| 23:52 Uhr

„Eine ernste Situation“
Merkel kritisiert US-Strafzölle auf Stahlimporte

München/Washington. Die EU will im Handelsstreit mit den USA vor die Welthandelsorganisation WTO ziehen. Die Kanzlerin spricht von einer „ernsten Situation“.

(dpa/afp) Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sieht die von US-Präsident Donald Trump verhängten Strafzölle auf Stahl und Aluminium „mit Sorge“ und spricht von einer „ernsten Situation“. Die Bundesregierung unterstütze die EU-Kommission dabei, sich in dem Streit an die Welthandelsorganisation (WTO) zu wenden, aber auch den Dialog zu suchen, sagte Merkel am Freitag in München nach einem Treffen mit Spitzenvertretern der deutschen Wirtschaft. Die Bundeskanzlerin betonte aber auch, dass „wir unsere eigenen Interessen schützen müssen“.

Trump hatte am Donnerstagabend mit seiner Unterschrift verfügt, dass in 15 Tagen Zölle von 25 Prozent auf Stahl und zehn Prozent auf Aluminium in Kraft treten sollen. Ausnahmen könnte es nur für Kanada und Mexiko geben. Trump bezeichnete die Zölle als notwendige Maßnahme zum Schutz von Jobs und Unternehmen in den USA. Er sagte, die Zölle sollten die „nationale Sicherheit“ der Vereinigten Staaten verteidigen.

Die Europäische Union will in dem Handelsstreit mit einer Beschwerde vor die Welthandelsorganisation WTO ziehen. Dazu habe die EU nun 90 Tage Zeit, erläuterte Handelskommissarin Cecilia Malmström. In diesem Zeitraum könnte auch über Vergeltungszölle, etwa auf Whiskey, Erdnussbutter und Maisprodukte, entschieden werden. „Wir hoffen, das wird nicht nötig“, sagte Malmström weiter. Die Kommissarin will sich an diesem Samstag mit dem US-Handelsbeauftragten Robert Lighthizer treffen.



Deutsche Hersteller wären von US-Zöllen auf Stahl zunächst allerdings kaum direkt betroffen. Im vergangenen Jahr wurden lediglich rund eine Million Tonnen Walzstahlerzeugnisse aus Deutschland in die USA geliefert – die deutsche Gesamtproduktion lag bei mehr als 40 Millionen Tonnen. Branchenprimus Thyssen-Krupp lieferte von der einen Million Tonnen in die USA etwa 400 000 bis 500 000 Tonnen. Dabei handelte es sich vor allem um Spezialstähle etwa für die Automobilindustrie, die laut Branchenkennern in den USA vermutlich nur schwer zu ersetzen sind.

Als weit gravierender sehen die Hersteller, dass wegen der künftigen höheren US-Zölle günstiger Stahl etwa aus China in den nicht durch generelle Importzölle abgeschotteten EU-Markt umgelenkt werden und dort für Stahlüberkapazitäten sorgen könnte.

Die von Trump verhängten Strafzölle sind kein Novum. 2002 erließ der damalige US-Präsident George W. Bush Aufschläge zwischen acht und 30 Prozent auf Stahl- und Aluminiumimporte, um den maroden Stahlsektor der insgesamt schwächelnden US-Industrie zu schützen. Zwei Drittel der Stahlexporte der EU-Länder in die USA waren davon betroffen.