| 00:00 Uhr

Luxemburgs Ex-Premier Juncker führt Konservative in Europawahl

Brüssel. Die konservative EVP-Parteienfamilie hat Jean-Claude Juncker zu ihrem Spitzenkandidaten gemacht. Nun hofft der einstige Luxemburger Premier, im Falle eines Wahlsiegs Präsident der nächsten EU-Kommission zu werden. ing

Jean-Claude Juncker gibt sich angriffslustig. "Wir dürfen das Soziale nicht den Sozialisten überlassen. Es ist besser bei uns aufgehoben", ruft der 59-Jährige vom Rednerpult in den großen Saal des Dubliner Konferenzzentrums. Die Millionen von Arbeitslosen in der EU dürften nicht zum 29. Mitgliedstaat werden. Es ist die Bewerbungsrede eines Überzeugungstäters. Juncker will Kommissionspräsident werden. Die konservative europäische Volkspartei (EVP) hat ihn gestern zu ihrem Spitzenkandidaten für die Europawahl und den Chefsessel der Brüsseler Exekutive gewählt. Im Europaparlament stellt die EVP derzeit die stärkste Fraktion vor den Sozialdemokraten. Juncker soll dafür sorgen, dass dies so bleibt.

Er ist der sozialistischste Christdemokrat, den die EVP zu bieten hat. Und damit wird er ein schwerer Gegner für seinen sozialdemokratischen Rivalen Martin Schulz. Denn einen klassischen Lagerwahlkampf kann der SPD-Politiker gegen den Luxemburger nicht führen. "Ich schätze Martin Schulz sehr", sagt Juncker. Und er scheue im Wahlkampf keineswegs davor zurück, neben Unterschieden auch Gemeinsamkeiten zu betonen.

Seine Leidenschaft für die europäische Einigung liegt in seiner Biografie begründet. Als die deutsche Wehrmacht Luxemburg im Zweiten Weltkrieg besetzte, wurde Junckers Vater zwangsrekrutiert und an die russische Front geschickt. "Ich will, dass nie wieder einer Generation die Jugend vom Krieg gestohlen wird", sagt Juncker deshalb oft. Wer an Europa zweifele, solle Soldatenfriedhöfe besuchen.

Eigentlich wollte er nie Berufspolitiker werden. "Aber ich kann (…) nicht abstreiten, dass ich es geworden bin", sagt der vereidigte Rechtsanwalt. Politik ist sein Leben. Mit 28 wurde er Staatssekretär für Arbeit und soziale Sicherheit, mit 35 erstmals Minister und Gouverneur Luxemburgs bei der Weltbank. Von 1995 bis Ende 2013 war er Regierungschef des Großherzogtums - und lange Jahre auch dienstältester Premier Europas. Umso härter traf es ihn, dass er wegen einer Affäre um Missstände beim Geheimdienst Neuwahlen ausrufen musste und von einer Koalition aus Liberalen, Sozialdemokraten und Grünen in die Opposition verbannt wurde. Ein etwas glanzvolleres Karriereende hatte sich der ehrgeizige Polit-Fuchs schon vorgestellt. Deshalb greift Juncker nun noch einmal an - auf europäischer Ebene.

Juncker war einer der Architekten der Währungsunion. Als langjähriger Chef der Eurogruppe hatte er auch bei der Rettung der Gemeinschaftswährung eine zentrale Rolle. "Die Eurozone war in Gefahr”, rief er in Dublin in den Saal. Er habe alles getan, "um die Katastrophe zu verhin dern”.