| 22:44 Uhr

Interview mit Klaus Töpfer
„Man muss immer zu seiner Überzeugung stehen“

Klaus Töpfer hat mit 80 Jahren noch einmal ein Unternehmen gegründet, um seinem Hauptanliegen ein Stück weit näher zu kommen: einer saubereren Umwelt.
Klaus Töpfer hat mit 80 Jahren noch einmal ein Unternehmen gegründet, um seinem Hauptanliegen ein Stück weit näher zu kommen: einer saubereren Umwelt. FOTO: Thomas Sponticcia
Berlin. Zum 80. Geburtstag am 29. Juli spricht der Ex-Umweltminister über glaubwürdige Politik, Afrika, die Umwelt und Spuren in der Region. Von Thomas Sponticcia

Einen Termin bei Klaus Töpfer zu bekommen, grenzt an ein kleines Wunder. Der frühere CDU-Bundesminister, der jetzt 80 wird, hat gerade ein kleines Unternehmen in Berlin mitgegründet, das umweltfreundliche Technologien erforscht. Die Hilfe für Afrika, wo er für die UN tätig war, bleibt ihm ein Herzensanliegen. Er engagiert sich in vielen Gremien im In- und Ausland, auch im Auftrag der Bundesregierung. Im Interview blickt er auf ein bewegtes Leben zurück, in dem er auch in Rheinland-Pfalz und im Saarland Spuren hinterlassen hat.

Herr Töpfer, Sie werden diesen Sonntag 80. Während andere ihren Lebensabend genießen, haben Sie ein Unternehmen gegründet.

TÖPFER Arbeit und Lebensfreude schließen sich doch nicht aus. Ich bin halt immer noch neugierig. Es gibt noch so viel zu tun für eine lebenswertere Umwelt und ein friedlicheres Zusammenleben.



Sie sind immer noch oft unterwegs. Was sagt Ihre Familie dazu?

TÖPFER Familie ist mir außerordentlich wichtig. Meine Frau begleitet mich auf vielen Reisen. Ich bin ihr und unseren Kindern sehr dankbar, dass sie mich als einen so außerhäusigen, quirligen Menschen ertragen. Wir machen mit der Familie Sommerurlaub, verbringen viele Wochenenden zusammen. Meine Frau engagiert sich ehrenamtlich, hat Unicef mit gegründet und unterrichtet Flüchtlinge als ehemalige Lehrerin. Ich selbst bin geschichtlich sehr interessiert und spiele Skat.

Ihr neues Unternehmen beschäftigt sich wieder mit der Umwelt.

TÖPFER Zum Beispiel mit Böden. Wir brauchen bessere Methoden, Böden zu bewirtschaften und sie nicht zu zerstören. Jährlich gehen weltweit Milliarden Tonnen verloren. Das ist dramatisch, denn Böden erneuern sich erst innerhalb von 1000 Jahren. Wir brauchen bodensparende Technologien und müssen mehr Produkte mit sehr wenig oder ohne Böden erzeugen. Wir beschäftigen uns auch mit umweltfreundlicher Energie. Gerade koordiniere ich im Auftrag der Bundesregierung in einer Schlichtung Details der Stromversorgung zwischen Serbien und Kosovo. Und wir suchen nach besseren Wegen der Nahrungsmittelversorgung. Neun Milliarden Menschen brauchen Essen, Energie und Arbeitsplätze.

Welches Thema beschäftigt Sie besonders?

TÖPFER In Afrika haben nicht einmal zehn Prozent der Menschen Zugang zu einer gesicherten Energieversorgung. Die ist am wichtigsten für wirtschaftlichen Aufschwung und soziale Stabilität. Wir Europäer müssen jetzt endlich Afrika helfen, auf die Beine zu kommen. Dazu gehören wettbewerbsfähige Technologien, etwa in der Landwirtschaft und im Handwerk. Das bringt mehr Nahrungsmittel, bekämpft Hunger, schafft Arbeitsplätze und hilft, dass die Menschen besser leben können. Wir müssen den Aufbau von Unternehmen in Afrika unterstützen, die das produzieren, was dort gebraucht wird. Der Kontinent braucht mehr erneuerbare Energien, Bildung, Ausbildung und eine leistungsfähige Infrastruktur. All das bekämpft Fluchtursachen. Ich bin entsetzt darüber, dass wir in Deutschland nur noch von und über Flüchtlinge reden statt uns zu fragen, wie wir vor Ort helfen und Fluchtursachen beseitigen können.

Die Ausgaben für Entwicklungspolitik im Bundeshaushalt sind sehr bescheiden. Muss man angesichts des riesigen Flüchtlingsproblems nicht andere Prioritäten setzen?

TÖPFER Mich schockiert, dass weltweit nicht mehr abgerüstet wird. Im Gegenteil: Jetzt startet, ausgelöst vom amerikanischen Präsidenten Donald Trump, schon wieder ein Rüstungswettlauf.

Sie waren im Auftrag der Vereinten Nationen lange Zeit in Afrika. Ihr Weg dorthin führte weg von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU), der auf Kritik stets allergisch reagierte und mit dem Sie immer wieder aneinandergeraten sind.

TÖPFER Im Nachhinein betrachtet haben mir die Konflikte mit Kohl sogar genutzt. Das Positive an Veränderungen sieht man oft erst später. Afrika hat mein Leben und meinen Blick auf das Wesentliche so stark geprägt wie nichts zuvor.

Was hat diese Erfahrung ausgelöst?

TÖPFER Ich habe gesehen, welche Folgen unser Lebensstil in Europa auf Menschen in den so genannten Entwicklungsländern hat. Solche, die fast nichts haben. Ich habe Kinder gesehen, die auf Müllkippen ihre Gesundheit ruinieren, um irgendwas zu finden, was man noch verwerten kann. Solch ein Elend vergesse ich nicht.

Wie wichtig sind in Zeiten unberechenbarer Präsidenten wie Trump und Putin verlässliche Persönlichkeiten mit einer klaren Haltung?

TÖPFER Wichtiger denn je. Die Demokratie lebt von dieser Stärke. Deshalb halte ich es für zwingend, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel zu ihrer Überzeugung steht und keinen Kompromiss macht im Hinblick auf Europa und die Flüchtlinge.

Das hätte sie aber beinahe schon ihr Amt gekostet.

TÖPFER Man muss immer zu seiner Überzeugung stehen. Das hat auch Gerhard Schröder mit seinen Hartz-Reformen bewiesen, zuvor schon Helmut Schmidt mit seiner eindeutigen Haltung zur Nachrüstung. Er hielt sie Anfang der 80er Jahre für richtig, während Zehntausende gegen ihn und den Nato-Doppelbeschluss protestiert haben. Natürlich kann man dann sagen, das ruiniert seine Partei, aber Schmidt hielt die Nachrüstung damals für unausweichlich. Da ging es um Grundsätzliches und er legte sich auch mit seiner Partei an.

Was ihm das Ende seiner Kanzlerschaft einbrachte. Auch Schröder ist am Ende gescheitert.

TÖPFER Es geht darum, glaubwürdig zu bleiben und sagen zu können: Das war es wert. Bemerkenswert ist doch, dass bis heute kein Kanzler durch die Opposition zu Fall gebracht wurde, sondern immer durch die eigene Partei. Die Gegner sind im eigenen Umfeld zu suchen. Deshalb muss man vor allem in der eigenen Partei um Verständnis für das werben, was man tut. Gelingt das nicht, droht der Verlust des Amtes. Aber selbst dann darf ich keine Kompromisse machen, die ich selbst für falsch halte.

Sie haben zweimal auch an der Saar Akzente gesetzt. Wie kam es dazu?

TÖPFER Anfang der 70er Jahre hat mich Franz Josef Röder in den Planungsstab der Staatskanzlei geholt wegen Planungen des Saar-Pfalz-Kanals als Wasserstraßenanschluss für das Saarland. Ich machte eine Kosten-Nutzen-Analyse.

Was war Ministerpräsident Franz Josef Röder für ein Mensch?

TÖPFER Für mich war er eine ganz wichtige Persönlichkeit, ein Vollblutpolitiker, sehr klug und ein Grand Seigneur mit klaren Prinzipien. Er war gnadenlos ehrlich, auch mir gegenüber. Das habe ich so manches Mal zu spüren bekommen.

Verraten Sie uns ein Beispiel.

TÖPFER Ich sollte für ihn einen Redeentwurf zum Barbaratag der Bergleute schreiben. Ich habe, wie ich meinte, so richtig viel Herzblut reingelegt. Keine halbe Stunde, nachdem ich den Entwurf abgeliefert hatte, klingelte das Telefon: Töpfer zum Ministerpräsidenten! Ich kann Ihnen sagen: Der hat mich auseinandergenommen, meine Rede zerpflückt, Satz für Satz. Ich hatte einen Wortschatz reingebracht, der zur Realität der Bergleute und ihrer Sprache nicht passte. Röder sagte, Sie können da keine langen Sätze mit Komma und Zwischensätzen reinbringen. Eine kurze Rede hat kein Komma. Sie müssen so formulieren, dass die Menschen Sie verstehen und das Gefühl haben: Der versteht uns. Das fehlte bei mir. Als Konsequenz musste ich Röder zu jeder öffentlichen Rede begleiten. Ich saß in der letzten Reihe und hörte genau zu. So hat er mich in seiner Art „erzogen“, eben so wie ein Oberstudiendirektor, der er zuvor war. Röder hat mir beigebracht, wie man redet und Reden schreibt.

Sie verließen dann das Saarland nach Hannover, wurden später Staatssekretär in Rheinland-Pfalz unter Ministerpräsident Bernhard Vogel und kehrten Ende der achtziger Jahre noch einmal ins Saarland zurück. Als CDU-Landesvorsitzender sollten Sie den damals übermächtigen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine in der Landtagswahl besiegen.

TÖPFER Diese Zeit war ein sehr schwieriges Kapitel. Nach dem plötzlichen Tod von Werner Scherer stand die CDU ohne Führung da. Es gab viele junge, hoffnungsvolle Talente wie Peter Jacoby, Peter Müller, Hans Ley, Klaus Bouillon und Karl Rauber, aber keine Führungsfigur. Oskar Lafontaine stieg immer weiter auf, auch bundespolitisch, und wir hatten die Wahl verloren. Eine Gruppe unter Führung des ehemaligen Wirtschaftsministers Manfred Schäfer, auch Peter Jacoby war dabei, trat an Helmut Kohl heran und sagte: Sie müssen uns helfen. Überzeugen Sie den Töpfer. Und Kohl hat dann im Gespräch zu mir gesagt: Meister Töpfer, da gehst Du hin!

Als CDU-Landesvorsitzender haben Sie die Kraft Ihres Gegners Lafontaine zu spüren bekommen. Er beherrschte damals die Massen.

TÖPFER Nur Fantasten konnten glauben, dass ich an die Saar komme, und das Ruder wendet sich. Uns allen war klar, dass es darum gehen würde, die CDU zu stabilisieren und ihr neues Profil zu verleihen. Wir mussten diese neue Politiker-Generation Profil gewinnen lassen und starteten zur Aufholjagd auf die SPD-geführte Landesregierung. Ich habe auch Lafontaine als einen Vollblutpolitiker mit viel Substanz erlebt, eine Substanz, die ich nicht akzeptierte. Wer ihn nur oberflächlich betrachtete, der irrte sich in ihm. Er hat klare Überzeugungen, zu denen er heute noch steht. Wir haben voreinander Respekt. Damals waren wir jedoch in heftige politische und oft auch persönliche Konflikte verstrickt.

Was für Konflikte?

TÖPFER Es ging schon in den 90er Jahren um die Frage: Brauchen wir noch Bergbau? Ich sehe mich heute noch mit Lafontaine auf dem Ludwigsplatz stehen inmitten einer Demonstration von 15 000 Bergleuten mit ihren Familien. Zum Entsetzen meiner Parteifreunde habe ich gesagt: Wir müssen uns fragen, wie lange wir noch Kohle fördern werden. Es war zu erwarten, dass diese Position keine Zustimmung findet. Aber ich kann nicht das Gegenteil sagen, nur weil ich Beifall will. Politik kann sich nicht darin erschöpfen zu fordern: Sagt, was Ihr wollt, und ich mache es zu meiner Politik.

Die CDU holte auf, aber Sie konnten Lafontaine nicht ablösen, übergaben auch nach internen Diskussionen an Peter Müller.

TÖPFER Wir haben in meiner Zeit die Partei stabilisiert und aufgeholt. Wir waren schon sehr nah dran, die Mehrheit zu knacken. Später ist Peter Müller Ministerpräsident geworden. Ich bin überzeugt, dass Klugheit auch darin bestehen kann, zu wissen, wann man aufhört. Man muss in die Partei hineinhorchen, die Meinungsbildung erkennen und die Frage in den Vordergrund stellen: Wie geht es jetzt weiter?

Fiel Ihnen der Verzicht schwer?

TÖPFER Natürlich.

Das Saarland ist heute in Berlin stark vertreten wie nie zuvor mit Peter Altmaier, Heiko Maas und Annegret Kramp-Karrenbauer. Kann sie auch Kanzlerin?

TÖPFER Ich konnte Annegret Kramp-Karrenbauer am Anfang ihrer Karriere begleiten, stellte sie für eine Halbtagsbeschäftigung in der Landesgeschäftsstelle der CDU in Saarbrücken ein. Karl Rauber war damals Landesgeschäftsführer der CDU, eine organisationstarke Persönlichkeit und ein guter Freund. Ich halte Kramp-Karrenbauer für eine sehr kluge Frau. Mir imponiert an ihr die Fähigkeit, nicht zu sagen, ich will das werden, sondern da zu sein, wenn und wo man sie braucht. Das macht ihre besondere Qualität aus. Ich habe sehr großen Respekt vor ihr, weil sie eine echte Bescheidenheit verkörpert. Diese ist die Voraussetzung für ein Vorankommen. Annegret ist da, wenn sie gebraucht wird. Sie ist ihren jeweils neuen Herausforderungen gerecht geworden. So „konnte“ sie auch Ministerpräsidentin, stand in der Nachfolge von Peter Müller, ebenfalls erfolgreich, aber ein völlig anderer Typ. Sollte die Aufgabe an sie herangetragen werden, Bundeskanzlerin zu werden, wird sie das mit der gleichen Grundhaltung tun wie bisher und erfolgreich sein.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE
THOMAS SPONTICCIA

Klaus Töpfer in seinem neuen Büro auf dem Euref Umwelt-Campus im Berliner Stadtteil Schöneberg im Gespräch mit Merkur-Mitarbeiter Thomas Sponticcia.
Klaus Töpfer in seinem neuen Büro auf dem Euref Umwelt-Campus im Berliner Stadtteil Schöneberg im Gespräch mit Merkur-Mitarbeiter Thomas Sponticcia. FOTO: Thomas Sponticcia