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Merkels heikle MissionDer Sportplatz als politische Bühne

Mit einem EM-Boykott könnte Angela Merkel ein Zeichen setzen, würde aber auch politische Risiken eingehen. Foto: Archiv/dpa
Mit einem EM-Boykott könnte Angela Merkel ein Zeichen setzen, würde aber auch politische Risiken eingehen. Foto: Archiv/dpa
Berlin. Das britische Bonmot vom Fußball, der wichtiger sei als Leben und Tod, erfährt in der Ukraine derzeit eine absonderliche Bestätigung. Die im Gefängnis schwer erkrankte Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko spielt vor der Fußball-Europameisterschaft mit einem Hungerstreik ihre vielleicht letzte Trumpfkarte aus Von dpa-Mitarbeiter Stefan Voß

Berlin. Das britische Bonmot vom Fußball, der wichtiger sei als Leben und Tod, erfährt in der Ukraine derzeit eine absonderliche Bestätigung. Die im Gefängnis schwer erkrankte Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko spielt vor der Fußball-Europameisterschaft mit einem Hungerstreik ihre vielleicht letzte Trumpfkarte aus.Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat klar gemacht, dass sie eine Behandlung der 51-jährigen Timoschenko in Deutschland für ratsam hält. Für den Fall, dass die ukrainische Regierung unnachgiebig bleibt, steht die Drohung eines Politiker-Boykotts bei den EM-Spielen in der Ukraine im Raum. Allerdings hält das Schicksal der ebenso charismatischen wie exzentrischen Oppositionsführerin Timoschenko auch für die Bundesregierung Fallstricke parat, sollte die Ikone der Orangenen Revolution doch noch nach Deutschland ausreisen dürfen.

Präsident Viktor Janukowitsch muss handeln, wenn er ein diplomatisches Fiasko zur Europameisterschaft verhindern will. Als einfachste Lösung erscheint der Vorschlag aus Deutschland, Timoschenko ausreisen und sie in Berlin durch ihre Vertrauensärzte an der Charité behandeln zu lassen. Doch dann muss Janukowitsch fürchten, dass Timoschenko postwendend eine neue Runde im ukrainischen Machtkampf einläutet.

Sollte Timoschenko in Berlin schnell wieder gesunden, dürfte sie von dort aus zum Gegenangriff blasen - rechtzeitig zur ukrainischen Parlamentswahl im kommenden Herbst. Für die Bundesregierung könnte ein solches Spektakel Timoschenkos unangenehm werden. Deren politisches Koordinatensystem kennt nur Freunde und Feinde. Berüchtigt sind bis heute ihre Versuche, im internen Machtkampf mit dem Weggefährten Viktor Juschtschenko westliche Verbündete vor den eigenen Karren zu spannen.



Bereits früher hatte es die Vollblut-Politikerin mit dem auffälligen Haarkranz verstanden, sich als "Jeanne d'Arc" der Ukraine zu inszenieren. So schwor sie bereits vor zehn Jahren nach der Freilassung aus einer Untersuchungshaft ganz in Weiß gekleidet ihren politischen Gegnern Rache.

Im ukrainischen Machtkampf ging es schon immer um Leben und Tod. Der spätere Präsident Viktor Juschtschenko überlebte im Wahlkampf 2004 einen Dioxin-Giftanschlag, sein Gesicht blieb auf Jahre entstellt. Der regierungskritische Politikjournalist Georgi Gongadse wurde 2000 ermordet, ein tatverdächtiger Innenminister Jahre später mit tödlichen Schussverletzungen aufgefunden.

Sie habe Todesangst, bekannte Julia Timoschenko kürzlich in Haft. Jüngste Fotos zeigen sie mit Prellungen, die ihr Wachbeamte zugefügt haben sollen. Timoschenkos Familie spricht von Folter. Seit dem 20. April befindet sich die Politikerin im Hungerstreik. Die Inszenierung und das Ausschmücken der eigenen Lage gehörten zwar immer auch zur politischen Dramaturgie Timoschenkos. Deutsche Mediziner bescheinigen ihr aber tatsächlich ein schweres Rückenleiden.

Die Sorge um die Gesundheit Timoschenkos ist im Westen entsprechend groß. In Deutschland geht die Empörung quer durch alle Parteien. Kanzlerin Merkel setzt sich seit Monaten für eine Freilassung der wegen umstrittener Gasgeschäfte mit Russland verurteilten Politikerin ein. Sollte Timoschenko nicht bis zum EM-Start am 8. Juni freikommen, will Merkel nach Informationen des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" ihren Ministern empfehlen, den Spielen in der Ukraine fernzubleiben.

Als einzige Ausnahme könnte der für Sport zuständige Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) in die Industriestadt Charkow reisen, zum Spiel Deutschland gegen die Niederlande. Friedrich hatte bereits zur Bedingung gemacht, dass er dann auch die in Charkow inhaftierte Timoschenko besuchen darf.

Sollte Timoschenko ihren Hungerstreik durchhalten, dürfte es schwer vorstellbar sein, dass ein deutsches Regierungsmitglied die mit dem Tod ringende Timoschenko hinter Gittern besucht - und ein paar Kilometer weiter der deutschen Nationalmannschaft im Stadion zujubelt. Berlin. Nazi-Diktator Adolf Hitler missbrauchte die Olympischen Spiele 1936 zu Propagandazwecken, 2008 wurde Olympia in Peking zur Plattform für Proteste gegen die Menschenrechtslage. Und jetzt lenkt die Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine die Aufmerksamkeit auf den Umgang mit Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko. "Sport ist die wahrscheinlich größte Kommunikationsplattform der Welt", sagt der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Thomas Bach. Schon bei den "Olympischen Zwischenspielen" 1906 schwenkte der Weitspringer Peter O'Connor die irische Flagge, um für die Unabhängigkeit seines Landes von Großbritannien zu demonstrieren. Mit der Verbreitung von Radio und Fernsehen stiegen die Möglichkeiten, mit Protestaktionen Wirkung zu erreichen. 1968 nutzte die US-Bürgerrechtsbewegung die Olympischen Spiele in Mexiko, um gegen Rassendiskriminierung zu demonstrieren. Die schwarzen 200-Meter-Läufer Tommie Smith und John Carlos, die Gold und Bronze gewannen, reckten auf dem Podest ihre in schwarze Handschuhe gehüllten Fäuste in die Luft - Symbol der "Black Power"-Bewegung.

"Die Wirksamkeit solcher Aktionen war unterschiedlich, ist aber insgesamt als beträchtlich bis stark zu werten", sagt der Sportpolitik-Professor Jürgen Mittag. Kaum zu unterschätzen sei etwa der Ausschluss Südafrikas von internationalen Sportveranstaltungen während des Apartheid-Regimes. "Es ist dadurch bisweilen mehr Druck auf Südafrika ausgeübt worden als durch sämtliche Wirtschaftssanktionen."

Der Sport beobachtet Vereinnahmungsversuche der Politik skeptisch. "Der Sport darf nicht zum Knüppel der Politik werden", sagt DOSB-Präsident Bach. "Wenn der Sport in politischen und Menschenrechts-Fragen nachhaltig positiv wirken will, muss er politisch neutral, aber nicht apolitisch handeln." Die Timoschenko-Debatte begrüßt Bach. Man dürfe den Sport aber nicht überfordern: "Der Sport ist nicht in der Lage, für die Einhaltung und Umsetzung der Charta der Vereinten Nationen zu sorgen." dpa

Meinung

Sport macht

Politik

Von SZ-RedakteurGregor Haschnik

Dass Sport politisch neutral sein soll, ist eine verantwortungslose und doppelzüngige Floskel. Schließlich betonen Politiker und Funktionäre, dass Sport Völker verbinde und Verantwortungsbewusstsein lehre. Daher wäre es richtig, wenn die deutsche Polit-Prominenz der EM in der Ukraine fernbliebe und so die Inszenierung des Regimes Janukowitsch blasser wirkte. Bei den sport-politischen Sanktionen ist aber Augenmaß gefragt. Falsch wäre die Verlegung von EM-Spielen. Das Turnier bietet Zugang zur Ukraine und die Chance, Missstände medienwirksam zu benennen. Dies ist auch Aufgabe der Spieler - die bei der Selbstvermarktung oft ihren Einfallsreichtum unter Beweis stellen. Doch die Kraft sport-politischer Symbole hat Grenzen. Weiter reichende Konsequenzen müsste die Politik ziehen.

Die Blutergüsse auf Timoschenkos Bauch sollen der inhaftierten Politikerin von Wachbeamten zugefügt worden sein. Foto: dpa
Die Blutergüsse auf Timoschenkos Bauch sollen der inhaftierten Politikerin von Wachbeamten zugefügt worden sein. Foto: dpa
Mit einem EM-Boykott könnte Angela Merkel ein Zeichen setzen, würde aber auch politische Risiken eingehen. Foto: Archiv/dpa
Mit einem EM-Boykott könnte Angela Merkel ein Zeichen setzen, würde aber auch politische Risiken eingehen. Foto: Archiv/dpa
Die Blutergüsse auf Timoschenkos Bauch sollen der inhaftierten Politikerin von Wachbeamten zugefügt worden sein. Foto: dpa
Die Blutergüsse auf Timoschenkos Bauch sollen der inhaftierten Politikerin von Wachbeamten zugefügt worden sein. Foto: dpa