erdogan zu machen, hatte für mich nichts mit Politik oder Wahlen zu tun, es war aus Respekt vor dem höchsten Amt des Landes meiner Familie.“ Kritiker sahen die Fotos als Wahlhilfe für Erdogan. Özil verwies hingegen auf seine türkischen Wurzeln: Sich nicht mit Erdogan zu treffen, hätte bedeutet, diese Wurzeln nicht zu respektieren, unabhängig davon, wer Präsident sei. Im Gespräch mit Erdogan sei es um Fußball gegangen, nicht um Politik. Mit Erdogan habe er sich erstmals 2010 getroffen, bei dessen Besuch eines Länderspiels zwischen Deutschland und der Türkei in Berlin.



Die Affäre um die Fotos hatte die WM-Vorbereitung der Nationalmannschaft überschattet und war auch während des Turniers in Russland ein Störfaktor. Nach dem erstmaligen Aus des DFB-Teams in einer WM-Vorrunde hatten Teammanager Oliver Bierhoff und DFB-Chef Grindel gefordert, Özil solle sich öffentlich erklären. Beiden wurde daraufhin vorgeworfen, sie würden den 29-Jährigen zum Buhmann machen. „Ich fühle mich ungewollt und denke, dass das, was ich seit meinem Länderspiel-Debüt 2009 erreicht habe, vergessen ist“, schrieb Özil.

Die Debatte um die Erdogan-Fotos ging jedoch weit über den Fußball hinaus. Die Diskussion um Integration und Fremdenhass wurde immer schärfer. „Ich bin Deutscher, wenn wir gewinnen, und ein Immigrant, wenn wir verlieren“, beschrieb Özil seine Situation und berichtete von Hass-Mails und Drohungen gegen seine Familie und ihn. Auch warf er „bestimmten deutschen Zeitungen“ rechte Propaganda vor, „um ihre politischen Interessen voranzutreiben“. Er sei enttäuscht über die „Doppelmoral“ in der Berichterstattung und verwies auf ein ebenfalls umstrittenes Treffen von Lothar Matthäus mit Kremlchef Wladimir Putin. Kurz nach Auftauchen der Fotos waren Özil und Gündogan sogar zu einem Gespräch bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu Gast. Während Gündogan sich noch vor der Weltmeisterschaft äußerte und versicherte, es habe sich nicht um „ein politisches Statement“ gehandelt, schwieg Özil über Wochen. Bis gestern.